Stand: 02.05.2019 17:15 Uhr

"Ich durfte zum ersten Mal meine Meinung äußern"

Sulaiman Tadmory ist Volontär beim NDR. Der 30-jährige Journalist kommt aus Syrien. Er lebt seit vier Jahren in Hamburg. Hier darf er endlich ein "normaler Journalist" sein und seine Meinung sagen, wie er im Interview mit NDR.de zum Tag der Pressefreiheit betont.

In Syrien durftest Du Deine Meinung nicht sagen - warum wolltest Du trotzdem Journalist werden?

Sulaiman Tadmory: Als ich 16 Jahre alt war, habe ich ein Theaterstück geschrieben. Ich war mit ein paar Freunden im Theater und wir haben geplant, wie wir anfangen können. Da kam plötzlich ein Typ vom Geheimdienst und hat mich gefragt, ob er das Exposé lesen kann. Er hat es gelesen und hat alles durchgestrichen, wo das Wort "Freiheit" vorkam. Er meinte: "Kleiner, du weißt wer ich bin? Vergiss das zu machen und wenn du nur dran denkst, werden wir es rausfinden und du siehst dann das Licht in deinem Leben nicht mehr - du verschwindest." Ich war jung und hatte nicht viel Ahnung, wie schlimm das Regime ist. Das Theaterstück war eine Liebesgeschichte als Komödie. Aber die Frau in der Geschichte spricht viel von Freiheit - und das Regime hat einfach Probleme mit diesem Wort. Freiheit - sie hassen das Wort. In diesem Moment wusste ich, dass ich für Demokratie, Freiheit und Frieden kämpfen möchte.

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Welche Erfahrungen hast Du dann als Journalist in Syrien gemacht? Über was konntest Du berichten?

Tadmory: Als Journalist in Syrien brauchte man immer vom Regime die Zusage. Ich konnte nur arbeiten, wenn ich den Diktator verehre. Ich konnte erst freier berichten, als die Revolution Ende 2011 begonnen hatte. Ich dachte: Das ist meine Aufgabe als Journalist, für Freiheit und Frieden zu berichten. Ich habe nicht gefordert, dass Al-Assad abtritt, sondern wollte der Welt zeigen, was hier passiert und dass wir friedlich demonstrieren für Demokratie und Freiheit. Aber als das nicht mehr friedlich war, bin ich nach Deutschland geflohen, wo mein Bruder und meine Onkel seit 20 Jahren leben.

Wie erlebst Du den Unterschied zu Deiner Arbeit als Journalist jetzt in Deutschland?

Tadmory: Man kann das nicht vergleichen. Ich komme aus einem Land, wo Krieg herrscht und das eine Diktatur ist. Nicht nur ein paar Sachen sind hier anders, sondern als Journalist lebe ich hier in einer anderen Welt. Ich war immer so begeistert, dass ich jetzt Journalist bin, und wenn ich die Polizei sehe, habe ich keine Angst, ich muss mich nicht verstecken, verschwinden oder schnell weglaufen. Das war eine lange Zeit für mich unrealistisch.

Welche Erfahrung hast Du als Journalist in Deutschland gemacht?

Tadmory: Ich arbeite beim NDR und da durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben offiziell als Journalist meine Meinung ganz normal äußern. Ich dachte, so etwas werde ich nicht in meinem Leben erleben. Nicht nur in Syrien, sondern überall in den arabischen Ländern, wo man nicht als Journalist seine Meinung äußern kann. Ich habe bis jetzt viel gelernt und viele gute Erfahrungen gesammelt.

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Wie bewertest Du die Pressefreiheit in Deutschland?

Tadmory: Wenn man aus dem dunklen Krieg zum hellen Frieden kommt, dann merkt man nicht schnell, ob es überhaupt Fehler gibt. Sondern man ist dankbar für die Helligkeit und ich kann nicht sofort bemerken, ob man hier bei der Pressefreiheit etwas verbessern kann. Ich glaube, wenn man als Journalist so schlimme Erfahrungen gemacht hat, kann man sich hier nicht beschweren - oder höchstens erst nach ein paar Jahren.

Hast Du in Deutschland keine Angst mehr vor dem syrischen Geheimdienst?

Tadmory: Ich war in Syrien immer unter einem Pseudonym tätig, auch auf Social Media - immer ohne Bild - und habe mich ''Hamzah'' genannt. Direkt als ich nach Deutschland kam, habe ich mich als Sulaiman Tadmory präsentiert. Ich habe keine Angst vor dem Geheimdienst oder dem IS. Hier habe ich meine Freiheit und mein Recht. Wenn ich hier alle Regeln respektiere, darf niemand mich stören. Ich weiß, wenn jemand noch Familie in Syrien hat, wo Al-Assad die Kontrolle hat, dann ist es gefährlich und es kann sein, dass seine Familie verhaftet würde. Aber wenn nicht, dann hat man hier keinen Grund, Angst zu haben.

Das Interview führte Oliver Diedrich für NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 03.05.2019 | 07:20 Uhr