Stand: 23.09.2020 15:10 Uhr

Kunstfestspiele: "Das Team hat großartige Arbeit geleistet"

Kunst in allen Facetten, auch in außergewöhnlichen Zeiten - das versprechen, die Kunstfestspiele Herrenhausen. Am Mittwoch geht es mit einigen Monaten Verspätung los. Konzerte und Kunstinstallationen, Theater, Tanz und Talks - über 30 Veranstaltungen können live und in Farbe vor Ort erlebt werden. Dazu gibt es auch ein digitales Programm. Ein Gespräch mit dem Intendanten Ingo Metzmacher.

Herr Metzmacher, heute fällt endlich der Startschuss für die Kunstfestspiele. Corona-bedingt kann nicht alles wie geplant umgesetzt werden, aber Sie haben ein beeindruckendes Programm zusammengestellt. Sie mussten auch recht kurzfristig noch ein paar Programmpunkte anpassen, oder?

Ingo Metzmacher © Picture-Alliance / Tagesspiegel Foto: Doris Spiekermann-Klaas
"Ich bin immer der Meinung gewesen, dass es wahnsinnig wichtig ist, die Kunst zu verteidigen", sagt Ingo Metzmacher.

Ingo Metzmacher: Ja, das stimmt. Wir werden von den Risikogebieten eingeholt und von der Verordnung, die besagt, dass man in Quarantäne muss, wenn man aus einem Risikogebiet nach Deutschland kommt. Das ist für unsere Künstler, die nur für zwei, drei Tage kommen, nicht machbar. Deswegen haben wir bei zwei Gruppen aus Spanien entschieden, live zu streamen. Das ist unter den gegebenen Umständen die vernünftigste Lösung.

Die Pandemie hat aber nicht nur zu einer Reduktion des ursprünglichen Programms geführt, sondern auch zur Aufnahme neuer Produktionen, oder?

Metzmacher: Ja, wir zeigen zum Beispiel in Kooperation mit der Staatsoper Hannover den Film "Der Mordfall Halit Yozgat" von Ben Frost. Das ist tatsächlich ein Dokument aus der Corona-Zeit. Wenn man den Film sieht, wird besonders deutlich, unter welchen schwierigen Bedingungen man gearbeitet hat. Ich finde es wichtig, das zu zeigen - abgesehen von dem Inhalt des Films.

Die Künstlerin Vlatka Horvat kann ihre Uraufführung nicht zeigen, und deswegen haben wir dem Beginnings Marathon, der eigentlich Teil des Kunstfestspiele-Tags war, einen eigenen Abend verschafft: Da kann jeder Hannoveraner und jede Hannoveranerin mit ihrem Lieblingsbuch kommen und daraus vorlesen. Das haben wir schon im Netz erfolgreich gemacht, und da freuen wir uns sehr drauf. Wir arbeiten außerdem mit der freien Szene zusammen und zeigen "Vor dem Sturm". Das war ein preisgekröntes Stück vom Best-of Festival, und dem verschaffen wir jetzt eine Uraufführung.

Das alles hat hier vor Ort die Kooperationen verstärkt - was sowieso mein Ziel war. Insofern bin ich mit dem Programm sehr glücklich.

Sie haben auch innovative Produktionen im Programm, wie zum Beispiel die Virtual-Reality-Oper "Eight" von Michael von der Aa. Wie wichtig ist es für Sie, mit Ihrem Festival mit der Zeit zu gehen oder noch besser: ihr voraus zu sein?

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Fahnen der Kunstfestspiele Herrenhausen vor dem Anzeiger-Hochhaus © imago images / imagebroker Foto: -

(Fast) wie immer: Die Kunstfestspiele Herrenhausen 2020

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Metzmacher: Das ist sehr wichtig; wir scheuen weder Kosten noch Mühe. Wir bauen ein Zelt im Ehrenhof auf, gegenüber vom Schloss in Herrenhausen, in dem diese Installation hinein gebaut wird. Da geht man mit einer Virtual-Reality-Brille rein und erlebt mit allen Sinnen etwas, was eigentlich gar nicht stattfindet, was einem nur vorgespielt wird. Das ist vielleicht die Zukunft - insofern finde ich es ganz wichtig, dass wir das zeigen.

Sie bespielen auch eine neue Stätte, richtig?

Metzmacher: Ja, wir haben letztes Jahr durch Zufall die Hockeyhalle vom Deutschen Hockey Club in Herrenhausen entdeckt, die im Sommer nicht benutzt wird, weil die draußen spielen. Wir haben da jetzt ein Theater reingebaut. Das sieht wirklich aus wie eine Theaterhalle. Es ist eine neue Spielstätte für uns, in die unter normalen Bedingungen sogar 450 Leute reinpassen - jetzt natürlich nicht so viele. Ich bin sehr froh, dass wir die haben, weil es uns auch in Zukunft andere Gastspiele ermöglicht.

Die Kunstfestspiele laufen bis zum 11. Oktober - worauf freuen Sie sich am meisten?

Metzmacher: Ja, ich freue mich natürlich auf "Sund & Sea", diese preisgekrönte Klanginstallation von der Biennale in Venedig. Wir haben sehr darum gekämpft, damit wir das zeigen können. Wir bauen dazu eine eigene Konstruktion, um das überhaupt möglich zu machen.

Außerdem freue ich mich heute auf die Klang- und Laserinstallation von Robert Henke. Die große Fontäne im Herrenhäuser Garten ist ja ein Wahrzeichen der Stadt Hannover, sie wird in diesem Jahr 300 Jahre alt. Das war für uns ein Anlass, jemanden wie Robert Henke zu fragen. Das ist total faszinierend, was er da gemacht hat, und ich glaube, das wird ein Renner.

Es muss in diesem Jahr eine ganz besondere Herausforderung gewesen sein, unter den gegebenen Umständen das Programm zusammenzustellen. Wie schlimm war es denn?

Metzmacher: Es gab natürlich schwierige Momente. Aber ich bin immer der Meinung gewesen und habe das auch innerhalb des Teams sehr vertreten, dass es wahnsinnig wichtig ist, die Kunst zu verteidigen, gerade in diesen Zeiten. Es gibt verschiedene Maßnahmen, die die Kultur ganz besonders hart getroffen haben, und ich glaube nicht, dass wir uns einen Gefallen damit tun, wenn wir uns dem zu sehr beugen, sondern wir müssen weiterhin behaupten, dass es uns gibt, dass wir wichtig sind. Und dass wir immer wieder diesen besonderen Raum schaffen, den nur die Kunst schaffen kann, in dem man etwas anderes erlebt und wo man sein Bewusstsein erweitern kann.

Getragen davon hat das gesamte Team großartige Arbeit geleistet, denn Sie können sich vorstellen, dass bei den jetzigen Bedingungen viele Probleme auftauchen, die man erstmal bewältigen muss. Man arbeitet quasi drei Mal so viel wie sonst für etwas, von dem man nicht genau weiß, ob es wirklich stattfindet. Insofern sind wir jetzt sehr froh, dass es anfängt und sind sehr optimistisch, dass alles so stattfindet, wie wir es geplant haben.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Ingo Metzmacher © Picture-Alliance / Tagesspiegel Foto: Doris Spiekermann-Klaas

AUDIO: Kunstfestspiele: "Das Team hat großartige Arbeit geleistet" (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.09.2020 | 18:00 Uhr