Stand: 21.05.2019 18:06 Uhr

"Es gibt einen kulturellen Klimawandel"

Das Grundgesetz ist auch ein Freiheitsversprechen, nicht zuletzt für die Kunst. Ihre Freiheit ist verankert im Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung" - so heißt es dort im Wortlaut. Meinung drückt sich aus in Positionen und Debatten, die oft in der Kunst fortgesetzt werden. Hanno Rauterberg ist Kunsthistoriker und Redakteur im Feuilleton der "Zeit". Sein letztes Buch trägt den Titel: "Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus".

Der Kunstdiskurs hat sich verändert und ist wieder einmal moralischer geworden: Es werden Petitionen veranstaltet, in denen gefordert wird, dass Bilder aus Museen entfernt werden sollen. Das war der Fall Balthus. Oder ein anderes Beispiel: Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas", das von der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin entfernt worden ist. Was stellen Sie an solchen Beispielen fest?

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Der "Zeit"-Redakteur und Kunsthistoriker Hanno Rauterberg

Hanno Rauterberg: Es gibt tatsächlich erheblich viele Beispiele, an denen man merkt, dass es so etwas gibt wie einen kulturellen Klimawandel. Die Bereitschaft, die Kunst als einen Freiraum zu begreifen, ist nicht mehr so ausgeprägt wie vor zehn oder zwanzig Jahren, wo man ganz selbstverständlich annahm, dass die Kunst deshalb frei ist, damit sie Dinge tut, die wir "Normalsterblichen" eher nicht tun würden. Also: Dass sie auch da ist, um das Publikum zu irritieren und uns Sichten auf die Welt nahezulegen, die wir sonst vielleicht nicht einnehmen würden. All das scheint vielen Zeitgenossen mittlerweile suspekt zu sein. Sie betrachten es mit Unbehagen und äußern ihr Unverständnis. Dabei belassen sie es nicht, sondern sagen dann in einem zweiten Schritt: Das, was mich da stört, das muss verschwinden. Das Erstaunliche daran ist ebenfalls, dass tatsächlich einige Museumsleiter und Kuratoren relativ bereitwillig reagieren und, um ein Beispiel aus dem letzten Sommer zu nennen, eine goldene Statue entfernen, die den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Wiesbaden auf der dortigen Biennale zeigt. Die war plötzlich nach anderthalb Tagen verschwunden, über Nacht von einem Baukran abgeräumt, weil es eben entsprechende Proteste dagegen gegeben hat.

Darf Kunst alles? Ist Kunst vollkommen frei? Oder gibt es für Sie auch Grenzen der künstlerischen Freiheit?

Rauterberg: Es gibt ganz klare Grenzen. Durch den Gesetzgeber gezogene Grenzen, wenn es zum Beispiel um Persönlichkeitsschutz geht: Es geht nicht, dass ein Künstler beispielsweise das Leben und das Schicksal seiner Verwandten ausbeutet, dass sich diese Verwandten bloßgestellt fühlen. In vielen Urteilen ist das auch bekräftigt worden. Für mich läuft eine Grenze dort, wo Künstler anfangen, das reale Leid von Menschen nicht nur auszubeuten, sondern dieses Leid geradezu inszenieren und auszunutzen und das Leid selber auch noch bestärken. Beispielsweise bei dem Künstler Santiago Sierra, der einzelne Menschen demütigt, indem diese unter Pappkartons sitzen müssen oder sich eine Linie auf den Rücken tätowieren lassen. Alles gegen geringe Bezahlung natürlich. Damit will der Künstler auch etwas zeigen: Nämlich, dass es Unrecht gibt, dass es Ausbeutung gibt. Und trotzdem ist es eine reale Ausbeutung, die er selber betreibt. Da verläuft die Grenze, weil die Kunst selber immer eine Scheinhaftigkeit besitzt und so tut als ob. Wenn sie aber wirklich jemanden umbringt oder jemanden knechtet, dann ist die Grenze überschritten und die Kunst ist nicht länger frei.

