Stand: 05.08.2019 17:06 Uhr

"Ick sag immer: Ick bin die für die Platte!"

von Lenore Lötsch

In unserer Reihe "Grenzenlose Kunst - Biografien 30 Jahre nach dem Mauerfall" stellen wir heute Steffi Kühnert vor. Die Schauspielerin, die aus Ostdeutschland stammt, ist heute auch Schauspiel-Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Dort haben bereits Marlene Dietrich, Jan Josef Liefers und Nina Hoss ihr Handwerk gelernt - und Steffi Kühnert selbst. Wir haben sie in der Hochschule, die im Herbst vergangenen Jahres ein neues Gebäude bezogen hat, besucht, um mit ihr über die friedliche Revolution vor 30 Jahren zu sprechen.

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Regisseur Andreas Dresen und Steffi Kühnert haben unter anderem die Filme "Wolke 9" und "Halbe Treppe" zusammen gedreht.

Steffi Kühnerts Weg nach oben begann früh: Schon 1981 entdeckte der Regisseur Christoph Schroth die damals 18-jährige Schauspielstudentin und ließ sie in Schwerin die Iphigenie spielen. Schroths Ziehsohn Andreas Dresen machte damals ein Praktikum im Theater. Kühnerts Freundschaft mit dem Regisseur hält seit Jahrzehnten - und ihre gemeinsamen Filme, etwa "Halbe Treppe", haben ihr den Ruf eingebracht, das weibliche Gesicht des ostdeutschen Milieufilms zu sein. "Ick sag immer: Ick bin die für die Platte!", erzählt Kühnert und ergänzt: "Das ist vielleicht auch eine Stärke, die man hat, etwas, das mit authentisch sein zu tun hat, eine Glaubhaftigkeit. Aber ich bin eine Schauspielerin, ich kann auch eine Ärztin spielen, ich muss jetzt nicht immer die Alkoholikerin aus dem ersten Stock sein."

Das Zucken ihrer Unterlippe genügt

Uneitel ist sie vor der Kamera und im Leben. Sie öffnet das Fenster einer kleinen Probebühne, in der die Sommerhitze und die abgestandene Luft in ihrer Dichte einen akzeptablen Gegner für ein Fechttraining abgeben könnten: "Für eine Klimaanlage ist halt kein Geld mehr da. Wir sind auch viele Frauen in dem Alter, wo man sagt: 'Oh Gott, hat man sowieso schon genug zu tun! Lustig ist das eigentlich nicht.'"

Schauspielerin Steffi Kühnert zu Gast in der NDR Talk Show am 13.12.2013 © NDR/Uwe Ernst Foto: Uwe Ernst

Grenzenlose Kunst - zu Besuch bei Steffi Kühnert

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NDR Kultur hat Schauspielerin Steffi Kühnert in der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin besucht, um mit ihr über die friedliche Revolution vor 30 Jahren zu sprechen.

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Steffi Kühnert schafft es im Film und auf der Bühne, Zweifel und Unzufriedenheiten nur mit dem Zucken ihrer Unterlippe zu spielen. Das DDR-Theater hat sie geprägt, das der Fragen, der Botschaften, der Zwischentöne: "Wir sind früher zu Castorfs Generalproben gepilgert, weil wir nicht wussten, ob die Premieren überhaupt noch stattfinden, und man hat extrem zwischen den Zeilen gelesen. Man hat das abgefeiert: Jede Zweideutigkeit, jede Bemerkung war wie so eine Oase, eine Möglichkeit, sich zu äußern."

Aber was tun, wenn man alles sagen darf? Auch 30 Jahre nach der Wende sind ihre Antworten darauf immer noch Fragen: "Ist es dann nur noch die pure Unterhaltung? Ist es ein intellektuelles Vergnügen?"

Lampenfieber holt sie von der Bühne

Dass Kühnert als mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin inzwischen den Theatern in Salzburg und Berlin, München und Zürich - ihren früheren Wirkungsstätten - den Rücken gekehrt hat, hat in erster Linie damit zu tun, dass sie an immer stärker werdendem Lampenfieber litt. Jeder Gang auf die Bühne war eine Bergbesteigung. Am Ende feierte sie die Vorstellungen, die ausfielen. Mittlerweile aber fragt sie sich auch, ob da in den Theaterspielplänen noch die wichtigen Gegenwartsfragen verhandelt werden. Und sie diskutiert diese Frage auch mit ihren Studentinnen und Studenten: "Geschichten erzählen ist nicht mehr gefragt. Warum sind's Monologe? Warum werden keine Situationen mehr beschrieben? Und dann sitze ich schon mal da und feuere das in die Ecke, weil es mich langweilt. Das sind so eigene Befindlichkeiten. Ich weiß nicht, ob da jemand auf die Bühne gehen muss."

Nicht nur Haltung, sondern auch Handwerk vermitteln

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Schauspiel-Kollege Milan Peschel und Steffi Kühnert im Kinofilm "Halt auf freier Strecke".

Vor Kurzem, am 60. Geburtstag ihres Freundes Leander Haußmann, hat sie noch einmal den Film "Sonnenallee" geguckt. Sie spielt darin eine, die lapidar nach einem Schluck Bier in der Kneipe den entscheidenden Satz sagt: "Die Mauer is offen!" Heute, 2019 hat sie gespürt: Da ist ihr und ihren Kollegen etwas Wahrhaftiges gelungen. Und dann geht die Professorin, Filmschauspielerin, Theaterregisseurin durch das neue Gebäude der Ernst-Busch-Hochschule und weiß, es ist neben dem Handwerk eben auch Haltung, die sie ihren Studentinnen und Studenten vermitteln will: "Die haben noch so viele Hoffnungen, so viele Illusionen, die ich vielleicht meinerseits auch schon abgebaut habe. Und das ist ganz schön, weil mir das auch wieder eine Purheit und eine Naivität zurückbringt oder eine Sicht auf die Dinge, die noch nicht so abgewirtschaftet ist. Das gibt mir viel."

Übersicht

Grenzenlose Kunst: Biographien 30 Jahre nach dem Mauerfall

2019 feiern die Deutschen das 30. Jubiläum des Mauerfalls. Drei Jahrzehnte nach der Wende stellen wir zehn Künstlerinnen und Künstler vor, die einen besonderen Bezug dazu haben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 06.08.2019 | 06:20 Uhr

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