Stand: 17.09.2020 11:41 Uhr

Haltet Abstand! Journalismus mit Distanz

von Martin Tschechne

Wer mitreden will, der muss Bescheid wissen. Darin liegt die Aufgabe des Journalismus. Und so funktioniert Demokratie. Journalisten dienen der Gemeinschaft als Aufpasser, Erklärer und Enthüller. Was sie nicht tun sollten: ins Geschehen eingreifen, ihr Publikum lenken, eigene Interessen vertreten. Ein Journalist, so mahnte einst der Fernsehmann Hanns Joachim Friedrichs, macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Distanz ist eine Bedingung journalistischer Arbeit. Doch im Lärm der Influencer, Blogger und Aktivisten fällt es manchem schwer, der Versuchung zu widerstehen.

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Autor Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg.

Ob Polizisten auf den Müll gehören? Die Frage wurde im Sommer verhandelt, viel hitziger, als es einer Glosse, einer satirischen Blödelei in der Zeitung, eigentlich zukommt. Was im selben Atemzug nämlich ebenfalls diskutiert wurde, beinahe dankbar für den Anlass, war die Frage: Was eigentlich kann und was darf der Journalismus? Darf er verleumden? Zur Gewalt aufrufen? Wo liegen seine publizistischen Pflichten, wo seine Grenzen, ethisch und ästhetisch? Wer ist dazu berufen? Und welche Stufen ihrer Reife müssen junge Köche erklommen haben, bevor sie mit den scharfen Messern hantieren dürfen?

Pardon, das mit den Köchen und den Messern war nur eine Metapher. Polemisch wie der Schluss, dass Polizisten nach Abschaffung der Polizei, über die im Anschluss an die gallige Glosse ein paar Leitartikel lang räsoniert wurde, als stünde so etwas tatsächlich zur Debatte - dass ausgediente Polizisten wegen ihrer berufsbedingten Neigung zur Gewalt weder als Hundetrainer taugten noch als Tankwart, nicht mal als friedliebende Biobauern. Letzte Ausfahrt also: die Müllkippe. Wie gut, dass der Zinnober dann auch rasch wieder vorüber war.

Was aber bleibt, ist die Frage nach den Regeln einer Zunft, nach ihrer Moral, nach der Schärfe ihrer Instrumente und danach, wer sie wie benutzen darf. Und in welcher Absicht. Die Debatte darüber findet immer wieder ihre Anlässe, ob es sich um Polizeigewalt handelt oder um Einwanderungspolitik, um die Frauenquote, eine CO2-Steuer, die Rolle Deutschlands in der EU oder den Umgang mit der neuen Rechten. Und um das gleich vorwegzunehmen: Es gibt für keines dieser Probleme ein publizistisches Patentrezept; die Debatte selbst ist es wohl, was ihm am nächsten kommt.

Farbe bekennen oder Distanz halten?

Es geht um die Identität eines ganzen Berufsstandes. Und viele Journalisten kämpfen um ihre Position. Ob die Kollegen meinten, wirklich neutral und ausgewogen zu sein, wenn sie nur brav jeden ans Mikrofon lassen, fragt also die eine Seite und fordert, doch lieber ganz offen eine eigene Position einzunehmen und dazu zu stehen. Und wer sich jemals überrumpelt fühlte vom Auftritt eines wortgewaltigen Parteisoldaten, der etwa eine Talkshow kapert, um sie vor zahlendem Publikum für den eigenen Wahlkampf zu missbrauchen - der kann die Verzweiflung nachempfinden, die hinter solcher Empfehlung stehen mag: Die Ausgleichstechniken der Branche sind manchmal wirklich in einer Weise naiv, dass es an Denkverweigerung grenzt. Ein Vertreter der Linken und einer der Rechten ergeben nun mal nicht die Mitte. Und schon gar nicht so etwas wie eine ausgewogene, facettenreiche Wahrheit. So einfach funktioniert das nicht!

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Schön und gut, halten die Skeptiker dieser Position entgegen. Objektivität mag nie wirklich zu erreichen sein. Aber aus solcher Erkenntnis die Einladung zu vollherziger Parteinahme abzuleiten - wir, die Guten, ihr die Ahnungslosen - das verkenne einfach die Verantwortung der Medien und ihrer Vertreter. Wer gibt ihnen das Recht, ihr Millionenpublikum zu erziehen? Berichterstatter seien Schiedsrichter, mahnen sie, und nicht Akteure der öffentlichen Debatte. Und drohen: "Fallen sie aus der Rolle, indem sie dem Ball der einen Mannschaft einen Schubs geben, dann leidet das Vertrauen, dass Journalisten sich um Objektivität wenigstens bemühen."

Die Alternativen sind also klar: Farbe bekennen, Anwalt sein, auch wenn das Mandat nur persönlicher Ambition entspringt. Oder Distanz halten, selbst wenn das eigene Temperament sich dagegen aufbäumt. Denn Überzeugungen können sich wandeln. Sie sind Lernprozessen ausgesetzt, einem allgemeinen, fortschreitenden Diskurs, einem Zeitgeist. Und niemand sollte, niemand darf seine Leser oder Hörer zu Gefangenen der eigenen Entwicklung machen.

Journalismus ist kein Ort für allzu gesellige Leute

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AUDIO: Haltet Abstand! Journalismus mit Distanz (10 Min)

Ein paar Generationen lang galt für das Gewerbe der Leitsatz, den Hanns Joachim Friedrichs in seinen Lebenserinnerungen festgehalten hat: Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, und sei es auch eine gute. Der spätere Moderator der Tagesthemen hatte nach dem Krieg in England gearbeitet. Die Unabhängigkeit seines Gewerbes, die er dort erlebte, war für ihn und die Kollegen daheim wie der tiefe Atemzug nach einem Pfefferminzbonbon: Da war keiner mehr, der ihnen eine Richtlinie vorgab, sie kontrollierte und benutzte. Die Politik, Parteien, Verbände, die Kirche oder die Weichensteller der Wirtschaft - das sollten allein die Objekte ihrer Aufmerksamkeit sein. Und wehe, ein Journalist sprang über den Graben. Public Relations, PR, der Wechsel in die Politik - für die Branche galt so einer als verloren.

Damals bot der Journalismus anglo-amerikanischer Tradition ein Vorbild an souveräner Moral. Und mal abgesehen von der britischen Boulevardpresse oder dem politischen Verblödungsfernsehen in den USA: Auch heute noch wäre aus den klar formulierten Statuten einer BBC oder "New York Times" eine Menge zu lernen. Dass etwa ein politischer Journalist keiner Partei angehören sollte, steht da, nicht mal Sympathie für ihr Programm erkennen lassen. An keiner Demonstration teilnehmen, keine Petition unterschreiben und keine gesellschaftliche Initiative mit Spenden füttern. Denn Unabhängigkeit ist, erstens, ein Zustand, der in jeder Minute Selbstkritik und strenge Disziplin erfordert. Und zweitens ein Anspruch, der sichtbar hochgehalten werden sollte. Als Selbstschutz gegen Versuchung und als Signal für andere: Vertraue nie darauf, dass ich dein Kumpel bin. Journalismus ist gewiss kein Ort für allzu gesellige Leute.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 20.09.2020 | 19:00 Uhr