Stand: 15.05.2019 16:53 Uhr

Jörg Mannes' letzte Choreografie

Zur Spielzeit 2006/07 kam Jörg Mannes als Ballettdirektor an die Staatsoper Hannover - am Sonnabend hat nun mit "1-2-3 ... Ein Walzertrauma" seine letzte Choreografie Uraufführung. Im Gespräch blickt er auf seine Zeit an der Staatsoper Hannover zurück.

Herr Mannes, das "a" macht bei dieser Choreografie den Unterschied, also nicht "Walzertraum", sondern "Walzertrauma". Für Sie als gebürtigen Wiener ist das doch fast so etwas wie Nestbeschmutzung, oder?

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Nach 13 Jahren als Ballettdirektor verlässt Choreograf Jörg Mannes die Staatsoper Hannover.

Jörg Mannes: Nein, es geht um das wienerisch Sein, und für einen Wiener liegt das Trauma ganz nahe beim Traum.

Was macht da die Assoziation aus, dass es ein Trauma ist?

Mannes: Es ist ein bisschen als Scherz gedacht. Es ist aus meiner persönlichen Erfahrung heraus: Ich habe als junger Tänzer beim Opernball und bei Neujahrskonzerten mitgetanzt und so das Vorne und Hinten kennengelernt. Irgendwann kann man keine Walzer mehr hören. Das war der Gedanke daran, diese Zweischichtigkeit in ein Stück zu verwandeln.

Wie geht das? Wie kann man tänzerisch eine Tanzform verballhornen, kritisch hinterfragen?

Mannes: Es geht gar nicht so sehr um den Walzer an sich. Es kommen Walzer vor, obwohl ich auch überlegt hatte, das komplett ohne Walzer zu machen. Aber es geht mehr um die Stimmung, um den Walzertraum, der als so ein Idealbild von Wien dargestellt wird und das, was dahintersteckt, was darunter ist. Es hat also immer so eine Vielschichtigkeit.

"1-2-3 ... Ein Walzertrauma" ist nach 13 Jahren Ihre letzte Choreografie in dieser Funktion. Ist das auch so etwas wie ein Abschluss, ein Abschied?

Mannes: Bei der Choreografie an sich nicht wirklich, weil man so drinsteckt; man muss ein Stück entwerfen. Es ist nicht so, dass man die ganze Zeit nur daran denkt, dass es die letzte Choreografie ist. Aber es ist natürlich ein komisches Gefühl. Ich habe hier sehr viel produziert: Während ich eine Produktion erstellt habe, habe ich schon an drei, vier anderen gearbeitet. Das ist jetzt der Unterschied, dass man nicht an Produktionen für das Haus weiterarbeitet, sondern schon an die nächsten Dinge denkt. Und das ist ein bisschen komisch.

Sie waren in all den Jahren ungeheuer produktiv. Können Sie trotzdem echte Highlights hervorheben?

Mannes: Ja, natürlich. Manche Dinge waren für mich persönlich Highlights, auch im Erfolg mit dem Publikum - wobei das nicht das Hauptding für mich ist, sondern es waren eher Durchbrüche wie etwa "Gefährliche Liebschaften". Das war ein Herzensprojekt. In seiner Verrücktheit und mit allem, was auch bei der Uraufführung geschehen ist, gehört auch "Inferno. Eine Italo-Revue" dazu. Es waren schon mehrere Produktionen, aber auch Dinge, die nicht so aufgefallen sind. Ich sehe jedes Stück immer auch als eine Entwicklung. Das ist das Schöne hier, dass man sich immer weiterentwickeln oder auch abwechseln konnte.

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Es ist auch in der Stadt eine Entwicklung passiert: Hannover hat plötzlich als Tanz-Standort Bestand. Wie könnte das in Zukunft weitergehen? Ihr Nachfolger ist er schon benannt: Marco Goecke. Können Sie ihm etwas mit auf den Weg geben?

Mannes: Ich glaube, er muss das neu denken. Wir haben hier sehr viel aufgebaut, auf unsere, auf meine Weise, auch in der Kommunikation mit dem Publikum. Da muss er seinen Weg finden. Es wird sicherlich anders sein als das, was ich getan habe - und das ist auch gut so. Ich glaube nicht, dass Tipps da helfen. Er muss das herausfinden. Ich habe es auch herausfinden müssen: In den ersten Jahren war das so ein Tasten - wie kommt man da heran? Man muss seinen Weg finden, und das wird er auch.

Alles wird neu: Es gibt zwei neue Intendantinnen, und fast das ganze künstlerische Ensemble wird ausgetauscht werden. Ist das eigentlich ein guter Reset, wenn niemand dabei ist, der sich in Hannover gut auskennt?

Mannes: Es ist ja ein Wechsel gewünscht - insofern wird hier alles auf null gesetzt. Ich kann es nur aus meiner Sicht schildern, als ich hierhergekommen bin: Es ist schwierig, da etwas fortzuführen, weil Kunst etwas sehr Persönliches ist und sehr an den Menschen hängt, die da sind. Selbst in den 13 Jahren, die wir hier waren - und ich sage immer "wir", weil wir ein Team sind - hat sich das Team verändert, auch in der Kommunikation mit der Stadt. Das lag an verschiedenen Dingen. Glücklicherweise ist das etwas, was natürlich wächst.

Aus der personellen Sicht ist es natürlich nicht so lustig: Es tut weh, wenn Dinge, die man aufgebaut hat, nicht mehr da sind. Aber man muss der Kunst und den Künstlern Zeit geben, etwas aufzubauen. Wir sind sehr froh, dass wir so viel Zeit gehabt haben, hier so viele Verbindungen aufzubauen und sehr positive Dinge anzustoßen. Es war am Anfang nicht einfach, aber wir haben uns entwickelt, auch durch das Feedback des Publikums. Da findet aber jeder sein eigenes Publikum - das kann man nicht eins zu eins übersetzen.

Wo führt Sie Ihr Weg hin?

Mannes: Ich bleibe erst einmal in Hannover und habe einige Gastverträge angenommen. Ich werde mich mit neuen Dingen auseinandersetzen und in neuen Strukturen arbeiten.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Jörg Mannes © Staatsoper Hannover

Jörg Mannes' letzte Choreografie

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Nach 13 Jahren als Ballettdirektor macht Choreograf Jörg Mannes Schluss. Im Gespräch mit NDR Kultur blickt er auf seine Zeit an der Staatsoper Hannover zurück.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.05.2019 | 19:00 Uhr

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