Stand: 18.03.2019 14:18 Uhr

Graphic Novel: Berlin in der Weimarer Republik

Berlin
von Jason Lutes
Vorgestellt von Susanne Birkner
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Mit dem dritten Teil der "Berlin"-Serie beendet Comiczeichner Jason Lutes eine 20-jährige Arbeit.

Das wilde, raue, tanzende Berlin der 1920er-Jahre ist im Moment gefühlt überall präsent. Durch die Romane von Volker Kutscher und deren Verfilmung in der ARD-Koproduktion "Babylon Berlin", einen der größten deutschen Serienerfolge der vergangenen Jahre. Jetzt ist der letzte Band einer Graphic-Novel-Trilogie erschienen. Die Reihe heißt schlicht "Berlin" und spielt genau in dieser Zeit, von 1928 an bis zur Machtübernahme der Nazis. Aber dem Autor kann man wirklich nicht vorwerfen, auf einen Zug aufgesprungen zu sein. Der US-Amerikaner Jason Lutes hat nämlich vor mehr als 20 Jahren angefangen, daran zu zeichnen.

Jason Lutes hat es geschafft. Nach zwei Jahrzehnten ist seine "Berlin"-Trilogie fertig. Ein Gefühl wie auf Wolken gehen. "Ich hab mit 26 mit dem Projekt angefangen, mehrmals wollte ich aufgeben. Jetzt fühlt es sich großartig an, dass ich mein Ziel erreicht habe", erzählt er.

Eindrücke aus der Comic-Trilogie "Berlin"

Recherche begannen in der Vor-Internet-Zeit

1996 zeichnete er die ersten Kapitel, bevor er je selbst einen Fuß in die Stadt gesetzt hat. Und das in der Vor-Internet-Zeit. Zwei Jahre lang hatte er in Archiven und Bibliotheken mühsam nach Zeichnungen und Fotos aus der Zeit gesucht. Erst Jahre später ist er dann mal wirklich nach Berlin gereist. "Das war echt surreal. Mein erster Eindruck war: Huch, die Stadt ist ja in Farbe. Der Rest von Deutschland zwar auch, aber in meinem Kopf war Berlin schwarz-weiß", so Lutes.

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Comiczeichner Jason Lutes bei der Präsentation des zweiten Bandes "Berlin - bleiernde Stadt", 2008 in Berlin.

Schwarz-weiß wie in seinen klaren, ausdrucksstarken Zeichnungen, in denen er wie in einem Film Szene an Szene montiert: Die Liebe der Kunststudentin Marthe Müller zu Kurt Severing, einem Journalisten der renommierten politischen Zeitschrift "Die Weltbühne" - und gleichzeitig zu ihrer Kommilitonin Anna. Die tragische Geschichte des Arbeitermädchens Silvia, das auf der Straße leben muss, weil seine Mutter bei der Mai-Demonstration der Kommunisten im Jahr 1929 erschossen wird - und der Vater, ein eingefleischter Nazi, es nicht aufnehmen will. Schwarzer Jazz und braune Anfeindungen in den Nachtclubs der flirrenden Stadt, Prostituierte und Großindustrielle, Hinterhöfe, Villen und Synagogen. So viele Geschichten, die sich durch die drei Bände ziehen, dass der Begriff "wie in einem Kaleidoskop" diesmal wirklich passt.

Ein Film über den Holocaust als Initialzündung

"Mein Ziel war es, so schnörkellos wie möglich zu zeichnen. Wie in einer Dokumentation", sagt Lutes. Und eine Dokumentation war es auch, die ihn dazu brachte, sich mit Geschichte zu beschäftigen. Die Initialzündung nämlich: der, wie er sagt, unfassbar schlechte Geschichtsunterricht in seiner Highschool an der Westküste.

"In der Woche, als wir uns mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen sollten, schob der Lehrer eine VHS-Kassette in den Videorekorder und ging raus. Und auf der VHS war eine Dokumentation über den Holocaust. Ich war 15 Jahre alt und hatte noch nie davon gehört! Und er ließ uns da ohne Einordnung, ohne Kontext zurück. Danach wollte ich wissen, wie es zum Holocaust kommen konnte", so Jason Lutes.

Vierter Band wird nicht erscheinen

Wie Lutes seinen Blick auf die deutsche Geschichte in Bilder umsetzt, ist fulminant. Ein Sog. Schicksale, die einen atemlos zurücklassen. Der Literaturkritiker Dennis Scheck verglich den Comiczeichner aus den USA gar mit Alfred Döblin. Hoffnungen auf einen vierten Band dürfen sich seine Fans aber nicht machen. "Nein! Ich habe definitiv alles zu dem Thema gesagt. Ich meine, in meinen Comics. Ansonsten gibt es viel dazu zu sagen, gerade im aktuellen politischen Klima meiner Heimat. Aber meine kreative Arbeit über Deutschland in der Weimarer Zeit ist abgeschlossen", sagt Lutes.

Jason Lutes sitzt bereits an seiner neuen Graphic Novel, einem Western, der 1865 in Arizona spielt. Dazu unterrichtet er am Center for Cartoon Studies in Vermont. Würde er seinen Studenten raten, sich 20 Jahre lang in ein Projekt zu verbeißen? "Ich sage ihnen immer, sie sollen auf ihre innere Stimme hören. Denn das habe ich gemacht. Und wenn ihnen eine Stimme sagen würde: 'Mach das', dann würde ich ihnen auch zuraten. Sie sollten nur wirklich aufpassen, ob das auch die richtige Stimme ist."

Berlin

von
Seitenzahl:
608 Seiten
Genre:
Graphic Novel
Zusatzinfo:
Gesamtausgabe der drei Ausgaben
Verlag:
Carlsen Verlag
Bestellnummer:
978-3-551-76820-9
Preis:
47,30 €
FSK:
14 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 19.03.2019 | 06:55 Uhr

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