Stand: 19.06.2017 18:25 Uhr

Klangmanufaktur: Flügel als Investment

von Benedikt Scheper

Geld zur Seite zu legen lohnt sich kaum noch. Die Zinsen auf Spareinlagen befinden sich seit Jahren auf Niedrigniveau. Das Hamburger Unternehmen Klangmanufaktur bietet nun eine etwas andere Form des Investments - in Flügel. Und das zahlt sich aus.

Klare Klänge schwingen vorbei an Baumstämmen, die als Dekoration von der Decke grauer Lagerräume hängen. Die Räumlichkeiten im Industriegebiet von Hamburg-Hammerbrook wirken auf den ersten Blick wie jede andere Piano-Werkstatt. Überall stehen Flügel und Klaviere, teilweise in Einzelteile zerlegt. Dosen mit Saiten und Lacken stehen in Regalen, unterschiedliche Werkzeuge liegen neben den rund 30 Instrumenten.

In der Werkstatt der Hamburg Klangmanufaktur

Mittendrin steht Lemuel Grave, der beim Anblick der 88 glänzenden Tasten vor ihm strahlt. Der 35-jährige Pianist stammt aus Frankreich, hat Klavier an der Hamburger Musikhochschule studiert und strebt nun eine Karriere als professioneller Liedbegleiter an. Doch das notwendige Kleingeld für ein adäquates Arbeitsinstrument fehlt ihm. Als er von dem Angebot hörte, einen alten, aber komplett renovierten Flügel mieten zu können, war er auf Anhieb begeistert: "Ein Steinway ist einfach eine ganz andere Liga. Aus finanziellen Gründen ist das Angebot für mich sehr wichtig, ich kann einen Steinway nicht kaufen, aber mieten, und bis ich das Geld dafür habe, kann ich schon jetzt davon profitieren."

Eine Chance für Musiker und Investor

Denn den 40.000 Euro teuren, aufgearbeiteten Klangkörper hat ein Investor von der Klangmanufaktur gekauft. Direkt danach übernimmt diese die Vermietung und der Investor erhält die Zinsen. Inklusive Diebstahl- und Schadens-Versicherung zahlt Lemuel Grave im Monat so nur 160 Euro für ein Premium-Instrument. Für den zwei Meter großen Musiker hat das noch einen weiteren Vorteil. Vorher hatte Grave Fußschmerzen, weil er gekrümmt die Pedale bedienen musste. Nun wurde sein neuer Flügel um sieben Zentimeter erhöht und damit seiner Körpergröße angepasst. Die Schmerzen beim Musizieren seien am neuen Flügel wie verflogen, so Grave: "Ich habe ihn gekriegt und es war einfach fantastisch."

Investor Paul-Louis Lelièvre in der Werkstatt der Hamburger "Klangmanufaktur" © NDR Fotograf: Benedikt Scheper

Flügel als Investment

NDR Kultur -

Geld zur Seite legen lohnt sich kaum noch. Das Hamburger Unternehmen "Klangmanufaktur" bietet nun eine etwas andere Form des Investments - in Flügel. Und das zahlt sich aus.

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Auch der ebenfalls französische Investor Paul-Louis Lelièvre profitiert. Der 32-jährige freiberufliche Übersetzer und Performance-Künstler hatte viel Geld gespart, wollte es sinnvoll und sicher anlegen. Doch nicht nur vier Prozent Zinsen und eine durch regelmäßige Wartung garantierte Wertstabilität des Flügels lockten ihn: "Ich finde es viel persönlicher und direkter. Ich kenne die Klangmanufaktur und Lemuel, es ist eine Win-win-win-Situation. Und Kultur zu fördern ist interessant, weil ich auch selbst in der Freien-Szene involviert bin, und da muss man sich unterstützen."

"Das ist nicht elitär"

Die Klangmanufaktur wurde vor zwei Jahren gegründet, hauptsächlich von ehemaligen Mitarbeitern von Steinway & Sons. Inhaber und Geschäftsführer Oliver Greinus ist vom Konzept des lukrativen philanthropischen Investments überzeugt. Beispielsweise könne sich auch ein Klavierlehrer so einen Steinway leisten, die Miete bringe bereits der erste Schüler ein. Acht Paarungen gibt es bereits. Die meisten Investoren sind junge Selbstständige, die fürs Alter vorsorgen. Ein weiterer Vorteil: Es sei kein Gönnerverhältnis, der Künstler sei nicht abhängig von einem Mäzen, sondern zahle ja die Miete. "Wir haben Anfragen von Konzertstätten, die einen alten Flügel haben, mit dem kein Künstler oder Publikum zufrieden ist", erzählt Greinus. "Die können sich nicht einmal punktuell einen Flügel mieten, weil allein die Transportkosten 600 bis 700 Euro pro Konzert betragen. Die haben jetzt die Möglichkeit, von uns einen Flügel für 170 Euro, 180 Euro zur Dauermiete zu bekommen. Die sagen, sie hätten nun zum ersten Mal die Möglichkeit, ein gutes Instrument zu haben. Und das ist nicht elitär."

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