Schauspieler Nico-Alexander Wilhelm und der Küntlerische Leiter Klaus Schumacher auf der Baustelle des Jungen Schauspielhauses am Wiesendamm. © NDR Foto: Peter Helling

Hamburg: Eine neue Heimat für das Junge Schauspielhaus

Stand: 26.01.2021 06:00 Uhr

Mitten in Hamburg-Barmbek entsteht gerade ein Zentrum für Theater, in einer ehemaligen Fabrikhalle am Wiesendamm. Das Junge Schauspielhaus bekommt hier eine neue Heimat.

von Peter Helling

Im September soll es so weit sein, dann wird das größte Haus für junges Theater in Hamburg, das Junges Schauspielhaus, eröffnet, das derzeit provisorisch auf einer Probebühne im Schauspielhaus auftreten muss. Mit viel Fantasie kann man es sich vorstellen: Im Foyer des neuen Theaterhauses am Wiesendamm soll die Welt mal Kopf stehen. Auf den noch grauen Betonfußboden werden Wolken gemalt. "Der Boden wird ein Himmel", freut sich Klaus Schumacher, der Künstlerische Leiter des Jungen Schauspielhauses, schon jetzt. Die Idee hatte Bühnenbildnerin Katrin Plötzky. Die Seitenwände sind halb fertig orangefarben bemalt, von oben fällt das Licht durch schräge Fabrik-Fenster. Und immer mal wieder flattert eine Taube durch die Stahlgerüste an der Decke, scheint sich verirrt zu haben. Es ist ein Ort im Werden.

"Ein öffentliches Haus für Theater für junges Publikum"

Klaus Schumacher ist sichtlich stolz auf das, was hier gerade entsteht. "Das wird das öffentliche Haus für Theater für junges Publikum", verspricht er, "das gibt es in dem Format in Hamburg noch nicht." Kaum vorstellbar, dass hier mal das Publikum hereinströmen wird, womöglich sogar ganz ohne Abstand, womöglich ohne Atemschutzmaske. Noch tragen Bauarbeiter lange Rohre von einem Raum in den anderen. Im Hintergrund wird gebohrt. Corona-konform, sagt Schumacher, müssten sich die Bautrupps sehr gut miteinander absprechen.

Mit Klaus Schumacher ist Nico-Alexander Wilhelm gekommen, er ist Ensemble-Mitglied im Jungen Schauspielhaus. Dass er und seine Kollegen und Kolleginnen diesen Ort voraussichtlich September eröffnen werden? Das sei eine ganz große Sache, sagt er und lacht. "Es fühlt sich ein bisschen so an wie: Man lebt dann hier, hier machen wir Theater, hier kommt man zusammen, hier eröffnen sich Räume für neue Ideen und Möglichkeiten, das ist sehr inspirierend."

Zwei Bühnen mit insgesamt rund 300 Plätzen

Vom Foyer aus geht es nicht nur in ein helles Theater-Café. Von hier aus verzweigen sich alle Flure ebenerdig und barrierefrei in die Herzkammern des neuen Theaters: auf die große Bühne mit ihren rund 190 Plätzen, ins Studio mit etwa 90 Plätzen, in Büros, ins Kulissen-Lager, auf die Probebühnen. Das Besondere: Dieser Gebäudeteil ist nur einer von mehreren, die in das alte Fabrikgebäude hinein gebaut wurden. "Im Schuhkarton-Prinzip", sagt Schumacher. Früher zogen sich 500 Meter lange Fluchten von einem Ende der Halle zum anderen. Ein paar Schritte weiter hinein ein in den Gebäude-Trakt und man steht auf der großen Bühne. Ein richtiger Eyecatcher: die Drehbühne, schon deutet sie sich an. Nico-Alexander Wilhelm vermutet augenzwinkernd, dass sich die ersten Inszenierungen alle hier drehen werden, aus reiner Begeisterung über diese neue Vorrichtung. "Ich habe noch nie auf einer Drehbühne gespielt, insofern bin ich auch da ein bisschen gespannt."

Das Ziel: Theater für alle Generationen

Der Künstlerische Leiter Klaus Schumacher und Schauspieler Nico-Alexander Wilhelm auf der Baustelle des Jungen Schauspielhauses am Wiesendamm. © NDR Foto: Peter Helling
Klaus Schumacher und Nico-Alexander Wilhelm freuen sich auf ein Theater für alle Generationen.

