Helga van Beuningen © privat

Helga van Beuningen erhält Straelener Übersetzerpreis

Stand: 23.03.2021 17:20 Uhr

Der Straelener Übersetzerpreis geht in diesem Jahr an Helga van Beuningen für die Übersetzung des Debütromans von Marieke Lucas Rijneveld, "Was man sät". Im Interview spricht die Übersetzerin über ihre Arbeit.

Helga van Beuningen © privat
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Frau van Beuningen, der Straelener Übersetzerpreis gehört ja zu den höchstdotierten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum. Aber ganz abgesehen vom Preisgeld - was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und für die Wertschätzung Ihrer Arbeit?

Helga van Beuningen: Ich freue mich ganz besonders über diesen Preis. Ich durfte im Laufe meines langen Übersetzer-Lebens schon einige entgegennehmen. Er heißt ja Straelener Übersetzerpreis, und in Straelen befindet sich das weltweit einmalige europäische Übersetzer-Kollegium, das den Preis vergibt. Das kann man alles gar nicht genug rühmen, denn die Arbeit von uns Literaturübersetzerinnen und -übersetzern steht nicht gerade im Rampenlicht.

Das Übersetzen ist schon eine unterschätzte Kunst, oder?

Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät (Cover) © Suhrkamp
Marieke Lucas Rijnevelds Roman "Was man sät" ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 22,00 Euro.

van Beuningen: Ja, absolut. Es ist immer zweitrangig, immer der originären Arbeit und Leistung des Autors nachgestellt. Womit ich persönlich kein Problem habe. Ich sage jungen Berufsanfängerinnen und -anfängern immer: "Wenn ihr eine Profilneurose habt, dann sucht euch besser einen anderen Beruf als den der Literaturübersetzerin." Ich glaube, die Öffentlichkeit macht sich viel zu wenig klar, was diese Arbeit ausmacht, wie wichtig sie ist. Denn ohne die Arbeit der Übersetzer könnten wir alle keine Kenntnis von der Weltliteratur nehmen.

Sie haben bei der Übersetzung von "Was man sät" die oft verstörenden Szenen und Metaphern mit einer "geradezu furchtlosen Genauigkeit" übersetzt - so das Urteil der Jury. Das klingt nach einer herausfordernden Arbeit. Trifft das zu und wenn ja, womit hatten Sie hier am meisten zu kämpfen?

van Beuningen: Ja, ich würde schon sagen, dass das absolut zutrifft. Wenn man den Roman nicht kennt, mag sich das nach Horror anhören oder zumindest nach Krimi, aber das ist es überhaupt nicht. Es ist die Geschichte von einer niederländischen Bauernfamilie aus dem streng calvinistischen Milieu. Die Kinder wachsen in der Furcht Gottes auf, mit dreimaligem Kirchgang am Sonntag. Das Buch ist gespickt mit Bibelzitaten, weil diese Familie ganz in diesem Geiste lebt. Insofern wird der plötzliche Tod des ältesten Kindes beim Schlittschuhlaufen von den Eltern als Strafe Gottes empfunden. Die sind vollkommen verstört, vergraben sich in ihrer Trauer und kümmern sich überhaupt nicht mehr um ihre drei überlebenden Kinder. So kommt es zu vielen verstörenden Szenen, weil sie zum Teil grausam sind gegen sich selber, gegen andere, gegen Tiere. Das geht schon sehr ans Mark. Manch einer würde vielleicht dazu neigen, das zu glätten, zu beschönigen, aber das darf nicht sein. Die Autorin hat das für sich so gesehen und so beschrieben, und genauso muss ich es auch sehen und in meiner Sprache nachbilden.

Marieke Lucas Rijneveld sollte das Gedicht "The Hill We Climb" von der jungen schwarzen Lyrikerin Amanda Gorman aus dem Englischen übersetzen. Nachdem es aber Proteste gab, sie als Weiße könne Gedichte einer Schwarzen nicht angemessen übersetzen, trat sie freiwillig von dem Auftrag zurück. Wie verfolgen Sie die Debatte und die dahinterstehende Frage: Wer darf wen übersetzen?

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Die amerikanische Dichterin Amanda Gorman liest ein Gedicht vor während der 59. Amtseinführung des Präsidenten im US-Kapitol. © AP Pool/dpa Foto: Patrick Semansky

Streit um Amanda Gorman-Gedicht: Wer darf wen übersetzen?

Um das Gedicht der Schwarzen Amanda Gorman ist eine neue Debatte entbrannt. Ein Gespräch mit der Übersetzerin Pieke Biermann. mehr

van Beuningen: Haareraufend, muss ich sagen. Die Debatte an sich ist ja nicht neu - das hat es in der Vergangenheit immer wieder mal gegeben, ob man zum Beispiel als normal denkende weibliche Übersetzerin eine ausgeprägt feministische Autorin übersetzen darf oder ob eine Frau einen Mann adäquat übersetzen kann und umgekehrt. Ich kann das nicht wirklich nachvollziehen, weil für mich an allererster Stelle die Professionalität steht. Das gehört einfach zu unserem Berufsprofil, dass wir uns pausenlos mit jedem Buch in eine völlig neue Welt hineinversetzen, einfühlen, eindenken, sodass wir auch die feinsten Intentionen des Autors oder der Autorin nachbilden können. Und da spielt es nicht so eine große Rolle, ob ich dieselbe Hautfarbe habe oder dasselbe Haustier wie mein Autor, den ich gerade übersetze.

Was braucht es denn für eine gute Übersetzung?

van Beuningen: Ganz viel Empathie. An allererster Stelle muss man seine Muttersprache, in die übersetzt wird, besser kennen als die meisten anderen. Man muss sein sprachliches Reservoir pausenlos auffüllen und erweitern, damit man einen breiten Horizont hat und nicht nur auf ein Genre und einen bestimmten Ton festgelegt ist. Das empfinde ich auch als das ungeheuer Spannende und Herausfordernde an meinem Beruf, mit jedem Buch eine ganz neue Welt zu betreten.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.03.2021 | 18:00 Uhr