Stand: 03.07.2020 15:38 Uhr  - NDR Kultur

Hannovers klassische Musikszene gibt Konzertmarathon

In der Marktkirche von Hannover startet heute ein 29-stündiger Konzertmarathon mit dem Titel "hell:wach". Initiiert wurde er von Thomas Posth, dem künstlerischen Leiter des "Orchesters im Treppenhaus".

Herr Posth, wie muss man sich diesen Konzertmarathon vorstellen?

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"Die gesamte klassische Musikszene ist am Start", sagt Thomas Posth voller Vorfreude.

Thomas Posth: Es ist eigentlich genau das, was draufsteht: Wir haben ein Konzert organisiert, das 29 Stunden am Stück geht. Es beginnt heute um 19 Uhr, geht die ganze Nacht durch, und der letzte Ton erklingt dann kurz vor 24 Uhr Samstagnacht. Wir mussten sogar, weil wir so viele Anmeldungen hatten, neun Stunden Musik herauskürzen - wir hätten noch deutlich länger spielen können.

Es ist nicht eine Band oder ein Ensemble, das dort spielt, sondern man gibt sich quasi den Staffelstab in die Hand. Wer sind diese Menschen?

Posth: Diese Aktion soll die gesamte klassische Musikszene Hannovers zusammenbringen - und die gesamte klassische Musikszene ist auch am Start. Es haben alle Ensembles zugesagt: Die NDR Radiophilharmonie ist mit mehreren Ensembles dabei, die Staatsoper, das Staatsorchester, ganz viele freie Ensembles, freiberufliche Musikerinnen und Musiker, auch aus der Musikhochschule in Hannover. Insgesamt sind es über 57 verschiedene Ensembles.

Das Ganze ist nicht nur vom Unterhaltungsaspekt aus zu sehen, sondern Sie wollen damit etwas erreichen. Es gibt kein Eintrittsgeld, sondern es soll Spendengelder geben. Was ist damit gemeint?

Posth: Wir haben mehrere Ziele. Es ist so, dass die freie Musikszene - so wie viele Berufsgruppen zurzeit - sehr große Probleme hat. Die freie Musikszene durfte bis vor kurzem gar keine Konzerte spielen, wir hatten drei Monate lang ein Berufsverbot. Das wird noch sehr lange so weitergehen, dass wir nur in ganz begrenztem Rahmen auftreten und damit ganz schwer Geld verdienen können, wenn nur sehr wenige Leute kommen können. Insofern ist es eine Spendenaktion für die ganze freie Szene. Die festangestellten Musiker und Musikerinnen verzichten auf Spenden, sodass das ganz an die freie Szene geht. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein politisches Statement, das wir setzen wollen.

Inwiefern? Wem wollen Sie da was signalisieren?

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Unter dem Motto "hell:wach" hat das Orchester im Treppenhaus ein Konzert mit 29 Stunden Live-Musik initiiert. Mehr als 200 Musikerinnen und Musiker in 57 Ensembles sind dabei. mehr

Posth: Wir wollen ein großes Zeichen setzen und eine Forderung formulieren. Denn wenn man in den letzten Monaten genau zugehört hat, ist in der Politik über sehr vieles geredet worden, aber gerade im Land Niedersachsen ist die Kultur so gut wie gar nicht vorgekommen. Wir sind uns bewusst, dass es auch andere sehr wichtige Lebensbereiche gibt - wir sind aber doch der Meinung, dass Kultur ein sehr zentraler Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Und kein einziges Mal erwähnt zu werden und in keiner Form die Perspektive aufgezeigt zu bekommen, wie man die nächsten acht Monate durchhalten kann - das finden wir sehr schwierig.

Haben Sie denn da eine Idee?

Posth: Am allerwichtigsten wäre uns, dass von allerhöchster Stelle mal gesagt wird, dass das natürlich wichtig ist - das würde schon etwas bringen. Wenn das authentisch ist, dann wäre es besonders gut, weil das auch für die nächsten Jahre ein anderes Gefühl geben würde, wie man mit seinem Beruf planen kann. Ob man das Gefühl hat, wichtig genommen zu werden, oder ob das Gefühl vorherrscht, dass das nur Beiwerk ist.

Ganz konkret geht es darum, wieder gute Perspektiven zu haben, wie man Veranstaltungen durchführen kann, um wieder Geld verdienen zu können. Flankierend wäre es sehr wichtig, dass es auch finanzielle Hilfen gibt für freiberufliche Künstlerinnen und Künstler, die mit am längsten unter den Corona-Beschränkungen zu leiden haben werden.

Wohin fließt das Spendengeld und wer verteilt es?

Posth: Man kann übrigens auch spenden, wenn man gar nicht zum Konzert kommt. Die ganze Geschichte läuft über die Homepage unseres Orchesters. Alle, die gerne spenden wollen, können das auch machen, selbst wenn sie es nicht zum Konzert schaffen. Wir sammeln die Spenden und werden uns am Ende mit den beteiligten Ensembles und der Stadt Hannover, die uns sehr stark unterstützt, zusammensetzen und diese Spenden verteilen. Das ist sehr transparent: Wir werden alle Spenden an die freiberuflichen Musiker und Musikerinnen verteilen, und alle Organisationskosten werden wir von der Stadt bezahlt bekommen.

Das Ganze firmiert unter dem Titel "hell:wach". Meinen Sie, da sind um 2 Uhr nachts noch genügend Zuschauerinnen und Zuschauer hellwach, um sich das anzuschauen?

Posth: Ich finde, dass es eine sehr gute Idee ist, heute Nacht um 2 Uhr ins Konzert zu kommen. Überhaupt sind die ganzen Nacht-Spots ganz toll besetzt. Es ist ein sehr besonderes Erlebnis, mitten in der Nacht in der Marktkirche in Hannover ein Konzert zu erleben. Ich kann es nur empfehlen, da hinzugehen. Es gibt noch Plätze, insofern kann man noch reservieren. Und ich hoffe sehr, dass das dann auch voll wird.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Thomas Posth © picture-alliance / dpa

Klassische Musikszene Hannovers gibt Konzertmarathon

NDR Kultur - Journal Gespräch -

In der Marktkirche von Hannover startet heute ein 29-stündiger Konzertmarathon mit dem Titel "hell:wach". Ein Gespräch mit dem Initiator der Aktion, Thomas Posth.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.07.2020 | 19:00 Uhr

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