Stand: 17.05.2019 17:42 Uhr

Hat die Kunstfreiheit heute Grenzen?

von Martin Tschechne
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Autor Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg.

"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.": So heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes, das am 23. Mai 1949, mithin vor 70 Jahren, in Kraft getreten ist. Die Kunstfreiheit hat seitdem den Rang eines eigenen Grundrechts, nachdem die Nationalsozialisten Künstlern verboten hatten, aufzutreten oder ihre Werke auszustellen. Das Bundesverfassungsgericht bewertet insbesondere die Kunstfreiheit als wesentlich für die demokratische Grundordnung. Muss diese Freiheit immer wieder neu erkämpft werden - und hat sie ihre Grenzen?

Mitten im Gespräch knallten die Sicherungen durch. Das Stromnetz der Villa am Stadtrand von Leipzig war für die klotzigen Scheinwerfer des Fotografen aus dem Westen nicht ausgelegt. Kurzschluss. Januar 1990, ein grauer Nachmittag, der Maler Bernhard Heisig saß im Halbdunkel zwischen seinen Bildern und sinnierte, wie das alles hatte passieren können. Wie ein ganzes System kollabieren konnte, ohne dass irgendjemand erkannt hätte, worauf sie alle miteinander zusteuerten. Nicht die Intelligenz des Landes hatte es gesehen. Nicht mal seine eigenen Leute, die Künstler.

Der Mund eines Mannes ist mit dickem, grauem Klebeband zugeklebt. © fotolia.com Foto: its and Splits

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"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Hat die Kunstfreiheit heute Grenzen? Von Martin Tschechne

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Von seinen Kollegen an der Leipziger Kunstakademie erzählte der auch im Westen angesehene Vorzeigekünstler der DDR. Von Professoren, die ebenfalls schöne Häuser bewohnten; der Staat hatte sie bereitgestellt, mit eigenen Ateliers und Nordlicht-Fenstern, damit sie dort ungestört die Freiheit der Kunst entfalten konnten. Er schimpfte ein bisschen auf den Sozialistischen Realismus, der ihnen als offizielle Linie verordnet worden war, und goss Selbstironie über den verdrucksten Widerstand, in den sie sich geflüchtet hatten: Meist habe der sich darin erschöpft, dem Sujet "Arbeiterbrigade" oder "kollektiver Ernteeinsatz" durch matte und dumpfe Farben ein wenig von der Zuversicht zu verweigern, mit der die Kunst dem System zu Diensten sein sollte.

Und die Freiheit dieser Kunst? Mehr war nicht drin. Man wurde ja beobachtet.

Abstraktion mochten sie nicht in der DDR

Auch von seinen Studenten erzählte Heisig damals, im Januar 90, die schon an der Akademie sehr genau gesagt bekommen hätten, dass sie später mal von öffentlichen Aufträgen leben könnten. Oder eben nicht. Und von einem seiner Meisterschüler, einem begabten jungen Kerl, der es tatsächlich gewagt hatte, den Kulturfunktionären auf der staatlichen Leistungsschau im Jahr zuvor mit einer abstrakten Komposition unter die Augen zu treten.

Abstraktion mochten sie nicht in der DDR. Vielleicht, so argwöhnten die Funktionäre, vielleicht versteckte sich in dem wilden Geschmier ja eine subversive Botschaft. Eine Kritik am Regime womöglich. Und irgendwann an diesem grauen Januartag fiel - die eigene Position des alt gewordenen Künstlers betreffend - der strahlend kalte Satz: Wer in diesem System Begnadigungen aussprechen wollte, der habe eben auch Todesurteile unterzeichnen müssen.

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Der Aufbruch eines Landes

Als im Westen die Väter und Mütter des Grundgesetzes ihr Paragrafenwerk einer neuen und freiheitlichen Verfassung ausarbeiteten und es am 23. Mai 1949 verkündeten, hatten sie sehr frische Erinnerung an ein System, das Bücher verbrannt und Gemälde als "entartet" dem Spott der aufgehetzten Massen preisgegeben hatte. Das Künstler und Intellektuelle verfolgt und drangsaliert und zugelassen hatte, dass die Besten unter ihnen Sprache und Heimat zurückließen, um ins Exil zu fliehen. Ob dieser Verlust an Kultur und Intelligenz jemals ausgeglichen wurde oder ob er sich fortschrieb über Generationen hinweg - das wird sich nie beantworten lassen. Fest aber steht: Damals, nach dem Krieg, nach der Befreiung aus dem Nationalsozialismus war der Schmerz akut. Und kaum zu ertragen.

Also schrieben es die 65 stimmberechtigten Mitglieder des Parlamentarischen Rates in der denkbar knappsten Formulierung und ohne jede Einschränkung in ihr gemeinsames Werk, das den Aufbruch des Landes zu neuem Selbstverständnis und neuer Kultur beflügeln und zugleich sichern sollte. Artikel fünf, Absatz drei: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Mehr brauchte es nicht.

Jede Freiheit hat ihren Preis

Es wurde dann doch etwas komplizierter - als nämlich deutlich wurde, dass auch Konflikt möglich war zwischen Paragrafen des Grundgesetzes. Als die Techniken sich änderten und die Ausdrucksformen der Kunst nicht mehr so ganz dem Bild entsprachen, das sich die Autoren des Grundgesetzes von ihr gemacht hatten.

Jede Freiheit lädt ja dazu ein, ihre Grenzen auszuprobieren. Und genau dort, an den Grenzen, entsteht Neues. Dass die Künstler im Westen zunächst die informelle Malerei entdeckten und einfach alles unter abstrakten Seen aus Farbe und weit ausholenden Gesten verschwinden ließen, was irgendwie nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Geschichte aussah - das war zumindest mal eine Adresse an die neu gewonnene Freiheit. Ein neuer Anfang. Dass sie später das Happening als künstlerische Ausdrucksform erkannten und sich vor Publikum in Schweineblut wälzten oder nackt auf allen Vieren durch die Stadt krabbelten - mag sein, dass dieser oder jener sich darüber echauffierte oder auch sich fragte, was daran wohl Kunst sein sollte. Aber bitte. Jede Freiheit hat ihren Preis.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 19.05.2019 | 19:00 Uhr

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