Stand: 29.07.2019 13:13 Uhr

"Ich bin verletzt worden, aber nicht zerstört"

von Marcus Stäbler

Im November 1989 fällt die deutsch-deutsche Mauer. Zum 30-jährigen Jubiläum dieses historischen Moments stellen wir Künstlerinnen und Künstler vor, die ostdeutsche Wurzeln haben. NDR Kultur hat die Geigerin Franziska Pietsch vor einem Konzert in der Hamburger Laeiszhalle getroffen - und mit ihr über ihre persönliche Sicht auf die Vergangenheit und die Wendezeit gesprochen.

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Marcus Stäbler hat Franziska Pietsch getroffen und mit ihr über ihre Sicht auf die Vergangenheit und die Wendezeit gesprochen.

"Ich kann mich noch sehr genau an diesen Moment erinnern, als ich nachts einen Anruf von meinen Eltern bekam", erinnert sich Franziska Pietsch, damals 20 Jahre alt. Sie war zu dem Zeitpunkt in Frankreich und konnte kaum glauben, was ihre Mutter am 9. November 1989 erzählte: "Mein erster Gedanke, mein erstes Gefühl war eigentlich surreal."

Aber die Nachricht von der Grenzöffnung stimmte. "Dann hat das sofort eine Achterbahn der Gefühle in mir ausgelöst", so Pietsch. In die Euphorie mischten sich auch ganz andere Emotionen: "Es wurde etwas ganz still in mir. Weil - für uns bedeutete das auch noch etwas ganz anderes. Und zwar die Vorstellung, dass es wahr sein sollte, dass die gleichen Menschen, unter denen wir gelitten haben, jetzt auch in Freiheit waren. Was heißt das? Das löste schon so eine Art Bedrohung in mir aus." Eine verständliche Reaktion vor dem Hintergrund der sehr speziellen deutsch-deutschen Biografie von Franziska Pietsch.

"Die Geige wurde nie wieder ausgepackt"

Die hochtalentierte Tochter eines Musikerehepaares wurde zunächst als große Geigenhoffnung der DDR gefeiert und unterstützt. Sie debütierte mit elf Jahren an der Komischen Oper, gewann mit zwölf den Bach-Wettbewerb in Leipzig und durfte schon als Schülerin beim damals renommiertesten Professor an der Hanns-Eisler-Hochschule studieren. Aber dann blieb ihr Vater 1984 nach einem Gastspiel im Westen, und ihre Mutter stellte einen Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung. Damit hatte Franziska Pietsch von heute auf morgen ihren Nutzen als Vorzeigeprojekt des Staates verloren: "Das hatte zur Folge, dass die entsprechenden Weisungen kamen, wie natürlich: keinerlei Unterricht mehr. Wobei ich jede Woche zum Unterricht ging, weil der Schein gewahrt werden musste. Die Geige allerdings wurde nie wieder ausgepackt."

Der Geigenprofessor Gerhard Scholz, drei Jahre lang ihr Förderer und Mentor, zeigte plötzlich ein ganz anderes Gesicht, erzählt Pietsch: "Genau der gleiche Mensch hat es fertiggebracht, diesen Weisungen gnadenlos zu folgen. Die Weisung war, nicht mehr Geigenunterricht zu geben, sondern 'mentalen Unterricht'."

Die Violinistin Franziska Pietsch © Uwe Arens

"Ich bin verletzt worden, aber nicht zerstört"

NDR Kultur - NDR Kultur Wissen -

Die hochtalentierte Geigerin Franziska Pietsch galt als Vorzeigekünstlerin der DDR - bis ihr Vater im Westen blieb. Doch auch dort wurde sie nicht ganz glücklich.

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Auch im Westen nicht ganz glücklich

Trotz der staatlich verordneten Gehirnwäsche dachte die damals 14-Jährige nicht daran, die Musik aufzugeben. Es ist dem System nicht gelungen, sie zu brechen: "Ich bin verletzt worden, aber nicht zerstört. Und das ist ein Unterschied."

Nach unzähligen Schikanen durfte Franziska Pietsch zwei Jahre später mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester ausreisen und wurde von der Hochschule in Karlsruhe und dem Professor Ulf Hoelscher unbürokratisch aufgenommen und unterstützt. Die Karrierekurve der Geigerin zeigte im Westen steil nach oben. Aber so richtig glücklich war sie trotzdem nicht: "Es war dieses Gefühl, ich muss nur funktionieren. Eigentlich nimmt man wieder nur mein Talent, und der Mensch dahinter ist austauschbar. Man hat mir offensichtlich auch nichts angemerkt, denn es hat mich nie jemand nach meiner Vergangenheit gefragt."

Die Suche nach der menschlichen Aussage der Musik

Um dem Gefühl, immer fremdbestimmt sein, zu entkommen, änderte Franziska Pietsch ihren Weg. Sie spielte als Konzertmeisterin im Orchester und konzentrierte sich auf die Kammermusik, bevor sie wieder mehr Solo-Engagements einging. Ihre Erfahrungen haben die Persönlichkeit und damit auch ihre Handschrift als Interpretin entscheidend geprägt.

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Franziska Pietsch wuchs in Ostberlin auf. 1986 konnte sie mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester nach Westdeutschland ausreisen.

Pietsch sucht vielleicht etwas hartnäckiger als andere nach der menschlichen Aussage der Musik. Sie spürt eine besondere Nähe zu Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch, die unter schweren Umständen an ihrer Leidenschaft für die Musik festgehalten haben. Die Geigerin geht noch mutiger und bisweilen krasser in die Extreme des Ausdrucks. "Ich denke schon, dass ich grundsätzlich ein dramatischerer Spieler bin als vielleicht jemand, der nicht diese Geschichte hat", glaubt Pietsch.

"Im Nachhinein bin ich auch etwas dankbar"

Trotz dieser Geschichte von tiefen Verletzungen, von Angst und menschlicher Enttäuschung blickt die heute 49-jährige Franziska Pietsch - die mit einem westdeutschen Mann verheiratet ist und in Köln lebt - ohne Groll auf ihren bisherigen Lebensweg zurück: "In gewisser Weise, auch wenn es vielleicht paradox klingt, bin ich im Nachhinein auch dankbar. All das, was da passiert ist, hat mich zu dem Menschen und dem Künstler gemacht, der ich heute bin."

Übersicht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 30.07.2019 | 09:20 Uhr

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