Volkwin Marg © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Hamburger Architekt Volkwin Marg wird 85 Jahre alt

Stand: 15.10.2021 08:40 Uhr

Volkwin Marg hat in seiner 55-jährigen Architekten-Karriere um die 400 Bauwerke erschaffen, etwa den Flughafen BER, die neue Messe in Leipzig oder das Kapstadt-Stadion. Nun wird Volkwin Marg 85.

von Jürgen Deppe

Man könnte Volkwin Marg einen Stararchitekten nennen. "Nee!", entgegnet Marg, "das ist eine peinliche Bezeichnung. Das lehne ich ab!" Okay, aber was ist er dann? "Als Architekt bin ich ein gebundener Auftragskünstler und in weiten Teilen - im Sinne der Urbedeutung des Wortes Architekt - 'Baumeister.'" Und das schon lange und schon oft. "Naja, 55 Jahre, da gibt es irrsinnig viele Entwürfe. Fast alles Wettbewerbe. Und das in aller Welt. Da verliert man ein bisschen den Überblick", sagt Marg. "Aber es muss sich so um die Größenordnung von 400 Bauwerken handeln."

Erste Erfolge schon während des Studiums

Angefangen hat alles in Braunschweig, wo der gebürtige Ostpreuße, der mit seinen Eltern erst nach Thüringen und später über Berlin in den Westen floh, Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre Architektur studierte. Zum Broterwerb zeichnete er mit seinem Kommilitonen Meinhard von Gerkan anonym Entwürfe für namhafte Architekten. Die beiden jungen Wilden nannten sich "Unterseeboote", kreierten leicht größenwahnsinnig Theater, Bibliotheken und Rathäuser - und gewannen für ihre Brötchengeber einen Wettbewerb nach dem anderen. Also nahmen die unerfahrenen Jungspunde - abermals anonym, aber diesmal auf eigene Rechnung - am Wettbewerb um den Bau des Flughafens Tegel teil. Und siehe da: Ihr Entwurf gewann!

"Es war gut, es den Menschen bequem zu machen", erklärt Marg. "Kürzeste Wege. Nicht belästigt durch die Erpressung von Einzelhändlern, die ja als Wegelagerer einem alles versauen, und man unsinnig die Zeit auf dem Flughafen verbringt. Die Kürze der Wege. Die Bequemlichkeit. Der Kunde ist König."

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Volkwin Marg © picture alliance / dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Der Architekt Volkwin Marg im Gespräch

Kurz nach seinem Studium erhielt Marg den Auftrag, den Flughafen Tegel zu bauen. Ein Meilenstein - und der Beginn einer beispiellosen Geschichte. mehr

"Das Ethos hinter dem Entwerfen ist, was am Schluss für den Menschen gut ist"

Gleich im ersten Jahr gewann das neu gegründete Büro von Gerkan, Marg und Partner sieben Wettbewerbe. Und so ging es weiter: Schlag auf Schlag, Jahr für Jahr. Doch bei allem Erfolg - allem schneller, höher, weiter - blieb der sozialistisch geschulte Pfarrerssohn Volkwin Marg immer auch ein Hinterfragender: "Das Ethos hinter dem Entwerfen ist ja eigentlich, was am Schluss für den Menschen gut ist. Im Sinne von Güte, nicht Materialgüte! Oder was ist, wenn man nicht den Einzelnen hat, sondern die Gruppe: Was ist gesellschaftlich gut? Da wird es häufig schwierig, wenn man sich dann auch die Gretchenfrage stellen muss: Stimmt das noch?"

S- und U-Bahnhof Elbbrücken © picture alliance / Markus Mainka Foto: Markus Mainka
Der Entwurf des gläsernen S- und U-Bahnhofs Elbbrücken in Hamburg stammt ebenfalls von Volkwin Marg.

In den Jahren zum Beispiel als der Flughafen BER entstand: Wann wäre der Zeitpunkt gewesen auszusteigen? Oder bei der Frage: Wo und unter welchen Umständen ist es verantwortbar zu bauen? Das Hamburger Architekturbüro unterhält mittlerweile drei Niederlassungen in China - in Peking, Shanghai und Shenzhen - und baut dort ein Riesenprojekt nach dem nächsten - das größte: die Stadt Nanhui für über 800.000 Einwohner. Legitim? Marg sinniert: "Alles Bauen ist im Prinzip in dem jeweiligen Staat oder Land systemstabilisierend. Ich bin nun mal Marxist und bin es gewohnt, das etwas gründlicher zu betrachten. Das stabilisiert das System."

Als kürzlich der Flughafen Tegel - das heutige Denkmal, mit dem die Bilderbuchkarriere vor Jahrzehnten begann - außer Betrieb gestellt wurde, ließ es sich Volkwin Marg kurz vor seinem 85. nicht nehmen, noch einmal zu den Wurzeln zurückzukehren. Es ist das, was bleibt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.10.2021 | 07:40 Uhr