Stephan Malinowski © picture alliance/dpa Foto: Fabian Sommer

Historiker Malinowski über "Die Hohenzollern und die Nazis"

Stand: 28.09.2021 14:55 Uhr

Der Historiker Stephan Malinowski liegt seit seinem "Gutachten zum politischen Verhalten des ehemaligen Kronprinzen Wilhelm Prinz von Preußen" (2014) mit der Familie Hohenzollern juristisch im Streit. Nun hat er ein neues Buch veröffentlicht: "Die Hohenzollern und die Nazis".

Stephan Malinowski © picture alliance/dpa Foto: Fabian Sommer
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Herr Malinowski, Ihr Buch heißt im Untertitel "Geschichte einer Kollaboration", also zwischen den Hohenzollern und den Nationalsozialisten. Was war das für eine Zusammenarbeit?

Stephan Malinowski: Ich habe den Begriff der Kollaboration mit Bedacht gewählt, weil der Kollaborateur im Grunde jemand ist, der mit der Gegenpartei nicht unbedingt hundertprozentig übereinstimmen muss. Das ist auch bei den Hohenzollern so: beim Kronprinzen, beim Kaiser und bei den anderen wichtigen Handlungsträgern in der Familie, dass sie bestimmte Gemeinsamkeiten mit dem Nationalsozialismus haben. Antisemitismus ist eine der wichtigen Brücken. Der Hass auf die Republik, auf die Demokratie, auf die Sozialisten, auf die Kommunisten und auf die Gewerkschaften. Der Hass auf das, was wir heute als Moderne bezeichnen. Im Buch beschreibe ich, wie diese Zusammenarbeit besteht und warum der Kronprinz und andere wichtige Mitglieder aus der Familie am Ende dazu kommen, den Nationalsozialismus öffentlich zu unterstützen. Eines der wichtigen Elemente ist ein großer öffentlicher Aufruf des Kronprinzen im April 1932, man solle bei der Reichspräsidentenwahl Hitler wählen. Das ist aber nur ein Element in einer langen Reihe von vielen, die im Buch beschrieben sind. Ich habe mir auch viel Mühe gegeben, die Zeit nach 1945 zu beschreiben - also die Zeit der Legendenbildung. Und die Zeit, in der die Familie Hohenzollern beginnt, ihre eigene Geschichte im Dritten Reich zu erklären und aufzuschlüsseln.

Lassen Sie uns noch einmal auf den Beginn schauen: Wie haben die beiden Seiten voneinander profitiert? Denn so eine Kollaboration funktioniert eigentlich nur, wenn beide was voneinander haben.

Buchcover: Stephan Malinowski: "Die Hohenzollern und die Nazis" © Propyläen Verlag
"Die Hohenzollern und die Nazis" ist im Propyläen Verlag erschienen und kostet 35 Euro.

Malinowski: Hitler sucht im Jahre 1919/1920 nach Kollaborationspartnern und nach Unterstützern in den alten Eliten. Der Mann kommt aus dem Weltkrieg zurück, war vor dem Weltkrieg ein mehr oder weniger heimatloser Postkartenmaler in Österreich. Und diese junge nationalsozialistische Bewegung braucht Unterstützer aus den alten Funktionseliten. Zu diesen gehört die Familie Hohenzollern als symbolischer Hauptträger der alten Eliten und der Monarchie. Insofern ist das Kalkül der Nationalsozialisten, Unterstützungspartner in der Reichswehr, bei den Großgrundbesitzern und in anderen Funktionseliten zu bekommen, für die man Zuträger und Vermittler braucht.

Umgekehrt ist das Kalkül der gefallenen Herrscherdynastie der Hohenzollern, dass sie Brücken brauchen hinein in die Bevölkerung und die hochdynamische rechtsradikale Bewegung, die entsteht. Die Nationalsozialisten sind ja am Anfang nur eine Bewegung innerhalb des rechtsradikalen Gestrüpps, das in den 20er- und 30er-Jahren entsteht. Und diese Bündnispartner zu bekommen und von dieser Dynamik, wie sie sich seit 1929/1930 herausstellt, zu profitieren, ist Teil des Kalküls der Hohenzollern-Familie.

Wie stark haben sie denn tatsächlich profitiert? Kolleginnen und Kollegen von Ihnen reden die Rolle des Kronprinzen Wilhelm Prinz von Preußen durchaus klein.

Malinowski: Es gibt eine Debatte unter Historikern über die Rolle, über die Wirkung und über die Bedeutung, die dieser Mann noch haben konnte, weil er in der Tat keine politische Funktion ausübte. 1918 wurde er auf eine holländische Insel verbannt und kam erst 1923 zurück nach Deutschland. Man kann vielleicht - das ist mein Ansatz im Buch - zwischen der Person und der Figur trennen. Die Person ist relativ unbedeutend: Er ist weder besonders intelligent, noch hat er andere herausragende Charaktereigenschaften. Aber als Namensträger der Hohenzollern, als einer der möglichen Thronprätendenten, repräsentiert er die angeblich glänzende kaiserzeitliche Vergangenheit. Zugleich symbolisiert er den gesamten Glanz des preußischen Hochadels auf eine Art und Weise, die nur ganz wenige andere Personen hätten darstellen können. Wenn man den Kronprinzen und andere Mitglieder der Familie als Darsteller begreift, dann symbolisiert dieser Mann noch einen Teil des Kaiserreichs, der Armee, des Großgrundbesitzes, des Adels und der deutschen Oberschichten. Er wird von Millionen von Deutschen, von Europäern und von Amerikanern beobachtet - und zwar täglich und wöchentlich. Das lässt sich anhand der Pressequellen sehr eindeutig nachweisen.

Wilhelm Prinz von Preußen hat immer zugesehen, dass er in einem möglichst vorteilhaften Licht erscheint - bereits sehr früh, aber auch deutlich über das Dritte Reich hinaus. Wie hat das funktioniert? Und in welchem Licht wollte er jeweils erscheinen?

Malinowski: Der PR-Begriff entstand um 1918 aus einer Mischung aus politischer Propaganda und Produktwerbung. Die Hohenzollern haben sehr früh begonnen, mit Ghostwritern, Journalisten und Fotografen zu arbeiten, die diese Familie auf eine bestimmte Art und Weise stilisieren. Es geht darum, dass der Kronprinz zurück nach Deutschland wollte, was Gustav Stresemann im Wesentlichen für ihn arrangiert hat. 1923 ging es darum, ihn als Privatperson darzustellen, der zurück zu seiner Familie und zu seiner Ehefrau möchte. Später ging es darum, ihn als eine potenzielle Führerfigur für die Zukunft darzustellen. Und nach 1945 ging es für die Familie - wie für andere Teile der deutschen Konservativen - darum, sich selbst an den konservativen Widerstand um das Bombenattentat vom 20. Juli 1944 heranzuschreiben. In den frühen 50er-Jahren entsteht im Grunde das Narrativ, man sei eigentlich selbst auch ein Opfer der Nationalsozialisten gewesen. Man sei betrogen worden und man habe am Ende eigentlich Kontakte zum Widerstand gepflegt und mehr oder minder zumindest symbolisch dem Widerstand angehört. Das ist eine Legende, die in weiten Teilen der deutschen Konservativen von Bedeutung ist. Sie wird aber auch in der Familie sehr intensiv gepflegt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.09.2021 | 18:00 Uhr