Stand: 17.09.2018 17:34 Uhr

Die "neue" Sucht: Internet, PC, Smartphone

Am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg hat der Deutsche Suchtkongress 2018 begonnen. Schwerpunkte der dreitägigen Tagung von rund 600 Suchtforscherinnen und Suchtforschern sind die Internet-, Social-Media- und Computerspiel-Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen sowie die Erkrankungen durch Alkohol und Drogen. Insbesondere mit Letzterem beschäftigt sich der Suchtexperte Hans-Jürgen Rumpf.

Herr Dr. Rumpf, viel ist in den vergangenen Jahren über Internet-, Social-Media- und Computerspielabhängigkeit als "neuer" Sucht gesprochen worden. Treten da die "klassischen" Süchte - also Alkohol, Drogen etc. - ein bisschen in den Hintergrund?

Bild vergrößern
Hans-Jürgen Rumpf ist Privatdozent an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck.

Hans-Jürgen Rumpf: Ja, das hat aber keinen direkten Zusammenhang. Wir wissen, dass beispielsweise das Rauchen sehr viel seltener geworden ist, das ist eine sehr gute Entwicklung. Wir haben auch beim Alkoholkonsum einen Rückgang. Das sind Dinge, die wir positiv verzeichnen können. Wir haben es allerdings bei der Internet- oder auch bei der Computerspielsucht mit neuen Phänomenen zu tun, die nicht damit zusammenhängen, dass eine andere Sucht weniger wird und dadurch eine neue Sucht entsteht, sondern das sind die neuen technischen Möglichkeiten, die zu einer neuen Abhängigkeit führen können.

Wo beginnt denn die Sucht? Wenn beispielsweise Kinder und Jugendliche ständig mit dem Smartphone oder dem Computer hantieren, dann ist das noch keine Sucht, oder?

Rumpf: Es gibt drei klar benennbare Bereiche, die wichtig sind. Zum einen einen sogenannten Kontrollverlust: Das bedeutet, dass ich nicht mehr die freie Wahl habe, wie lange ich spiele und wie oft ich mich mit Instagram beschäftige, sondern es ist eine Art innerer Zwang, dass ich immer wieder online bin und diese Dinge betreibe. Das Zweite ist, dass das zu einer Priorität in meinem Leben wird. Das heißt, andere Dinge treten in den Hintergrund: Sport, Hobbys, Familie, Freunde, sodass es dort drittens zu negativen Folgeerscheinungen kommen kann, in der Form, dass ich zum Beispiel in der Schule oder im Beruf nicht mehr leistungsfähig bin, dass ich mich falsch ernähre, dass mein Gewicht zunimmt, dass ich keine körperliche Fitness mehr habe. Diese drei Bereiche machen die Sucht aus.

Ich habe in einer Studie gelesen, dass es 2,6 Prozent der 16- bis 17-Jährigen betrifft - das wären 100.000 Jungen und Mädchen. Das ist eine ziemliche Größenordnung, oder?

Hier finden Sie Hilfe bei Suchtproblemen

Die bundesweit einheitliche "Sucht & Drogen Hotline" ist unter der Telefonnummer (01805) 313 031 rund um die Uhr zu erreichen. Sie bietet telefonische Beratung, Hilfe und Informationen rund um Drogen und Sucht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat ein Infotelefon zur Suchtprävention geschaltet, das montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr sowie freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr unter der Telefonnummer (0221) 89 20 31 zu erreichen ist. Ein Verzeichnis der Suchtberatungsstellen in Deutschland bietet die BZgA im Internet.

Rumpf: Absolut. Wenn wir nicht nur die Jugendlichen sehen, sondern auch die Erwachsenen, dann haben wir circa zwei Prozent in der allgemeinen Bevölkerung - das sind relevante Bevölkerungszahlen. Das sind viele Betroffene, die entsprechende Hilfe benötigen.

Nun hat der Dachverband, der auch zu diesem Kongress eingeladen hat, im Vorfeld schon Alarm geschlagen und gesagt: Im Grunde ist die therapeutische Versorgung dieser Menschen mangelhaft. Warum?

Rumpf: Das liegt daran, dass wir ein neues Phänomen haben und sich da erst eine Versorgung entwickeln muss. Wir müssten also gucken, dass entsprechende Angebote breitflächig zur Verfügung stehen, dass die entsprechenden Helfer auch dazu qualifiziert werden. Wir müssen auch Methoden entwickeln, die besonders wirksam sind.

Wie geht man damit um? Als strenger Vater würde ich meinem Kind das Smartphone wegnehmen, Punkt.

Rumpf: Das würde ich Ihnen nicht empfehlen, sondern ich würde vorschlagen, dass Sie mit Ihrem Kind zusammen Regeln erarbeiten. Regeln sind immer dann besser durchführbar, wenn man sie gemeinsam entwickelt hat und eine Lösung findet, die in Ordnung ist; zum Beispiel dem Kind nahebringen, bei bestimmten Gelegenheiten das Smartphone nicht zu haben und um Einverständnis bitten. Diese Regeln sind sehr hilfreich und können auch dazu führen, dass die Kinder etwas haben, an was sie sich halten können und was auch zur Vermeidung von Sucht führen kann.

Wer ist da der richtige Therapeut? Sind Sie das als Institution, beispielsweise an der Uni Lübeck? Da heißt es ja, von denen gebe es flächendeckend nicht genügend. Oder ist es das Elternhaus, das private Umfeld, vielleicht bis hin zur Schule?

Rumpf: Man kann sicherlich im Elternhaus beginnen, weil die Eltern die Ersten sind, die Auffälligkeiten sehen und entsprechend reagieren können. Es gibt breitflächig in der Region Suchtberatungsstellen, die sich in der Regel auch auf diese neue Störung eingestellt haben. Man kann dort Erste Hilfe und eventuell auch eine Weiterverweisung bekommen. Sie haben vollkommen Recht: Spezialisierte Kliniken sind eher selten, aber man kann dort Erste Hilfe und weitergehende Informationen für weitere Hilfen bekommen. Es gibt noch ein paar Online-Angebote, zum Beispiel von der BZgA - auch das sind Möglichkeiten, wo man erste Ansatzpunkte findet, wie es mit der Hilfe weitergehen kann.

Warum sind es ausgerechnet junge Menschen, die so affin und so suchtanfällig sind?

Rumpf: Das liegt daran, dass junge Menschen generell für alle Suchterkrankungen anfälliger sind. Es findet ein Ausprobieren statt, und diese Menschen sind in der Steuerung ihres Verhaltens noch nicht voll ausgebildet. Das haben sie erstens nicht gelernt, und zweitens gibt es einen Teil im Gehirn, den präfrontalen Cortex, und der ist erst mit 21 Jahren voll ausgebildet. Das heißt, alles was die Verhaltenssteuerung anbelangt, ist dort noch nicht so wie bei einem Erwachsenen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.09.2018 | 19:00 Uhr

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

04:47
Kulturjournal
05:41
NDR Fernsehen
54:22
NDR Info