Stand: 23.07.2018 20:54 Uhr

Götz George: Weit mehr als nur Schimanski

Als schnoddriger Tatort-Kommissar Horst Schimanski spielte er sich in den 1980er-Jahren in die Herzen eines Millionenpublikums: Götz George. Aber er konnte weit mehr als den Duisburger Ermittler der Mordkommission im beige-grauen Feldparka geben: Als Charakterschauspieler brillierte als unter anderem als Massenmörder Fritz Haarmann in "Der Totmacher". Aber auch das Komödiantische lag ihm, wie er etwa als Skandalreporter Hermann Willié in der satirischen Verfilmung der Hitler-Tagebücher-Affäre "Schtonk!" unter Beweis stellte. 2016 starb George im Alter von 77 Jahren in Hamburg. Am 23. Juli wäre er 80 Jahre alt geworden.

Götz George - Ein Mann, der an Grenzen ging

Sohn berühmter Eltern

Der Beruf des Schauspielers wurde George quasi in die Wiege gelegt. Am 23. Juli 1938 wurde er in Berlin geboren. Beide Eltern waren bekannte Schauspieler: Heinrich George, berühmtester Film- und Theatermime im nationalsozialistischen Deutschland, und Berta Drews, eine bekannte Bühnenakteurin. Die Lieblingsrolle des Vaters, Götz von Berlichingen, stand Pate für den Namen des Sohnes. Als Götz George sieben Jahre alt war, starb Heinrich George in russischer Gefangenschaft. Die Mutter erzog Götz und seinen älteren Bruder Jan allein. George wurde als strebsamer Schüler beschrieben, der in Berlin-Lichterfelde die Schule bis zur mittleren Reife besuchte.

Schon als Kind im Rampenlicht

Bild vergrößern
Seinen Durchbruch im Kino feiert Götz George im Film "Jaqueline" 1959 zusammen mit Johanna von Koczian.

Schon mit zwölf Jahren stand Götz George erstmals auf einer Theaterbühne: Im Berliner Hebbel-Theater spielte er die Rolle des Hirtenjungen in Saroyans "Mein Herz ist im Hochland". Mit knapp 14 war er 1951 bei der Wiedereröffnung des berühmten Schiller-Theaters in "Wilhelm Tell" zu sehen. Mit seiner Karriere ging es rasant weiter: 1953 übernahm George seine erste Filmrolle in "Wenn der weiße Flieder blüht" an der Seite von Romy Schneider, die in dem Streifen ebenfalls ihre erste Rolle spielte. George lernte den Beruf von der Pike auf, besuchte von 1955 bis 1958 in Berlin das UFA-Nachwuchsstudio. Im Schauspielunterricht ging er voll auf.    

Im Anschluss an die Ausbildung übernahm er ein Engagement am Deutschen Theater Göttingen. Dort blieb er bis 1963. Seinen Durchbruch auf der Leinwand schaffte er als 21-Jähriger in "Jacqueline". In dem Film spielte er einen mittellosen Boxer und begeisterte Publikum wie Kritiker. George gewann für die Rolle seine erste große Auszeichnung - den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsdarsteller.

Kommissar mit Kultstatus

Bild vergrößern
Beigefarbener Parka, Schnauzer und das eine oder andere Schimpfwort: Für seine Rolle als Schimanski liebt das Publikum George.

In den 1960er-Jahren erreichte George mit den eher seichteren Karl-May-Verfilmungen "Der Schatz im Silbersee" und "Unter Geiern" ein Millionenpublikum. Erst viel später durfte der Mime zeigen, was er wirklich kann - dazu gehört zweifelsohne seine Rolle als Horst Schimanski im "Tatort". Beige-grauer Parka, Cowboystiefel und Schnauzer wurden ebenso zu Markenzeichen wie seine Wortwahl. Einer seiner ersten Aussprüche in "Duisburg-Ruhrort" (1981) war "Scheiße". Viele Fernsehzuschauer waren wegen der saloppen Umgangssprache geschockt. Auch die Presse ließ kein gutes Haar an dem Mimen. Sie verlangte, den Prügelkommissar aus dem Programm zu werfen. Schließlich hatten sich bisher eher kultivierte ältere Herren in der deutschen Krimilandschaft getummelt. Heute sind Schimmi und Sätze wie "Was quatscht du mich so blöd an, du Spießer, nur weil ich 'ne Fahne habe" längst Kult.