Die Bestuhlung wird flexibel sein, je nach Stück. Klaus Schumacher und sein Team wollen diesen Ort zu einem ganz besonderen machen. "Alle Helden, die hier zu sehen sind, bieten uns eine Perspektive, die hoffentlich erhellend ist. In dem Sinne, dass man die andere Generation versteht, mit ihren Sorgen, mit ihrer Lust zu leben, mit ihren Nöten, die entstehen, und davon würden wir gerne hier erzählen." Ob mit ganz viel Humor, ob ernst, je nach Altersstufe, sagt er. Die ganz jungen Zuschauerinnen und Zuschauer dürfe man natürlich nicht allzu lange im Dunkeln sitzen lassen. Das ältere Publikum, also 15 Jahre und älter, das könne man mit großen Themen herausfordern. "Wir leben ja in einer Zeit, wo die jüngeren Generationen sich zum Glück sehr zu Wort melden, und das wird auch hier stattfinden."

Vom ehemaligen Munitionslager zum Theater für junges Publikum

Gleich neben der großen Bühne gibt es sogar einen eigenen Ruheraum. Der sei ganz wichtig, um vor einem Auftritt noch einmal in sich zu gehen, sagt Schauspieler Nico-Alexander Wilhelm. Er freut sich sehr auf seinen neuen Spiel- und Arbeitsort. "Das ist das Tolle auch hier, es ist alles hier, und hier kann man arbeiten, hier kann man miteinander spielen." Ein Ort auch mit dunkler Vergangenheit. "Im Zweiten Weltkrieg gab es sogar eine Geschichte als Munitionslager", sagt Schumacher. Die Halle gehört zur Sprinkenhof AG, sie ist verantwortlich für den Umbau, und der verlaufe, sagt der Künstlerische Leiter, nach Plan. Derzeit ist die provisorische Bühne für das Junge Schauspielhaus noch eine Probebühne im großen Schauspielhaus an der Kirchenallee. Jetzt also: ganz neue Möglichkeiten. Schon allein, dass direkt hinter der großen Bühne die Kulissenteile gelagert werden könnten, sei ein großer Vorteil. Dadurch würden schnelle Umbauten von einem Stück zum anderen möglich.

In Nachbarschaft zur Theaterakademie

Etwa 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden hier ständig arbeiten: neben den Technikern, den Dramaturginnen, Maskenbildnern ist es das sechsköpfige Ensemble. Der neue Hausherr Klaus Schumacher wirkt fast ein bisschen verlegen, wenn er sich die neuen, hellen Räume ansieht: "Wir haben noch gar nichts gezeigt, es ist im Moment so ein Moment vorm Hochsprung." Auch ein Sprung in die direkte Nachbarschaft, mitten hinein nach Barmbek. Schülerinnen und Schüler sollen sich hier ausprobieren dürfen. Und: "Es gibt sehr schöne Begegnungen mit der Zinnschmelze, mit dem Museum der Arbeit, mit dem Puppentheater, es gibt ja hier nebenan auch die 'Wiese', die eine freie Produktionsstätte ist." Den größten Clou findet Klaus Schumacher aber, dass sie direkte Nachbarn der Theaterakademie sein werden. Dem Ort also, wo die Theatertalente von morgen ausgebildet werden. Regisseurinnen, Schauspieler. Eine echte Chance zur kreativen Zusammenarbeit. Nur ein paar Schritte den Gang hinunter, und man steht in deren Seminarräumen. Und irgendwann sollen hier sogar gemeinsame Partys gefeiert werden. Die Gastronomie böte genug Platz.

Erst mal nur ein leeres Gebäude am Wiesendamm

Vor der Party kommt erst mal die Impfung - und die Arbeit, und die heißt für Klaus Schumacher derzeit: die Eröffnungssaison mit etwa zehn bis zwölf Premieren vorbereiten. Eine Wette auf eine hoffentlich Masken-freie Nach-Corona-Zukunft. Klaus Schumacher, dem neuen Hausherrn, ist die Begeisterung anzumerken. Denn all das hier, die Wände, die Fenster, die Böden und Stahlteile, seien ja erst mal nur ein leeres Gebäude, eine leere Hülle. Sie müssten diese Hülle jetzt mit Inhalten füllen, mit Ideen, mit Gedanken, um klarzumachen: "Das ist ein Theater, hier werden Geschichten erzählt."

Weitere Informationen
Lina Beckmann und Charly Hübner im Foyer von NDR Kultur © NDR Foto: Claudius Hinzmann

Lina Beckmann und Charly Hübner fahren auf (Zuver-)Sicht

Das Schauspielerpaar erzählt, wie es das Coronajahr erlebt hat, und spricht über Hoffnungen und Erwartungen für 2021. mehr

So sieht das Schwimmnudeln-Konstrukt auf der Bühne am Schauspielhaus Hamburg aus - es dient als Abstandhalter für Probenarbeit © NDR Foto: Katja Weise

Höhepunkte trotz Corona: Rückblick auf das Theaterjahr 2020

Schwimmnudeln als Abstandshalter und ein Premieren-Stau, aber trotzdem gab es 2020 große Premieren und spannende Projekte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 26.01.2021 | 19:00 Uhr