Stand: 27.03.2020 17:43 Uhr  - NDR Kultur

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

von Jürgen Werth

Eine "Meisterdenkerin" wollte sie niemals sein. Dazu liebte Hannah Arendt viel zu sehr den Blick auf die Einzelheiten in der Geschichte. Bald ist aus der Philosophin eine Politikwissenschaftlerin geworden. Immer gab es überhitzte Debatten. Zu einer der wichtigsten Theoretikerinnen sollte nun im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Ausstellung eröffnet werden. Jürgen Werth hat sich den Katalog angesehen.

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Hannah Arendt war eine der wichtigsten Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts.

"Sie sind die erste Frau, die in dieser Reihe porträtiert werden soll. Sie sind Philosophin." So beginnt 1964 eines der anregendsten Gespräche im deutschen Fernsehen mit Günter Gaus. Nein, widerspricht Hannah Arendt, sie habe zwar Philosophie studiert, sich aber von diesem Fach längst abgewandt. Sie verstehe sich eher als politische Theoretikerin. Ob sie denn mit ihren Büchern, fragt Gaus, auch eine Wirkung erzielen wolle. Und wieder - Fehlanzeige. "Männer wollen immer furchtbar gern wirken. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen."

Ein Panorama in sieben Kapiteln

Ausstellung und Katalog widmen sich einem Werk, das ohne Geländer entstanden ist. Außer in der Liebe und im Genuss: Wenn die junge Studentin einem Denker verfallen war, der nach 1933 die Liebe zur Weisheit und die Sympathie zu Nazis sorglos unter einen Hut bringen konnte: Martin Heidegger. Oder wenn sie Tabak sah, dann musste sie den massenhaft anzünden und den Rauch einatmen. Beides gehört zum Inventar von Ausstellung und Katalog: Ja, auch das Zigaretten-Etui.

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"Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert" - ein Panorama in sieben Kapiteln. Vom jüdischen Selbstverständnis über die Liebe zu Platon bis zum Krach um den Eichmann-Prozess. Von Arendts Achtung der amerikanischen Demokratie bis zum misslingenden Versuch, das besiegte Deutschland so zu lieben wie die Weimarer Republik. Von der Beobachtung der Protestbewegungen bis zu einer Denkerin, der auch bewusst war, wie wichtig Freunde und Freundinnen sind. Um ihre Feinde sorgte sie sich weniger. Auch kaum Bekanntes ist zu finden: die spannende Geschichte von Arendts Antrag auf "Wiedergutmachung", der 1971 beim Bundesverfassungsgericht Erfolg hatte.

Arendt berichtet von der "Banalität des Bösen"

Zu ihren Hauptwerken gehört das Buch: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Einer ihre Freunde war Daniel Cohn-Bendit. Arendt war schon im französischen Exil mit den Eltern von Cohn-Bendit befreundet. Den Pariser Mai beobachtete sie von New York aus. Und der "Rote Dany" verteidigte sie, wenn sie wieder einmal von Studenten angegriffen wurde.

Buchtipp

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert
von Monika Boll, Dorlis Blume und Raphael Gross (Herausgeber)
Piper Verlag
Seiten: 288 Seiten
ISBN: 978-3492070355
Preis: 22,00 Euro

Das größte Problem war wohl der Scherbenhaufen, den Hannah Arendt angerichtet hat, als sie für eine amerikanische Zeitschrift über den Prozess in Jerusalem gegen Adolf Eichmann berichtete. Von der "Banalität des Bösen" war da die Rede. "Die Überraschung für sie ist, dass ein Mensch, der eigentlich banal ist, plötzlich zu einem der Hauptwerkzeuge des radikalen Bösen wird", sagt Cohn-Bendit.

War Arendt geheimdienstlich unterwegs?

Das Deutsche Historische Museum besitzt nicht nur die dunkelbraune Lederjacke von Rudi Dutschke, auch das hellbraune Pelzcape von Hannah Arendt gehört dazu. Und ihre Kette aus Jadeperlen. Ihr Denktagebuch mit vielen Verweisen auf die Antike. Und ihre Kleinstbildkamera, die legendäre Minox - ein Klassiker der "Agenten-Ausrüstung". Natürlich muss da ein Verdacht aufkommen: War Hannah Arendt geheimdienstlich unterwegs? Einschließlich Führungs-Offizier? Vermutlich ein gewisser "Platon". Hätte man ihr das auf den Kopf zugesagt, sie wäre in schallendes Gelächter ausgebrochen. Hans Saner, ein Kenner von Hannah Arendt, hat das oft erlebt: "Sie hat sehr laut gelacht. Und wenn das Lachen so richtig aus ihr herausgebrochen ist, dann hat es alle Argument übertönt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.03.2020 | 19:00 Uhr

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