Stand: 04.11.2017 11:30 Uhr

Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester

Die eine kennt jeder: Marlene Dietrich, fesche Lola, mondäner Weltstar, blonder Vamp. Von der anderen, ihrer Schwester Elisabeth, hat man bislang kaum etwas gehört. Und das, obwohl sie doch den größten Teil ihres Lebens bei uns im Norden verbracht hat, in der Nähe des Konzentrationslagers Bergen-Belsen (heute Landkreis Celle). Diese Wissenslücke schließt jetzt der Journalist und Schriftsteller Heinrich Thies.

Herr Thies, selbst für Menschen, die sich gut mit Marlene Dietrich auskennen, ist ihre Schwester Elisabeth ein blinder Fleck. Warum?

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Heinrich Thies hat eine fesselnde Doppelbiografie über Marlene und Elisabeth Dietrich geschrieben.

Heinrich Thies: Das hat damit zu tun, dass Marlene Dietrich ihre Schwester seit 1945 verleugnet hat. Es war ihr peinlich, dass ihre Schwester mit ihrem Mann in Bergen-Belsen ein Truppenkino für Wehrmachtssoldaten und SS-Offiziere betrieben hat, die im benachbarten KZ ihren Dienst verrichteten. Darum hat Marlene ihre Schwester Elisabeth, genannt Liesel, fortan verleugnet.

Waren die beiden denn trotzdem in Verbindung?

Thies: Die beiden hatten Kontakt miteinander, haben ganz viele Briefe miteinander gewechselt, haben telefoniert. Marlene hat ihre Schwester eingeladen, sie heimlich zu besuchen, am Rande von Gastspielen in London, Liverpool, Zürich, Paris usw. Sie hatten also intensiv Kontakt, aber es durfte nichts nach außen dringen.

Die beiden Schwestern, so wie Sie sie in Ihrem Buch beschreiben, waren sehr unterschiedlich. Und das, obwohl der Altersunterschied nur zwei Jahre betrug. Können Sie sich diesen Unterschied erklären?

Thies: Diese beiden Schwestern waren schon als Kinder sehr unterschiedlich. Liesel war brav, fleißig in der Schule, immer bereit sich unterzuordnen, schüchtern. Marlene war das genaue Gegenteil: keck, auftrumpfend, musisch begabt, in der Schule nicht gerade sehr engagiert. Vor allem war sie aber der Liebling ihrer Mutter, während Liesel von ihrer Mutter als Kind zur Aufpasserin bestellt wurde, zum "Wachhund". Marlene hat sie immer als "Tugendmoppel" bezeichnet. Diese Aufgabenteilung hat sich zeitlebens erhalten: Marlene, die dominante, kecke Femme fatale - Liesel, die graue Maus.

Und diese graue Maus ist dann mit ihrem Ehemann Georg Hugo Will als Kinobetreiberin in Bergen-Belsen gelandet, ein Kino, das viel von SS-Mitgliedern frequentiert worden ist. Inwiefern kann man aus der spärlichen Aktenlage heute sagen, dass Elisabeth möglicherweise Schuld auf sich geladen hat?

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"Fesche Lola, brave Liesel. Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester" ist im Hoffman und Campe Verlag erschienen und kostet 24,00 Euro.

Thies: Ob sie Schuld auf sich geladen hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall aber hat sie sehr viel von der Situation in Bergen-Belsen mitbekommen. Es ist ihr nicht verborgen geblieben, dass da tausende von ausgezehrten Häftlingen von der Verladerampe, die unmittelbar in der Nähe ihres Wohnorts lag, zum zwei Kilometer entfernten Konzentrationslager getrieben wurden. Das hat ihr vermutlich auch einen Schock versetzt. Aber die Täter standen ihr näher, die SS-Offiziere waren Stammkunden in ihrem Truppenkino, haben dort ihre Champagner-Partys gefeiert. Mit denen hat sie geplaudert, die haben ihr wahrscheinlich auch erzählt, wie schlimm es in diesem überfüllten KZ sei, Dienst zu tun, immer in der Gefahr, sich mit irgendwelchen Seuchen zu infizieren.

Marlene Dietrich war eine bekennende Gegnerin von Nazi-Deutschland, hat nun aber sehen müssen, dass ihre Schwester Elisabeth ein Teil eben dieses Nazi-Deutschlands war. Wie hat sich das ausgedrückt?

Thies: Marlene war entsetzt, als ihr in Bergen-Belsen bei ihrem Besuch im Mai 1945 bewusst wurde, welche Rolle ihre Schwester dort gespielt hat. Sie hatte ja beteuert, sie habe gemeint, Liesel sei im KZ gewesen. Und nun muss sie erfahren, dass Liesel auf Seiten der Täter gestanden hat, Leuten wie Josef Kramer, dem KZ-Leiter, schöne Stunden mit Heinz Rühmann und Marika Rökk beschert hat. Das hat sie absolut fassungslos gemacht. Sie hat dann auch mit ihrer Schwester geschimpft, hat ihr vorgehalten, dass sie sich nicht schon viel früher von ihrem furchtbaren Mann getrennt hat, diesem Wendehals, der in den 20er-Jahren mit Kästner und Tucholsky Kabarett gemacht hat, 1933 sofort in die NSDAP eingetreten ist und sich dann bei den Nazis angebiedert hat, indem er angeboten hat, seine Schwägerin "heim ins Reich" zu holen.

Buchcover: Heinrich Thies - Fesche Lola, brave Liesel © Hoffmann und Campe Verlag

Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester

NDR Kultur -

Marlene Dietrich kennt jeder: fesche Lola, mondäner Weltstar, blonder Vamp. Ihre Schwester Elisabeth ist gänzlich unbekannt. Heinrich Thies hat nun eine Doppelbiografie über die beiden geschrieben.

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Woher nehmen Sie das Wissen? Dieser Briefwechsel ist ja bis heute nicht wirklich zugänglich und noch nie wissenschaftlich ausgewertet worden. Da, wo in Ihrem Buch trotz intensiver Recherchen ein Lücke bleibt, füllen Sie sie mit Fantasie. Das ist sehr dünnes Eis, oder?

Thies: Dieser Briefwechsel ist öffentlich zugänglich, ist archiviert in der Marlene Dietrich Collection, die zur Deutschen Kinemathek gehört. Da sind also Briefe von Liesel, aber auch Briefe ihres Sohnes, wo man viel über Liesel lesen kann. Dann ist dort ein langes Interview gespeichert, das mit dem Sohn geführt wurde. Aber ich habe auch in Bergen-Belsen und in Bergen recherchiert, habe diverse Archive durchforstet und habe vor allem auch mit früheren Nachbarinnen gesprochen, sodass ich das, was dann fiktiv ist, durchaus auf gesicherte Fakten stützen kann. Es ist also nichts wirklich erfunden. Die Dialoge sind natürlich künstlich gestaltet, ich habe immer versucht, Szenen zu rekonstruieren. Aber diese Szenen bewegen sich ganz eng an der überlieferten Realität.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Feature
mit Audio

Marlene Dietrich, ihre Schwester und die Licht-Spiele von Bergen-Belsen

07.11.2017 20:00 Uhr
NDR Kultur

Ein unbekanntes Kapitel aus dem Leben der Filmdiva Marlene Dietrich: ihre Schwester Elisabeth als Kinobetreiberin in Bergen-Belsen während der Nazi-Diktatur. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.11.2017 | 19:00 Uhr

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