"Herkunft" - Stanišics Roman als Erinnerungsparcours am Thalia

Stand: 23.08.2021 13:20 Uhr

Das Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße eröffnete am Sonntag die Saison mit Saša Stanišićs Roman "Herkunft". Regisseur Sebastian Nübling inszeniert ihn als Erinnerungsparcours mit Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler.

Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler auf der Bühne bei der Premiere des Stücks "Herkunft" am Thalia Theater © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
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von Peter Helling

Ein Beststeller als Bühnenstoff: Am Sonntagabend wurde die neue Saison im Hamburger Thalia Theater mit "Herkunft" von Saša Stanišić eröffnet. Im Thalia Gaußstraße feierte der 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman in einer Theaterfassung Premiere.

"Herkunft" - Saisonauftakt mit Stanišić am Thalia Theater

Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler auf der Bühne bei der Premiere des Stücks "Herkunft" am Thalia Theater © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler als Großmutter und Enkel.

Im Mittelpunkt steht die Frage: "Woher kommst du?" Wenn Sie jemand das fragt, was antworten Sie? "Ich lebe in Hamburg, ich habe einen deutschen Pass, und ich bin Anhänger, das muss ich leider an dieser Stelle sagen, des Hamburger Sportvereins", sagt das Bühnen-Ego Stanišićs mit einem entschuldigenden Lächeln. Der Autor bietet in seinem Roman viele Antworten: Dass es nämlich nicht den einen Ort gibt, aus dem wir kommen. "Jedes Zuhause ist ein zufälliges, dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft."

Sebastian Zimmler spielt Saša Stanišić als traurigen Jungen

Sebastian Zimmler spielt Saša Stanišić mit erschöpften, traurigen Augen, sitzt da, in Turnschuhen und bunter Jacke, streicht den Scheitel aus seinem Gesicht und redet auf seine demente Oma ein. Sensationell knochig und verbissen gespielt von Lisa Hagmeister. Saša ist das Kind serbisch-bosniakischer Eltern, oder besser: Er ist Kind von Jugoslawen, damals vor dem Krieg.

1992 ist er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Ein Geflüchteter. "Wir sind Jugoslawen, das ist unsere Herkunft und unsere Zukunft", tönt es von der Bühne. Dort gibt es ein Sammelsurium schwarzer Dinge: Zimmerpflanze, Bügelbrett, das olympische Maskottchen von Sarajevo zwinkert nervös mit den Augen, alles in Schwarz. Und Großmutter sitzt im bequemen Rentnerstuhl mit eingebauter Hebe-Funktion. Es ist ein Raum voller erloschener Erinnerungen: "Als meine Großmutter ihre Erinnerung zu verlieren beginnt, beginne ich, Erinnerungen zu sammeln", formuliert der junge Autor im Buch, wie auf der Bühne.

Abend beginnt mit Lebenslauf für die Ausländerbehörde

Ausgangspunkt des Abends ist der Lebenslauf, den Saša Stanišić 2008 vor seiner Einbürgerung in Heidelberg zusammen fantasiert. "Ich schreibe der Ausländerbehörde, ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie etwas geklaut." Heimat, das ist: der rot-weiße Fan-Schal oder ein frisches Glas Wasser am Grab der Urgroßeltern. Vernesa Berbo singt traditionelle Lieder aus Ex-Jugoslawien und verleiht dem Abend große Sinnlichkeit. Mit Maike Knirsch braucht es nur vier Spieler und Spielerinnen, um die Geschichte Sašas, sein Ankommen im neuen Land, zu erzählen.

"Herkunft" wird auf der Bühne ein Ort im Jetzt

Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler auf der Bühne bei der Premiere des Stücks "Herkunft" am Thalia Theater © Krafft Angerer Foto: Krafft Angerer
Die Bühnenfassung des Romans braucht nur vier Spieler und Spielerinnen, um die Geschichte Sašas zu erzählen.

Eine Zuschauer meint, er finde das Stück "wahnsinnig gut. Ich habe das Buch gelesen und finde, dass die Stimmung des Buches sehr gut wiedergegeben wurde, vielleicht sogar noch ein bisschen düsterer." Eine andere ist ebenfalls begeistert, weil die Theaterfassung "die wahnsinnige Unruhe und Anstrengung transportiert, die Menschen mitbringen müssen, die ihr Herkunftsland verlassen und sich neu orientieren müssen."

Regisseur Sebastian Nübling inszeniert eine Art Erinnerungsparcours. Indem das Stück Jahreszahlen mit persönlicher Bedeutung für den Autor nachbuchstabiert, wird es aber zum Fotoalbum, bildet ab, anstatt erlebbar zu machen. Das ist schön anzusehen, bleibt aber Rückschau und zieht sich in die Länge. Immer in sicherer Distanz. Fast immer. Wenn Großmutter und Saša am Ende auf der Bühne sitzen, umstellt von schwarzen Dingen wie Schatten, dann lebt der Abend plötzlich. Weil Herkunft ein Ort im Hier und Jetzt wird.

Weitere Informationen
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"Herkunft" - Stanišics Roman als Erinnerungsparcours am Thalia

Am Sonntag feierte die Bühnenfassung des Romans zum Saisonauftakt Premiere. Sebastian Nübling inszeniert ihn als Erinnerungsparcours.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Thalia Theater - Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765 Hamburg
Preis:
11,00 - 48,00
Kartenverkauf:
theaterkasse@thalia-theater.de
Hinweis:
Regie Sebastian Nübling Bühne Evi Bauer Kostüme Pascale Martin Dramaturgie Julia Lochte Musik Polina Lapkovskaja (Pollyester)
Mit Vernesa Berbo, Lisa Hagmeister, Maike Knirsch, Sebastian Zimmler
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.08.2021 | 07:20 Uhr

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