Stand: 24.06.2019 15:10 Uhr

Grenzenlose Kunst - zu Besuch bei Stephan Krawczyk

von Anina Pommerenke

Drei Jahrzehnte ist der 9. November 1989 in diesem Herbst her. Aus diesem Anlass schauen wir in unserer neuen Reihe auf "Grenzenlose Kunst. Biografien 30 Jahre nach dem Mauerfall". Wir haben Künstlerinnen und Künstler dort getroffen, wo sie heute wirken - in ihren Ateliers, im Theater, in ihren Wohnungen. Den Auftakt macht ein Besuch bei Stephan Krawczyk.

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Stephan Krawczyk: Sprachkünstler und Gesicht der Oppositionsbewegung in der DDR

Eine gepflasterte Nebenstraße im Multikulti-Viertel Neukölln, im alten West-Berlin. Die blaue Hauswand ist mit Graffiti besprüht, das Nachbarhaus ist besetzt. Von den Balkonen hängen große Protestplakate gegen den Verkauf des Hauses. Im Hinterhaus wohnt Stephan Krawczyk mit seinem jüngsten Sohn, der 15 Jahre alt ist. Bis auf Kartoffelsuppe könne er nichts kochen, gesteht der alleinerziehende Vater. Dafür macht er guten Kaffee - "türkisch, stark, so wie sich's für Neukölln gehört."

Am Kühlschrank hängt ein Stundenplan, an der Wand ein getuschtes Bild. Im Regal steht ein kleines rotes Sparschwein, das sein Sohn unbedingt haben wollte, als er kleiner war. Krawczyk ist spartanisch eingerichtet und mag es praktisch. Auch fürs Arbeiten braucht er nur einen Laptop. Inspiration für sein Schaffen findet er in Situationen, die er im Alltag erlebt. Wenn ihn sein Nachbar nicht mehr grüßt oder er aufmerksam durch sein Viertel geht. Er mache als Künstler ein Angebot, wie das Miteinander sein kann, so der Liedermacher.

Stephan Krawczyk: Mehr als nur Liedermacher

Neuer Fokus durch Digitalisierung

Seine Lieder findet Krawczyk immer noch genau so politisch wie früher. Doch sein Fokus hat sich verändert: Wie gehen Menschen miteinander um, wie behandeln sie die Natur, was macht die Digitalisierung mit ihnen? Das sind Themen, mit denen der 63-Jährige sich heute beschäftigt. Auch der deutsche Sprachschatz liegt dem Musiker am Herzen. In der DDR war er eher für freche und regimekritische Texte bekannt.

"Da war ich noch jünger, und da waren die Probleme so präsent, dass es nicht sonderlich viel künstlerische Ausdruckskraft bedurfte, um das ins rechte Bild zu rücken, was man da sagen wollte", erklärt Krawczyk. Heute würden wir in einer differenzierten Gesellschaft leben und dem müsse man durch einer eigenen Differenziertheit Rechnung tragen, erklärt er.

Im Februar 1988 in die BRD abgeschoben

Krawczyk hat in der DDR als Musiker Karriere gemacht. Noch Anfang der 80er-Jahre erhielt er eine hohe staatliche Auszeichnung für seine künstlerischen Leistungen. Doch als er später aus der SED austrat und seine Texte immer regimekritischer wurden, avancierte er zu einem der bedeutendsten DDR-Oppositionellen. Er erhielt Berufsverbot. Als er auf einer Demonstration mit einem Plakat darauf aufmerksam machte, wurde er im Januar 1988 im Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen inhaftiert.

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Jahresrückblick 1988

Bei der Demonstration zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden Anhänger der DDR-Friedensbewegung vom Staatssicherheitsdienst verhaftet. extern

Sein Fall sorgte damals für große mediale Aufmerksamkeit in Westdeutschland und Krawczyk wurde noch im Februar des Jahres in die Bundesrepublik abgeschoben. "Die meisten - gerade aus dem Westen - sind in meine Konzerte gekommen, um mal den zu sehen, der so viel in der Glotze war", erzählt Krawczyk. Sein Publikum ist heute sicherlich ähnlich berührt wie damals, vermutet der 63-Jährige. "Die Probleme oder Schönheiten, was auch immer ich anspreche, das hat ja mit denen auch unmittelbar zu tun", überlegt er.

"Da fühlst du dich wie hinter der Glasscheibe"

"Komm über mich im Unterholz" war das erste Lied, das Krawczyk im Westen geschrieben hat. Es beschäftigt sich mit dem Überfluss. Ein Vierteljahr habe er nicht schreiben können, deswegen war er froh, dass er überhaupt wieder etwas zu Papier gebracht hatte. "Das waren doch sehr bewegte Zeiten, das war doch ein großes Medienthema im Frühjahr '88. Da wirst du von einem Sender an den anderen gereicht, da fühlst du dich wie hinter der Glasscheibe", beschreibt Krawczyk die Situation.

Noch etwas hat sich im Westen geändert: Krawczyk hat mit dem Schreiben angefangen, mehrere Romane und Texte veröffentlicht. "Ich kann auf einiges zurückblicken, dass ich auch in dieser schriftstellerischen Arbeit etwas geleistet habe und das war in der DDR nicht möglich. Ich habe zum Beispiel zwei Bücher mit Betrachtungen und Essays heraus gebracht, die für meine Begriffe immer noch aktuell sind", erzählt er.

Kunst ohne Angst

Sich den Menschen zuwenden, beobachten, reflektieren, Alternativen anbieten, wenn er Probleme sieht - das sind für Krawczyk die Aufgaben eines Künstlers, denen er sich verschrieben hat und weiter nachgehen will. Ohne Angst haben zu müssen, dass nach einer kritischen Äußerung nachts die Polizei vor der Tür steht. Die Zeit im Gefängnis und als DDR-Dissident hat ihn geprägt und ist immer noch präsent - nicht zuletzt weil er regelmäßig Interviews dazu gibt.

Verbittert ist er nicht - manchmal bietet seine Lebensgeschichte sogar Grund zum Schmunzeln - und zu Vergleichen mit den "Star Wars"-Filmen. Etwa, als er seinen Sohn und dessen Freund vom Skateboarden abgeholt hat. Der Freund hatte in der Gedenkstätte in Hohenschönhausen eine Tafel gesehen, auf der auch Krawczyks Name stand. "Ja, mein Vater, der war ein Rebell. So wie Luke Skywalker!", hat sein Sohn Marvin daraufhin seinem Freund erklärt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.06.2019 | 09:20 Uhr

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