Stand: 22.07.2019 14:27 Uhr

Ruth Reinecke: "Und dann war alles anders"

von Alexandra Friedrich

Die Nacht des 9. November 1989, der Fall der Berliner Mauer, jährt sich in diesem Herbst zum 30. Mal. Drei Jahrzehnte nach der Wende erinnern wir in unserer Reihe "Grenzenlose Kunst. Biografien 30 Jahre nach dem Mauerfall" daran - gemeinsam mit zehn ganz unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern, die jedoch eines eint: ihre ostdeutsche Herkunft. So auch die Theater- und Filmschauspielerin Ruth Reinecke, die in diesem Jahr nicht nur das 30. Jubiläum des Mauerfalls feiert, sondern auch ein persönliches Jubiläum: Seit vier Jahrzehnten gehört sie zum Ensemble des Maxim Gorki Theaters in Berlin - NDR Kultur hat sie dort getroffen.

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Seit 1979 am Berliner Maxim Gorki Theater engagiert - Ruth Reinecke.

In der alten Singakademie, einem klassizistischen Bau am Boulevard "Unter den Linden", residiert das Maxim Gorki Theater - Berlins kleinste Stadtbühne, gemessen an der Zahl der Sitzplätze: 440. Aber ein geschichtsträchtiges Haus mit ausgezeichneten Inszenierungen und großen Namen im Ensemble. Ruth Reinecke gehört seit 40 Jahren dazu. Sie strahlt, als sie am Bühneneingang ihres "zweiten Zuhauses" ankommt, das während der Sommerpause rundum erneuert und instand gesetzt wird. Betreten ist eigentlich nicht erwünscht, aber einen kleinen Blick auf die Baustelle gewährt uns der Pförtner.

Vier Jahrzehnte an ein und demselben Theater

Ein Meer aus Plastikplanen soll das Inventar vor Staub und Schmutz schützen, auf der Bühne und der Empore liegen Werkzeuge, Materialien, Möbel kreuz und quer: "Es ist sehr lange nichts ins Theater investiert worden. Insofern erfüllt es mich mit großer Freude, dass da mal was passiert."

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Die gebürtige Berlinern freut sich sichtlich über die endlich stattfindenden Sanierungsmaßnahmen.

Die 64-Jährige hat viele Intendanten, Schauspieler, Regisseure und Dramaturgen kommen und gehen sehen: "Dass man überhaupt 40 Jahre an einem Stadttheater bleibt, ist ja heute so was Exotisches. Und da bin ich dann eben die Zeitzeugin, die erzählen kann, wie das ist, in vier Jahrzehnten unterschiedlich hier Theater zu machen."

Während die Straßenbahnen leise bimmeln, erzählt die Schauspielerin von ihren Anfängen am Maxim Gorki Theater, an das sie zehn Jahre vor der Wende kam: "Es gab ja keine öffentliche kritische Meinung, sondern das fand in der Literatur, in der Kunst und in den Theatern statt. Film wurde sehr viel unterbunden und verboten. Theaterstücke wurden auch verboten, aber man eroberte sich so Freiräume. Als wir uns hier verbeugt haben, war nicht klar, ob das nicht am nächsten Tag verboten wird. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen."

"DDR wurde eine Druckkammer"

Ruth Reinecke sitzt auf den Stufen des Maxim Gorki Theaters in Berlin. © NDR/ Alexandra Friedrich Foto: Alexandra Friedrich

Grenzenlose Kunst - zu Gast bei Ruth Reinecke

NDR Kultur

In der NDR Kultur Reihe "Grenzenlose Kunst. Biografien 30 Jahre nach dem Mauerfall" haben wir die Schauspielerin Ruth Reinecke am Maxim Gorki Theater in Berlin getroffen.

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Eine Vergangenheit, die wirklich sehr weit weg scheint von dieser grünen Oase des Maxim Gorki Theaters: "Und so segelten wir dann alle zusammen in diese schlimme Zeit 1988/89, bevor die Wende kam, wo dieses Land allmählich eine Druckkammer wurde."

Ruth Reinecke erinnert sich an die Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989, die Berliner Theaterleute ins Leben gerufen hatten: "Wir hatten sehr große Angst, dass es zu Gewaltausbrüchen kommt. Deswegen hatten wir alle 'Keine Gewalt'-Banderolen. Im Juni auf dem Tiananmen-Platz in Peking wurden die Leute zusammengeschossen, und das schwante uns natürlich im Kopf. Man war sehr aufgewühlt."

Die Demonstration ist als Meilenstein der friedlichen Revolution in der DDR in die Geschichte eingegangen. Und fünf Tage später fiel die Mauer: "Das war doch sehr überraschend. Und dann war alles anders, weil sich für Theater keiner mehr interessierte."

Plötzlich war das Theater leer

Mit dem Ende des DDR-Regimes verlor das Theater seine Schlüsselfunktion als Medium öffentlicher Kritik und seine größte Reibungsfläche. Die Folge war erst mal Ratlosigkeit: "Das war eine harte Zeit für das Theater: Wenn das Haus leer ist. Und das war eine große Unsicherheit: Was spielen wir, was interessiert die Leute?"

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Petersburger Hängung: die Ensemble-Mitglieder des Maxim Gorki Theaters.

Es mangelte nicht an Angeboten anderer Häuser, aber Ruth Reinecke blieb auch in dieser schwierigen Phase der Neuorientierung am Maxim Gorki Theater. Das hat sich in all den Jahren immer wieder neu erfunden und weiterentwickelt: von der subversiv-politischen hin zur Boulevard-Bühne, vom abgedreht-experimentellen hin zum dokumentarischen Theater. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte bildet aber einen roten Faden im Spielplan des Hauses und auch im Schaffen von Ruth Reinecke - auf der Bühne und vor der Kamera: Sie spielte etwa in dem DDR-Endzeit-Stück "Die Übergangsgesellschaft", in dem biografischen Theater-Projekt "Atlas des Kommunismus" und der Fernseh-Serie "Weissensee": "Ich habe jetzt so viel dazu gemacht und gearbeitet, dass ich im Moment sage: mal ein bisschen ruhen lassen. Ich lebe heute hier, die Welt brennt. Es gibt genug zu erzählen."

Übersicht

Grenzenlose Kunst: Biographien 30 Jahre nach dem Mauerfall

2019 feiern die Deutschen das 30. Jubiläum des Mauerfalls. Drei Jahrzehnte nach der Wende stellen wir zehn Künstlerinnen und Künstler vor, die einen besonderen Bezug dazu haben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 23.07.2019 | 09:20 Uhr

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