Stand: 18.06.2020 14:05 Uhr

"Amartya Sen schlägt Brücken, wo andere keine sehen"

Den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften hat Amartya Sen schon. Nun wird er auch mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der aus Indien stammende Ökonom, Soziologe und Philosoph setze sich seit Jahrzehnten als "Vordenker mit Fragen der globalen Gerechtigkeit" auseinander, heißt es in der Begründung der Jury. Seine "Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit" seien heute "so relevant wie nie zuvor". Amartya Sen fragt etwa danach, wie Hungersnöte entstehen und welche Rolle dabei das politische System spielt. Oder wie sinnvoll es ist, den Erfolg und den gesellschaftlichen Wohlstand eines Landes an seinem Bruttoinlandsprodukt zu messen. Die Philosophin, Schriftstellerin und Journalistin Hilal Sezgin spricht über ihn im Interview.

Amartya Sen bei einer Veranstaltung © imago images / Hindustan Times Foto: Amal KS/Hindustan Times
Amartya Sen wurde 1998 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet.

Einen Denker mit dem Friedenspreis auszuzeichnen, der bereits den Nobelpreis bekommen hat, überrascht. Warum ist die Entscheidung des Deutschen Buchhandels für Amartya Sen aus Ihrer Sicht dennoch wichtig und richtig?

Hilal Sezgin: Mich hat die Entscheidung sehr gefreut, weil ich die Werke von Amartya Sen schon lange kenne. Der Friedenspreis ist ein sehr politischer Preis und man sucht immer nach dem Signal. Unter dem Aspekt ist es auch ein bisschen überraschend, da man das Gefühl hat, dass alle über Rassismus sprechen. Man könnte ja auch jemanden ehren, der über den Rassismus in Europa gesprochen hat. Die Themen von Amartya Sen sind eher zeitlose, immer auch aktuelle Themen.

Amartya Sen wurde 1933 in eine bengalische Oberschicht geboren. Er ist in einem Land aufgewachsen, das unter Hunger litt (in der Hungersnot von 1943 starben Millionen von Bengalen) und Rassismus war mitunter ein Grund für diese Hungersnot. Diese zwei Themen, Hunger und Rassismus, treiben uns heute immer noch um. Wo kann uns das Werk von Amartya Sen da wegweisend weiterhelfen?

Sezgin: Sein Leben umfasst so viele Biografien, das können wir uns gar nicht vorstellen. Es umfasst viele Länder, viele intellektuelle Debatten, viele Jahrzehnte und viele Modernisierungsschübe. Wenn man diese Zeit Revue passieren lässt, wird einem klar, was ein fruchtbarer Denker hieraus machen kann. Und das hat er eben gemacht. Er hat sich nicht nur zu Rassismus, sondern auch zu kultureller Identität positioniert. Er wendet sich immer stark gegen das Klischee, es gäbe kulturelle Identitäten, die separat voneinander entstünden. Er sucht auch nach der gemeinsamen Rationalität in verschiedenen Kulturen beziehungsweise er sagt, dass es in den verschiedenen Kulturen unterschiedliche Denkmuster oder Rationalitäten geben kann, dass diese aber alle einen gemeinsamen Kern haben und sich deshalb sehr gut verständigen können. In seinem Denken lassen sich Wirtschaft und Gerechtigkeit und verschiedene Kulturen versöhnen, indem er souverän Brücken schlägt oder sieht, wo andere vorher gar keine gesehen haben.

Joachim Dicks von der Literaturredaktion bei NDR Kultur sagte über Amartya Sen, preiswürdig sei vor allem auch Sens "Heraustreten aus dem philosophischen Diskurs in ein pragmatisches, lebenszugewandtes Denken und Handeln". Wie schätzen Sie diese Fähigkeit als Philosophin ein, die ja selbst auch lebt, wofür sie kämpft?

Autorin Hilal Sezgin © picture alliance HMB Media Foto: Volker Danzer
Hilal Sezgin ist Philosophin, Autorin und Journalistin.

Sezgin: Er ist sehr erstaunlich. Er stellt Dinge grundsätzlich in Frage, er verlangt aber nicht, dass man diesen Kategorien zustimmt. Amartya Sen ist ein sehr pragmatischer Denker. Er misst Gesellschaften und Institutionen daran, inwieweit sie ihren Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, bestimmte Freiheiten oder wichtige Fähigkeiten umzusetzen und zu verwirklichen. Daran und nicht an abstrakten Idealen wird bei ihm Gerechtigkeit gemessen.

Wo fühlen Sie sich als Philosophin Amartya Sen besonders nah?

Sezgin: Ich habe tatsächlich viel von ihm gelernt und auch von einer Philosophie-Professorin, Martha Nussbaum, die mit ihm zusammengearbeitet hat. Sie verfolgt den pluralistischen Ansatz, dass es bei Menschen und auch bei Tieren darum geht, dass wir alle Fähigkeiten haben, die wir in unserem Leben verwirklichen wollen. Sie sind uns gegeben, kulturell variabel und sehr unterschiedlich. Wir haben hier keine Theorie vor uns, die ein Ideal über alle anderen stellt. Das finde ich in der Tat eine sehr positive und inspirierende Art zu denken. 

Was würden Sie Amartya Sen fragen wollen, wenn Sie die Möglichkeit hätten ihn zu treffen?

Sezgin: Ich würde vermutlich vor Ehrfurcht erstarren. Ich habe Martha Nussbaum mehrmals kennengelernt und auch sie ist eine sehr beeindruckende Person. Ich glaube, dass ich bei ihm sehr viel Respekt hätte. Er ist ein Mensch, der so viel miterlebt hat und seine Erlebnisse so fruchtbar zu machen weiß - das macht schon sehr viel Eindruck! 

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 17.06.2020 | 19:00 Uhr

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