Stand: 04.02.2020 15:57 Uhr  - NDR Kultur

Hanjo Kestings große Romane der Weltliteratur

"Erfahren, woher wir kommen" - so heißt der Untertitel einer dreibändigen Buchausgabe über die großen Romane der Weltliteratur von Hanjo Kesting, dem langjährigen Leiter des kulturellen Wortes bei NDR Kultur. Aus dem Buchprojekt wurde eine Radioserie, die erstmals vor vier Jahren bei NDR Kultur ausgestrahlt wurde und die wir jetzt wiederholen.

Herr Kesting, der Untertitel Ihrer Buchausgabe lautet: "Erfahren, woher wir kommen". Wie verstehen Sie diesen Satz?

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Hanjo Kesting behandelt in seiner Reihe 50 Romane aus den letzten 400 Jahren.

Hanjo Kesting: Wenn wir wissen wollen, wohin wir als Individuum und als Gesellschaft gehen sollen, müssen wir auch wissen, woher wir kommen. Uns scheint zwar auf den ersten Blick die Frage näher zu liegen, wie viel Zukunft wir haben, aber wer eine Antwort auf diese sehr schwierige Frage zu finden sucht, ist gut beraten, nicht nur nach vorn zum blicken, sondern auf das Vergangene zu schauen. "Der Engel der Geschichte", hat Walter Benjamin gesagt, "hat sein Gesicht der Vergangenheit zugewendet." Von Hölderlin stammt: "Was bleibet aber, stiften die Dichter." Auf den ersten Blick kann man das für eine hochmütige Formel halten, aber der Sinn dieser Formel ist ein anderer. Gemeint ist, dass die Dichter die Kenner des tieferen Gesetzes sind, das in der Welt wirksam ist, und dass sie nicht gegen dieses Gesetz verstoßen dürfen, wenn ihre Werke glaubwürdig und von Dauer sein sollen. Und diese großen Romane der Weltliteratur, über die ich in dieser Reihe spreche, sind alte Bücher, die dauerhaft geblieben sind.

Im Vorwort schreiben Sie: "Kein Kanon, keine Leseliste." Sie wollen Lust machen auf die Bücher, die Sie empfehlen. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Auswahl getroffen?

Kesting: Ich behandle in meiner Reihe 50 Romane aus den letzten 400 Jahren, und ich spreche nicht von "Kanon", weil es auch zehn oder 20 Romane mehr sein könnten; man kann das nicht so leicht abgrenzen. Die Reihe hat mit Charles Dickens' "Große Erwartungen" begonnen, aber Dickens hat 14 Romane geschrieben. Man könnte mit guten Gründen auch "David Copperfield" oder "Oliver Twist" nennen. Da sind die Abgrenzungen schwierig und immer auch ein bisschen subjektiv.

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Gibt es etwas bei dieser Auswahl, das die Texte miteinander verbindet?

Kesting: Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. In meiner Reihe fange ich an mit dem Jahr 1605 - das ist das älteste Buch, "Don Quijote" von Cervantes - und ende mit einem Roman des türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk, "Das schwarze Buch". Merkwürdigerweise hat sich gerade Pamuk immer wieder aufs Cervantes bezogen, so wie sich auch Laurence Sterne, Gustave Flaubert oder Herman Melville auf Cervantes bezogen haben. Es gibt zwischen diesen großen Büchern der Romangeschichte ein inneres Referenzsystem. Günter Grass zum Beispiel ist ohne Döblin und Rabelais nicht denkbar. Die großen Eheromane wie "Die Wahlverwandtschaften" von Goethe, "Anna Karenina", "Madame Bovary" oder "Effi Briest" stehen auch in einem solchen inneren Bezugssystem. Deswegen ist meine Reihe auf der einen Seite ein Versuch, die Geschichte des Romans darzustellen mit seinen historischen Entwicklungen und der ganzen Bandbreite der erzählerischen Möglichkeiten. Auf der anderen Seite kommen auch meine sehr persönlichen Vorlieben zum Zuge. Ich habe mich zum Beispiel für "Krieg und Frieden" von Tolstoi entschieden und nicht für "Anna Karenina", habe von Fontane "Frau Jenny Treibel" gewählt und nicht "Effi Briest" oder "Der Stechlin". Das heißt, objektive und subjektive Gesichtspunkte spielen eine Rolle.

Die Auswahl haben Sie ja schon vor einiger Zeit getroffen. Wenn Sie heute die Gelegenheit hätten, noch einmal eine Auswahl zu treffen, welche Schriftstellerinnen würden Sie ergänzen?

Kesting: Die Romangeschichte lässt sich nicht revidieren, aber man kann die Frage stellen, ob man aus dem 20. Jahrhundert ein paar mehr Frauen in diese Reihe hätte aufnehmen sollen. Wobei man immer in einem Zwiespalt ist, welche Romane man dafür streichen müsste. Virginia Woolf und Anna Seghers habe ich in diese Reihe mit aufgenommen. Man könnte auch Christa Wolf und andere nennen - aber wenn ich für Christa Wolf Günter Grass streichen müsste, kommt man in einen Abwägungszwiespalt. Das ist ein schwer lösbares Problem. Aber sicherlich wird uns diese Frage weiterhin beschäftigen, wie der weibliche Blick auf die Dinge deutlicher ins Bewusstsein genommen werden kann.

Begonnen haben wir mit Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen". Was kann Dickens aus dem Jahr 1861 heute erzählen?

Kesting: Diese Frage stellt sich bei allen Büchern, die älter sind als 30 oder 40 Jahre. Eine antike Tragödie wie "Antigone" ist 2.500 Jahre alt und wird trotzdem noch oft im Theater gespielt, weil in diesem Stück das Problem, ob es ein höheres Gesetz gibt als das Gesetz des Staates, großartig dargestellt worden ist. Bei Dickens brennt noch Kerzenlicht, kein elektrisches Licht, man fährt mit Kutschen und nicht mit Autos - und trotzdem werden die menschlichen Konflikte in diesem Buch in einer Weise behandelt, die nicht überholbar ist. Pip, der Held des Buches, tritt mit großen Erwartungen ins Leben: Er möchte ein Gentleman der Oberklasse werden, aber er macht die Erfahrung des Scheiterns. Die Wahrheit des Buches liegt in der Erkenntnis, dass es oft die kleinen Fehler und Sünden des menschlichen Herzens sind - von denen wir alle bedroht sind -, die uns zu Fall bringen. Diese Geschichte wird mit einer großartigen Wärme und Dringlichkeit erzählt, die den Leser vollständig in Bann schlägt. Und so ist an diesem Buch, auch wenn dort Kerzenlicht brennt, nichts überholt, es ist nicht von gestern. Und das gilt für alle Bücher dieser Reihe.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Hanjo Kesting bei Aufnahmen im Hörfunkstudio des NDR in Hannover am 16.09.2013 © NDR Foto: Wolf-Rüdiger Leister

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Hanjo Kesting bringt uns in einer Radioserie 50 große Romane der Weltliteratur nahe. Ein Interview mit dem langjährigen Leiter des "Kulturellen Wortes" bei NDR Kultur.

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NDR Kultur | Journal | 04.02.2020 | 19:00 Uhr

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