Stand: 04.03.2020 11:29 Uhr  - NDR Kultur

Gitarrenbauer schreinert aus altem Holz neue Instrumente

von Linda Ebener

Was passiert eigentlich mit altem Holz, das nicht mehr gebraucht wird? In der Regel wird es zu Brennholz verarbeitet oder einfach entsorgt. Bei Nikolai Seidel aus Ratzeburg ist das anders. Er baut aus altem Holz Gitarren. Dabei lautet sein Motto: "Je älter, desto besser."

Bild vergrößern
Um Instrumente zu bauen, kündigt Nikolai Seidel seinen Job - ohne eine handwerkliche Ausbildung gemacht zu haben.

Hinter seinem Wohnhaus am Rand von Ratzeburg steht eine kleine Gartenhütte, die Nikolai Seidel zu einer Werkstatt umgebaut hat. Die kleine Hütte hatte er eigentlich für seinen Schwiegervater umgebaut, doch nun verbringt der 44-Jährige dort selbst die meiste Zeit und baut Gitarren. "Ich spiele seit fast 30 Jahren Bass, was liegt also näher? Ich habe mir mal Holz gekauft und dachte mir, dass ich doch einfach mal anfangen könnte, ein Instrument zu bauen. Und das erste war tatsächlich nicht schlecht", erzählt er.

Nikolai Seidel - Vom Beamten zum Gitarrenbauer

Bild vergrößern
Die Instrumente, die Nikolai Seidel fertigt, waren früher einmal Mahagonitüren oder Treppenstufen.

Dieses erste, selbstgebaute Instrument war eine Bass-Gitarre und die kam sofort bei einer Session zum Einsatz. Seine Bandmitglieder und das Publikum waren vom Aussehen und vom Klang begeistert. Danach gab es für Nikolai Seidel die ersten Aufträge und alles ging ganz schnell. Er kündigte seinen Job als Flüchtlingsbetreuer und Vollstreckungsbeamter und machte sein Hobby zum Beruf.

Das schwierigste bei dem Bau einer Gitarre ist der Hals. Die Bünde müssen gleich hoch sein, damit das Instrument richtig klingt. Alle Arbeiten erledigt er in seiner kleinen Werkstatt, die ist zwar nicht groß, aber dafür aufgeräumt und gut sortiert. An den Wänden hängen nebeneinander seine Werkzeuge. An zwei Werkbänken hat er Platz, das Holz für seine Gitarren zu schleifen und zu formen. Eine kleine schmale Holztreppe führt in einen kleinen Spitzboden mit einem Fenster. Dort lagert Nikolai Seidel sein Holz.

Aus einer alten Tür wird eine Gitarre

Bild vergrößern
Das Holz, mit dem Nikolai Seidel arbeitet, findet er nicht im Baumarkt. Nach dem richtigen Material muss er manchmal lange suchen.

"Wenn ich es zur Verfügung habe, benutze ich auch gerne altes Holz, dass einem anderen Zweck gedient hat. Gerade arbeite ich mit einer alten Haustür aus Mahagoniholz. Den Hals habe ich fast fertig, das ist ganz toll", erzählt Seidel. Für seine Gitarren sind Treppenstufen und Balken besonders gut geeignet, doch: "Es ist längst nicht jedes Holz geeignet", sagt er. "Weiches Holz kann man vergessen, es muss Hartholz sein. Und es muss wirklich alt sein. Zehn Jahre plus wäre gut, aber noch lieber nehme ich 30 Jahre altes Holz." So altes Material bekommt Nikolai Seidel natürlich nicht einfach so im Baumarkt. Er muss sich seine Schätze mühsam zusammensuchen. Deshalb benutzt er nicht nur Holz, das er von Freunden oder Bekannten geschenkt bekommt, sondern kauft auch bei einem Händler in Bayern.

Gitarren-Workshop in Lübeck

Für eine Gitarre braucht Nikolai Seidel vier bis fünf Tage - bis sie spielbar ist. Am Ende sei er dann schon etwas traurig, wenn die fertige Gitarre seine Werkstatt verlasse und zum Kunden gehe, erzählt er. Doch es mache ihn auch unheimlich stolz. Und wenn es die Zeit zulässt, probiert Nikolai seine selbstgebauten Gitarren gerne mal selber aus, vor allem die Bässe.

Neben seinem Gitarrenbau bietet er in Lübeck auch Workshops in einer kleinen Mietwerkstatt an. Dort kann sich jeder, der nicht zwei linke Hände hat, seine eigene Gitarre bauen. Der nächste Workshop startet im Mai.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.03.2020 | 11:40 Uhr