Zwei seiner Filme, "Zahn um Zahn" und "Zabou", schafften es sogar bis ins Kino. 1991 flimmerte mit "Der Fall Schimanski" der vorerst letzte Tatort mit George über den Bildschirm. Doch 1996 war er, sehr zur Freude des Publikums, wieder da. Fortan ermittelte er in gewohnter Manier unter dem Titel "Schimanski". 2008 war er laut einer Emnid-Umfrage der beliebteste TV-Kommissar. Insgesamt verköperte George binnen 32 Jahren den schnoddrigen Polizisten aus dem Ruhrgebiet 48 Mal.

George überzeugte in ernsten und witzigen Rollen

Bild vergrößern
In "Schtonk!" mimt Götz George den Journalisten, der die gefälschten Hitler-Tagebücher erwirbt.

Aber auch in anderen Produktionen, ob ernst oder komödiantisch, wusste Götz George ab den 1990er-Jahren längst zu überzeugen. Dazu gehörten Helmut Dietls bissige Satire "Schtonk!" über die gefälschten Hitler-Tagebücher aus dem Jahr 1992 oder Romuald Karmarkars "Der Totmacher" (1995). Darin verkörperte George den Jungenmörder Fritz Haarmann. In "Mein Vater" brillierte er 2003 als Alzheimer-Erkrankter und in einer seiner eindringlichsten Rollen wollte er als todkranker Staatsanwalt in Andreas Kleinerts "Nacht ohne Morgen" (2011) einen ungelösten Fall im Stricher-Milieu lösen. Kaum zu glauben, dass Götz George im "Tagesspiegel" einst sagte, dass ihm trotz der Glaubhaftigkeit seines Spiels seine Rollen stets fremd waren, selbst die des Schimanski: "Bin ich jemals durch die Tür gesprungen, hab ich jemals einem anderen die Nase gebrochen? Nie!" Nicht selten wirkte der Schauspieler knorrig und sperrig. Er schien gerne zu polarisieren und gab freimütig zu, schwierig zu sein. "Darauf bestehe ich", sagte er in einem Interview. "Ein Mensch, der stolz darauf ist, pflegeleicht zu sein, ist doch nur stolz auf seine Verkrümmungen. Wobei wir hier über die Arbeit reden, nicht über Allüren außerhalb. Charakter ist ein Arbeitsinstrument."

In seiner schwersten Rolle spielte er seinen Vater

Bild vergrößern
Eine Rolle, die Götz George berührt hat: In "George" spielt er seinen Vater Heinrich.

Für seine Rollen bekam Götz George unzählige Preise - nationale wie internationale. Insgesamt spielte er in über 100 Film- und Fernsehproduktionen mit. In seinen letzten Jahren wurde es allerdings stiller um den Schauspieler. Er drehte nur noch ein bis zwei Filme pro Jahr - auch weil er sein Leben genießen wollte. 2012 drehte er eine seiner wohl schwersten Rollen ab. In dem Dokudrama "George" spielte er seinen Vater Heinrich George. Für die Dreharbeiten besuchte er den Ort, an dem dieser starb - das Lager Sachsenhausen. Dort sei ihm kotzübel geworden, beschrieb er diese Erfahrung dem "Spiegel". Der 115-minütige Film thematisierte in Interviews, Spielszenen und Originalaufnahmen die Vater-Sohn-Beziehung.

Letzte Rolle im ARD-Krimi "Böse Wetter"

2013 feierte Götz George seinen 75. Geburtstag. Als Geschenk seines Haussenders WDR gab es damals eine weitere Folge von Schimanski. Sein 48. Fall war im Herbst 2013 im Ersten zu sehen. 2014 wurde ihm für seine Verdienste um Film und Fernsehen in Deutschland sowie für sein soziales Engagement der höchste deutsche Orden, das Bundesverdienstkreuz, verliehen. Im selben Jahr erklärte er, er wolle sich nach 65 Arbeitsjahren weitestgehend aus dem Schauspielgeschäft zurückziehen. 2015 stand er dann zum letzten Mal vor der Kamera: Im ARD-Krimi-Drama "Böse Wetter" spielte er einen Bergbau-Baron - nicht im Ruhrgebiet, sondern im Harz.

George lebte in Berlin, auf Sardinien und in Hamburg. Am 19. Juni 2016 starb er in der Hansestadt im Alter von 77 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit. Er wurde im engsten Kreis seiner Familie auf dem Friedhof Berlin-Zehlendorf nahe der Grabstelle seines Vaters beigesetzt.

Dieses Thema im Programm:

23.07.2018 | 23:45 Uhr

Mehr Kultur

54:59
NDR Info
03:49
NDR Kultur

Folge 2: Leo I.

21.08.2018 09:20 Uhr
NDR Kultur
05:28
Kulturjournal

St. Pauli will UNESCO Kulturerbe werden

20.08.2018 22:45 Uhr
Kulturjournal