Trotzdem ist diese Scheinhaftigkeit ein ganz wichtiges Element.

Rauterberg: Ich finde, das ist der Freiraum der Kunst, der eben deshalb gegeben ist, weil dort Experimente möglich sind und Denkschulen ausgeprägt werden können, die so im realen Leben keinen Raum haben. Die Kunst tut es immer im spielerischen Modus. Sie behauptet nicht die Wirklichkeit selbst zu sein, sondern sich außerhalb der Wirklichkeit zu bewegen, ohne aber den Kontakt zu dieser Wirklichkeit zu verlieren. Sie will ja auch etwas verändern und möchte jemanden beeinflussen. Die Kunst gibt es ja nicht, damit die Kunst existiert, sondern damit wir uns an ihr erfreuen können, uns an ihr reiben können. All diese Funktionen hat die Kunst. Die hat sie aber nur deshalb, weil sie nicht das ist, was wir nicht Kunst nennen.

Immer wieder dargestellt auf großen Kunstausstellungen, zum Beispiel die Biennale jetzt in Venedig oder die documenta 2017. Heftige Kritik wurde ihr entgegengepoltert. Sie gehörten auch zu den Kritikern. Was konkret werfen Sie der documenta vor?

Rauterberg: Sie war im Wesentlichen zu banal gestrickt. Die Kunst war nicht so komplex, nicht so ambivalent, wie man sich das wünscht von Kunstwerken, damit sie einen verlockt. Was wir in Kassel erlebt haben, und jetzt wieder in Venedig auf der Biennale erleben, sind ja viele Kunstwerke, die sich mehr oder weniger auf politische Statements reduzieren. Das ist eher so eine Art Politwerbung: Aufklärerisch gedacht, politisierend gemeint, damit die Welt sich verändert und wir endlich begreifen, wie schlimm der Klimawandel ist. Aber dafür haben wir das Internet und die Medien. Dafür brauche ich nicht die Kunst.

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Aber wäre das nicht eine Chance für die Kunst?

Rauterberg: Sie wittert darin eine Chance, das stimmt, weil sie denkt, dass der Freiraum, der ihr gegeben ist, immer auch so etwas wie ein goldener Käfig sein kann. Sie ist frei, aber in dieser Freiheit auch unbedeutend, beliebig, irrelevant. Sie möchte gerne relevant sein und entscheidende Impulse geben. Deswegen begibt sie sich auf das Feld der Politik. Das Problem dabei ist aber, dass man ihr dann plötzlich einen Zweck zuschreibt, und dass das Nützlichkeitsdenken, von dem die Kunst eigentlich befreit ist, auf sie angewendet wird. Entsprechend begreifen viele Künstler ihre Arbeit als Sozialarbeit. Das sei ihnen auch zugestanden. Nur die Freiheit der Kunst greift doch etwas höher und will mehr als das.

Machen wir uns die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit immer so bewusst? Oder denken wir bereits mit der Schere im Kopf und trauen uns gar nicht so frei zu sprechen, wie wir es eigentlich wollten?

Rauterberg: Ich glaube nicht. Es gibt ja heute mehr Möglichkeiten aufzutreten, und seine Meinung kundzugeben, denn je. Die Frage ist nur: Was passiert mit diesen geäußerten Stimmen? Wofür haben wir eigentlich die Kunst und die Meinungsfreiheit? Und darüber sagt ja das Grundgesetz interessanterweise gar nichts. Der Artikel 5 bleibt unbegründet. Warum und wozu die Kunst frei ist, wird nicht gesagt. Deswegen darf man schlussfolgern, dass sie deshalb frei ist, damit ihre Freiheit unbestimmt ist. Und unbestimmt bleibt die Freiheit der Kunst, damit wir frei über die Bedeutung dieser freien Kunst befinden können. Man könnte zugespitzt sagen: Die Kunst ist frei, damit wir frei sind. Das klingt jetzt sehr pathetisch, aber im Prinzip ist es so gemeint gewesen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.05.2019 | 19:00 Uhr

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