Stand: 29.10.2018 13:23 Uhr

"Szenen aus Goethes Faust": Blanker Kitsch

von Peter Helling

Höllentrip oder Himmelfahrt in der Staatsoper Hamburg: In Robert Schumanns selten gespielter Szenenfolge zum Goethe-Klassiker "Faust" geht es um die Seele eines großen Sünders und Zweiflers. Achim Freyer, für Regie und Ausstattung zuständig, hatte nichts Geringeres als ein Gesamtkunstwerk im Sinn. Beim Publikum hinterließ der Abend gemischte Gefühle.

Dunkel ist die Welt, in die uns der Regisseur und Bühnenbildner entführt. Da sehen wir einer schleppenden Choreografie von grün geschminkten Dunkelmännern in schwarzen Kapuzenpullis zu, die sehr symbollastige Dinge auf die Bühne tragen: eine blaue Blume, eine Blechtrommel, ein Holzkreuz. Bedeutungsschwanger ist gar kein Ausdruck.

Eine Person mit einer riesigen weißen Maske auf der Bühne (Szene aus "Szenen aus Goethes Faust" an der Hamburger Staatsoper)

"Szenen aus Goethes Faust" in der Staatsoper

Hamburg Journal

An der Staatsoper hat "Szenen aus Goethes Faust" Premiere gefeiert. Künstler Achim Freyer bringt die Szenen, die als lange vernachlässigtes Meisterwerk galten, auf die Bühne.

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Ein musikalischer Gewinn

Faust ringt die Hände wie ein mittelmäßiger Stummfilmstar. Er steht da als Doppelgänger des berühmten Wanderers über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich. Wolken wabern auf Video, eine Welt im Umbruch. Christian Gerhaher singt die Titelpartie allerdings fantastisch, wechselt federleicht zwischen beinahe sprechartigem Gesang und seinem eleganten Bariton. Er artikuliert so klar, dass man die Goethe-Texte wirklich versteht. Auch Christina Gansch als Gretchen und Narea Son als Die Sorge singen einem direkt ins Herz. Keine Frage, musikalisch ist dieser Abend ein Gewinn - das fanden auch die meisten Zuschauer.

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Chor und Orchester sitzen hinter einer durchsichtigen Stoffwand.

Die lockere Szenenfolge von Robert Schumann pumpt Goethes Faust mit Pathos und - auch - Schwulst auf, der schwer erträglich ist. Eine lockere Szenen-Collage über Tod und Erlösung der Titelfigur. Hier wird der Himmelskönigin Maria gehuldigt, die Klangfarben werden knallbunt - da knacken fast die Zuckerkristalle zwischen den Zähnen. Der Chor der Staatsoper ist brillant. Kent Nagano lenkt sein Orchester ein bisschen zu sehr in romantisch-gründelndes Fahrwasser. Dennoch: Es schwingt und raunt.

Unfassbar zähe Bilder

Aber ansonsten? Achim Freyer entwirft unfassbar zähe Bilder, lässt Sänger vor einem durchsichtigen Stoff agieren wie Untote, dahinter sitzen Chor und Orchester. Dunkel, abstrakt und leider ohne einen Hauch Ironie. Obwohl die sich ja anbietet beim Faust-Stoff - Mephisto, sein Verführer, macht es vor. Aber der erstarrt zur Teufels-Pose mit leuchtenden Plastikhörnern auf dem Kopf. Der Teufel war auch schon mal lustiger.

In dieser Inszenierung kriegt man alles doppelt und dreifach. Regisseur Achim Freyer liefert selbstverliebtes Kopftheater, ohne eine sinnliche Übersetzung, ohne einen Zugriff, der Fausts Visionen wirklich erlebbar macht. Was fehlt, ist eine Gegenwelt, die mehr liefert als kleinteilige Dekoration und Selbstgemaltes. Da muss Reibung her - ansonsten entsteht blanker Kitsch. Wie hier.

"Szenen aus Goethes Faust": Blanker Kitsch

Die Staatsoper Hamburg zeigt "Szenen aus Goethes Faust" unter der Leitung von Achim Freyer. Die Inszenierung ist dunkel, abstrakt und leider ohne einen Hauch Ironie.

Art:
Show
Datum:
Ort:
Hamburgische Staatsoper, Großes Haus
Große Theaterstraße 25
20354   Hamburg
Telefon:
Kartenservice: (040) 35 68 68
E-Mail:
Kartenservice: ticket[at]staatsoper-hamburg.de
Preis:
Zwischen 6 und 195 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 29.10.2018 | 19:00 Uhr

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