Stand: 27.06.2016 18:00 Uhr  - NDR 90,3

Hamburgs Kiez-Chronist Günter Zint wird 75

von Andreas Gaertner
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Günter Zint nennt sich selbst nicht Fotograf oder Journalist, sondern einen Gründer.

Günter Zint hat fast alle Großen der Rock-Geschichte vor seiner Linse gehabt, die Beatles, die Doors und Jimi Hendrix. Mit Hendrix hat er 1967 Aufnahmen für das Cover von "Hey Joe" gemacht. Hendrix trat damals im legendären Hamburger Star Club auf, und war wegen zu lauter Musik aus seinem Hotel geflogen. "Und da hat er es bei mir so gemütlich gefunden, dass er da auch noch ziemlich laut Musik gehört hat und über Nacht geblieben ist", erinnert sich Zint, der nun 75 Jahre alt geworden ist.

Vor 50 Jahren mit den Beatles gefeiert

Seinen 25. Geburtstag hat Zint vor genau vor 50 Jahren mit den Beatles gefeiert. Zint war Exklusiv-Fotograf der BRAVO-Beatles-Blitz-Tournee und als John Lennon von seinem Geburtstag hörte, lud er ihn auf einen Drink ein – in die Präsidenten-Suite des Hotels Schloss Tremsbüttel, in dem die Beatles die Nacht verbrachten. "Ich wollte natürlich auch ein Foto machen, aber da hat er gesagt 'No no, not not here - only outdoors'." Er wollte nicht in der Präsidenten-Suite fotografiert werden, weil das war für seine Begriffe zu nobel war und nicht zum Image der Beatles passte. Und so entstand ein legendäres Bild auf der Schlosstreppe – mit den Beatles und den Rattles.

Anti-AKW-Demos in Brokdorf fotografiert

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Domenica Niehoff in den 90er-Jahren, sie ist bis zu ihrem Tod 2009 eine Freundin von Günter gewesen.

Eigentlich muss jeder Zeitungs- und Zeitschriftenleser in Deutschland schon einmal Fotos von Günter Zint gesehen haben – etwa Bilder der großen Anti-Atom-Demonstrationen in Brokdorf und Gorleben oder Porträts der bekanntesten Prostituierten Deutschlands, seiner Freundin Domenica, die im Februar 2009 in Hamburg starb. Bekannt wurde Domenica in den 180ern, als sie in Fernseh-Talkshows dafür kämpfte, Prostitution als Berufsstand zu legalisieren.

Zint nennt sich einen Gründer

Obwohl Günter Zint inzwischen 70 Bücher geschrieben oder herausgegeben hat, versteht er sich nicht als Journalist und Fotograf: Er sei von Beruf eigentlich Gründer, sagt er. Gegründet hat er zum Beispiel 1968 die "St. Pauli-Nachrichten", ein Männermagazin, das gerade in den Anfangszeiten vor allem politische Texte druckte. Der Publizist und Provokateur Henryk M. Broder oder der spätere Spiegel-Chef Stefan Aust schrieben damals für die "St. Pauli-Nachrichten". Spätere Besitzer machten sie allerdings zur reinen Sexpostille.

Zint hat auch das St. Pauli-Archiv und das St. Pauli-Museum ins Leben gerufen – und immer auch für diejenigen gekämpft, die im Schatten des Rotlichts leben. "Ich habe gemeinsam mit Holger Hanisch das CaFée mit Herz gegründet, das ist eine Obdachlosenhilfe hier im Hafenkrankenhaus", sagt Zint. "Letztens habe ich meinen Kindern erzählt, was ich alles gegründet habe und da hat meine Tochter Lena gesagt: 'Wenn wir Dich nicht kennen würden , würden wir Dich für den größten Aufschneider Deutschlands halten.'"

Die besten Fotos von Günter Zint

Vom 30. Juni bis zum 14. Juli ist eine Auswahl von Günter Zints besten Bilder in Hamburg-Pöseldorf zu sehen: Vintage-Galerie, Milchstraße 28, Hamburg.

Projekt mit Günter Wallraff geplant

Und Zint denkt auch mit 75 Jahren noch nicht ans Aufhören. Das nächste Projekt ist gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Günter Wallraff bereits im Werden: Ein Buch mit dem Titel "Hamburg ganz unten". "Günter Wallraff hat vor 40 Jahren schon im Hamburger Pik-Ass geschlafen und sich ja auch später als Obdachloser versucht", erzählt er. Das Buch entsteht zusammen mit der Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunzt" und die "Verkäufer werden dann hoffentlich auch dieses Buch verkaufen". 50 Prozent der Erlöse aus dem Buchverkauf sollen dann an "Hinz und Kunzt" gehen.

Und wenn der Kiez-Experte ankündigt, was er noch für ein Projekt in petto hat, klingt es fast wie eine Drohung. Er will das ultimative St. Pauli-Buch veröffentlichen. "Das wird aber noch nicht so schnell erscheinen", sagt Zint und lacht. "Denn sobald es erscheint, darf ich mich bei bestimmten Leuten hier nicht mehr sehen lassen."

Weitere Informationen

"Den Star-Club haben wir geliebt, weil unsere Eltern ihn gehasst haben"

Ein Interview mit Günter Zint, dem Fotografen der 68er-Generation, über strenge Regeln und widerspenstige Jugendliche. (19.03.2009) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.06.2016 | 20:00 Uhr