Stand: 22.08.2019 09:47 Uhr

Grenzenlose Kunst: "Sieh, wie du schwimmst"

von Katja Weise

Der Regisseur Andreas Kleinert wurde mit der Fernseh-Verfilmung der Tagebücher von Victor Klemperer bekannt. Später drehte er mit Götz George unter anderem den hochgelobten Film "Mein Vater", für den Kleinert 2001 in New York den Emmy erhielt. Angefangen hat er mit Kino-Filmen, vor allem über die DDR. 1962 in Ost-Berlin geboren, lebt er immer noch dort, wenngleich in einem anderen Stadtteil. NDR Kultur-Reporterin Katja Weise hat Andreas Kleinert in Rummelsburg besucht.

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Wenn Andreas Kleinert Filme vorbereitet, arbeitet er oft zu Hause.

Schmal und schnurgerade führt die Treppe in dem modernen Reihenhaus nach oben. Fast ganz nach oben, auf die Galerie, zieht es den Regisseur, wenn er - wie im Moment - seinen neuen Film vorbereitet und vor allem am Schreibtisch arbeitet. Barfuß geht Andreas Kleinert voran: "Ich bin ein ganz pingeliger Ordnungsmensch - aber hier, wo ich arbeite, sieht es immer schlimm aus." Auf einem niedrigen Regal stapeln sich Bücher, Manuskripte, Drehbücher, dazwischen ein Schwarz-Weiß-Porträt seines verstorbenen Vaters. Er sieht ihm ähnlich, dieselbe markante Stirn.

Wie stellen wir die Mauer dar?

In der kommenden Woche beginnen die Dreharbeiten für den nächsten großen Kinofilm - über den Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Übersetzer Thomas Brasch. Wie so viele Künstler seiner Generation verließ dieser die DDR nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann: "Was interessant an ihm ist: Dass er in beiden Systemen, in dem sogenannten Sozialismus und auch in dem sogenannten Kapitalismus nicht warm wurde, sondern sich immer widerständig zeigte und sich nicht hat einvernehmen lassen."

Grenzenlose Kunst: Filmregisseur Andreas Kleinert 4'00 9/10

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Kritisch gegenüber beiden "Systemen" ist auch Andreas Kleinert. Das habe er in der DDR gelernt - sich eben nicht vereinnahmen zu lassen. Während des Studiums an der Filmhochschule in Babelsberg hielt der damalige Rektor Lothar Bisky schützend seine Hand über ihn. Kleinerts Film über Thomas Brasch ist ein Sehnsuchtsprojekt: Seit sechs Jahren arbeitet der 57-Jährige daran. Viele Gespräche hat er dazu auch an dem großen Esstisch in seinem Haus geführt, ein Thema zuletzt: Wie stellen wir die Mauer dar?

"Wir wollen sie nicht so darstellen, wie man sie immer sieht", erklärt Kleinert. "Man versucht, nicht in ähnliche Muster zu verfallen wie in den anderen Serien. Wir versuchen schon eine andere Art von Annährung - und von daher machen wir uns viele Gedanken: Wie stellt man die Mauer dar, wie stellt man die DDR dar, wie stellt man auch den Westen dar?"

Durchbruch mit der Verfilmung der Klemperer-Tagebücher

Als die Mauer fiel, war Kleinert 27 und hatte gerade sein Studium abgeschlossen: "Im Nachhinein wirkt das, als sei das ziemlich perfekt geplant gewesen", sagt Kleinert. "Die Ausbildung noch in der DDR gemacht zu haben - und dann kam gleich der wilde Markt, der ja nicht so komfortabel war und so frei, wie man ihn sich vorstellte. Aber man kam gar nicht in die Verführung, erst mal geschützt zu sein. Ich wurde da rausgespuckt aus der Filmhochschule: 'Und sieh, wie du schwimmst.'"

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Zwischen Drehbüchern und Manuskripten steht ein Porträt seines verstorbenen Vaters.

Er schwamm gleich recht gut, konnte Filme machen, die sich zunächst vor allem mit der DDR beschäftigten und im Ausland, so empfand er es, deutlich mehr Beachtung fanden als im vereinigten Deutschland. Mit der Verfilmung der Tagebücher von Victor Klemperer begann 1999 dann seine Fernsehkarriere. Es folgten kurz darauf das kontrovers besprochene Drama "Kelly - Bastian" sowie mehrere "Polizeiruf 110"- und "Tatort"-Folgen. So drehte Kleinert zwei "Schimanskis" mit Götz George, 2003 dann den mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Alzheimer-Film "Mein Vater". "Götz George war eine zentrale Gestalt in meinem beruflichen Leben", findet Kleinert. "Ich habe jede Minute des Drehens mit ihm genossen, weil er jede Minute mit Haut und Haar dabei war und sich nie in eine Attitüde verloren hat."

Theater: Die große Zweitsehnsucht

Am liebsten arbeitet der Filmregisseur, der seit Jahren auch eine Professur an der Filmuniversität Babelsberg hat, mit Theaterschauspielerinnen und -schauspielern. Im kommenden Jahr wird Andreas Kleinert "Die Möwe" von Anton Tschechow als Film inszenieren, aber er sagt: "Theater bleibt die große Zweitsehnsucht. Film wird immer vorne sein, aber Theater ist da immer wichtig."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages ist uns ein Fehler unterlaufen. Im Artikel wurde Andreas Kleinert mit folgenden Worten zitiert: "Mein Vater war eine zentrale Gestalt in meinem beruflichen Leben." Tatsächlich lautet der O-Ton im Original "Das war eine zentrale Gestalt in meinem beruflichen Leben" und bezieht sich auf den verstorbenen Schauspieler Götz George. Die Redaktion bittet für diesen Fehler um Entschuldigung.

Übersicht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 20.08.2019 | 09:20 Uhr

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