Stand: 07.08.2019 14:32 Uhr

Alltagsgeschichten im Hamburger "Erzählmuseum"

von Anette Schneider

Das Museum für Hamburgische Geschichte ist ziemlich bekannt - weniger bekannt dürfte das Museum für Hamburgische Geschichtchen sein. Untergebracht ist es in der Millerntorwache, einem kleinen klassizistischen Bau mit Säulen, das direkt an der riesigen Kreuzung zwischen Reeperbahn und Planten un Blomen steht. Seit 2013 ist das Gebäude ein Ort des Erzählens und Zuhörens, denn seitdem kann hier jeder seine persönlichen Geschichten zu Hamburg erzählen, die aufgenommen und als Oral History archiviert werden. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Alfred Toepfer Stiftung.

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Seit 2013 ist die Millerntorwache ein Ort des Erzählens.

Projektleiterin Ricarda Luthe steht in der 24 Quadratmeter kleinen Millerntorwache. In ihr gibt es nicht viel mehr als ein prächtiges grünes Samtsofa und zwei dazu passende Stühle. Das Sofa ist für die, die etwas erzählen wollen. "Wir bekommen viele Anrufe", erzählt Luthe. "Mundpropaganda ist sehr wichtig dabei, es trägt sich einfach weiter. Das grüne Sofa ist zum Begriff geworden."

Millerntorwache wird zum Oral-History-Ort

Seit 2013 sammelt Ricarda Luthe mit einigen Mitstreitern und Mitstreiterinnen mündliche Erzählungen. In den 1980er-Jahren setzte sich Oral History als wichtige Ergänzung zur offiziellen Geschichtsschreibung durch: Der herrschende Blick auf die Dinge wird erweitert um den Blick derer "von unten".

"Es ist interessant, den Menschen zuzuhören"

Bettina Kiefer ist eine der "Zuhörerinnen" des Museums für Hamburgische Geschichtchen. So nennen sich diejenigen, die zu bestimmten Themen recherchieren, Gespräche vorbereiten, dem Erzählenden während der Aufnahme gegenübersitzen und später das Material archivieren. "Es ist Alltagsgeschichte", sagt Kiefer. "Früher haben Menschen in ihr Tagebuch geschrieben oder etwas an ihre Kinder weitergegeben - heute findet das zunehmend weniger statt, weil sich Familie verändert und dadurch auch die Kommunikation. Deswegen finde ich das wichtig. Es ist interessant, den Menschen zuzuhören und neue Aspekte einer bestimmten Zeit zu erfassen."

Themenreichtum auf dem grünen Sofa

Auf dem grünen Sofa ergreifen junge und alte Menschen das Wort, Männer und Frauen. Sie erzählen von ihrer Kindheit im Faschismus und in der Nachkriegszeit. Frauen berichten von ihrem zähen Kampf um Gleichberechtigung. Ein Fotograf beschäftigt die Gentrifizierung auf St. Pauli. Ein Lehramtsstudent schildert die Vorurteile, die ihm kurz nach der Wende als "Ossi" in Hamburg begegneten.

"Wir wollen auch junge Menschen erreichen", so Ricarda Luthe. "Meistens sagen die: 'Ich habe doch noch gar nichts erlebt!' Aber für die Nachwelt ist es interessant, wie sie Schule oder Studium erleben."

Neu sind Themenreihen, etwa über Architektur in Hamburg oder über Frauen in alten Handwerksberufen. So erzählt die erste Bestatterin Hamburgs über ihren Werdegang und wie die Arbeit sie verändert hat: "Ich habe nicht mehr das Erstreben, steinreich zu werden, weil ich weiß, dass ich damit nichts anfangen kann. Ich kann am Ende damit zum Beispiel keine Gesundheit kaufen."

Alle arbeiten ehrenamtlich

Lange stand die kleine Millerntorwache leer und verfiel - bis das Museum für Hamburgische Geschichte und die Toepfer Stiftung die Idee für das "Erzählmuseum" entwickelten. Der Haken dabei: Es gibt keine feste Stelle, und alle arbeiten ehrenamtlich. Und so ist das Gebäude, bis auf seltene Veranstaltungen wie "Die Lange Nacht der Museen", fast immer geschlossen - zum Leidwesen seiner engagierten Macherinnen, deren Pläne äußerst bescheiden sind: "Wir träumen davon, hier einen Touch-Screen zu haben und unsere Filme auch mal zu zeigen", so Ricarda Luthe. Bettina Kiefer wünscht sich, "dass man die Wache vielleicht einmal im Monat öffnet und einfach mal schaut, wer vorbeikommt und Lust hat, spontan etwas zu erzählen."

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Das scheint dringend notwendig, denn noch fehlen ausgerechnet die Stimmen, die von der offiziellen Geschichtsschreibung gern ignoriert werden: Wie etwa erlebt ein Obdachloser die Stadt? Wie eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin? Auch gibt es noch keine Erzählungen über die großen sozialen Bewegungen der 80er-Jahre, den Kampf um gesellschaftliche Alternativen - von der Anti-Atomkraftbewegung bis zu den Hausbesetzern der Hafenstraße.

"Das ist richtig", sagt Ricarda Luthe - und fügt fast ein bisschen resigniert hinzu: "Für bestimmte Themen braucht man aber auch gute Zuhörer, die sich da wirklich reinknien, die das Thema aufbereiten, die Leute dafür finden, die dann hier darüber erzählen wollen. Aber wie das überall ist: Der eine wird krank, der andere kann zeitlich einfach nicht mehr, und so ist man eigentlich immer wieder am Aufbauen. So bleiben einige Themen ein bisschen auf der Strecke."

Immerhin: Alle bisher aufgenommenen Erzählungen sind auf der Website des Museums zugänglich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 08.08.2019 | 16:20 Uhr

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