Stand: 28.08.2020 13:34 Uhr

Herrenhäuser Gespräch über gendergerechte Sprache

von Agnes Bührig

Ist Sprache vor allem ein Abbild existierender Verhältnisse oder wird sie bewusst benutzt, um diese zu verändern? Um diese Frage kreist die Debatte um die geschlechtergerechte Sprache, das sogenannte Gendern, bei dem etwa Frauen bei Berufsbezeichnungen sichtbarer werden sollen. Das 63. Herrenhäuser Gespräch in Hannover trug den Titel "Herrlich dämlich? Die Debatte um eine gendergerechte Sprache".

Podium mir vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Moderator Ulrich Kühn. © VolkswagenStiftung Foto: Philip Bartz
Nur über Diskussionen und Austausch kann in Sachen gendergerechte Sprache eine Lösung gefunden werden, sind sich alle einig.

Das Auditorium von Schloss Herrenhausen ist coronabedingt nur gut zur Hälfte gefüllt, die Mikrofone erneut in Plastiktüten gehüllt, doch der Freude am Diskutieren tut das keinen Abbruch - zumal Moderator Ulrich Kühn als Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur tagtäglich mit Sprachwandel zu tun hat. Und so zielt eine der Fragen des Abends auf Grundlegendes: Was ist Sprache?

Sprache kann eine "asoziale Technologie" sein

Für Christoph Klimmt, Professor am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, ist es eindeutig: Sprache ist eine soziale Technologie: "Wir benutzen sie tatsächlich als Teil des Kitts, der Menschenherden, Familien, Gesellschaften zusammen hält, um sie zu organisieren. Auch das ist für den modernen Menschen eine ganz essentielle Funktion, auch das ginge nicht ohne Sprache. Aber wir können sie nicht nur benutzen, um sozialen Zusammenhalt zu erzeugen, sondern wir können auch das Gegenteil damit anstellen. Wir können ausgrenzen, angreifen, Konflikte befördern und so weiter. Also kann Sprache auch eine asoziale Technologie sozusagen sein." Ausgrenzend etwa, wenn die Berufsbezeichnung Hebamme einen nicht an Männer denken lässt, das Wort Bauarbeiter nicht an Frauen.

"Fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker"

Wie Wörter entschlüsselt werden, das untersucht die kognitive Linguistik. Evelyn Ferstl, Professorin für Kognitionswissenschaft und Genderforschung an der Universität Freiburg, berichtet von Experimenten bei denen die Reaktionszeit gemessen wird, wenn die Aussage eines Satzes verschiedenen Bildern zugeordnet werden soll, das sogenannte Satz-Bild-Zuordnungs-Paradigma: "Wir verwenden dieses Paradigma, um bei der gendergerechten Sprache zu testen, ob zum Beispiel so ein Satz wie: 'Fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker' dann allgemein verstanden wird. Das heißt, ob Frauen mitgedacht werden oder ob das eine maskuline, also eine männliche Repräsentation hervorruft. Und tatsächlich ist es so, wie wir erwarten würden. Wenn nach diesem Satz eine weibliche Apothekerin gezeigt wird, sind die Reaktionszeiten leicht länger, als wenn ein männlicher Apotheker gezeigt wird." 

Auch Sein prägt das Bewusstsein

Gabriele Diewald, Professorin am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Leibniz Universität Hannover © VolkswagenStiftung Foto: Philip Bartz
Professorin Gabriele Diewald forscht am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Leibniz Universität Hannover.

Ergo: Männliche Berufsbezeichnungen im Plural meinen die Frauen zwar mit, das Bild einer Apothekerin damit zu verbinden, dauert dann aber doch länger. Doch das war nicht immer und überall so. In der DDR etwa riefen männliche Berufsbezeichnungen durchaus das Bild von Frauen auf, sagt Gabriele Diewald. Sie ist Professorin am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Leibniz Universität Hannover und hat für die Duden-Redaktion jüngst ein Handbuch zur geschlechtergerechten Sprache mit verfasst. Sie hat festgestellt: "Es ist nicht so, dass Sprache Bewusstsein prägt, sondern auch Sein Bewusstsein prägt, insbesondere im Sozialismus. Und wenn tatsächlich Frauen seit den 50er-Jahren komplett in sämtlichen Bereichen berufstätig waren, war da sozusagen eine andere gesellschaftliche Haltung. Da war es so: Wenn man Ingenieur gesagt hat, da konnte man drauf gehen: Da trifft man eine Frau." 

Ruhe bewahren und kommunizieren

Heute gibt es viele weibliche Ingenieure. Die von der männlichen Wortform abgeleitete Ingenieurin bildet die Wirklichkeit ab, genauso wie Ingenieur*innen Männer mit meint. Was also tun, wenn es beim Thema geschlechterneutrale Sprache demnächst wieder einmal hoch hergeht? Ruhe bewahren und andere akzeptieren, wie sie sind - und sprechen - da sind sich die Diskutierenden auf dem Podium einig. Manchmal hilft es aber auch, der Herkunft der Wörter nachzuspüren, gibt Professorin Damaris Nübling vom Deutschen Institut der Universität Mainz in Bezug auf den Titel des Abends zu bedenken: "Dämlich kommt gar nicht von Dame, sondern es kommt von taumeln, das ist ein niederländisches Wort und hat also mit Dame überhaupt nichts zu tun." 

Das Herrenhäuser Gespräch sendet NDR Kultur am Sonntag, den 4. Oktober 2020, ab 20 Uhr in der Sendung Sonntagsstudio.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.08.2020 | 19:00 Uhr