Stand: 04.10.2018 12:27 Uhr

Giovanni di Lorenzo über den "Chor des Hasses"

Am kommenden Sonntag überträgt NDR Kultur ab 20 Uhr die Uraufführung vom "Chor des Hasses" live vom Hamburger Theaterfestival auf Kampnagel. "Chor des Hasses": Das klingt nicht schön, und trotzdem oder gerade deswegen hat der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, darüber ein Stück angeregt, das Ulrich Waller nun auf die Bühne bringt.

Herr di Lorenzo, was ist dieser hässliche Chor des Hasses?

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Der "Zeit"-Chefredakteur und Ideengeber für den "Chor des Hasses" Giovanni di Lorenzo

Giovanni di Lorenzo: Es ist etwas, was es seit Jahren gibt, worüber aber nur wenige sprechen. Auch die Betroffenen selbst schweigen lieber, in einer Mischung aus Scham und dem Bemühen, das Ganze nicht noch größer zu machen. Es geht um die Post und E-Mails, die Politiker heute kriegen. Die sind wahrscheinlich nur Stellvertreter für jeden, der irgendwie bekannt wird und dann sofort, automatisch fast, mit Jauche überzogen wird. Aber ich habe jahrelang die Erzählungen verfolgt und mitbekommen, wie verheerend sich das auswirkt auf Politiker, obwohl sie sich gut abschirmen können. Und so habe ich über die Jahre immer mal wieder gefragt: "Wäret ihr bereit, eure Hasspost rauszugeben?" Zu meiner großen Freude haben das in diesem Jahr vier Politiker getan, und so konnten wir dieses Stück auf die Bühne bringen.

Es handelt sich um Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Außenminister Heiko Maas, den Grünen-Politiker Cem Özdemir und Andreas Hollstein, den Bürgermeister von Altena, der ja auch mit solchen Mails überhäuft worden ist. Was ist das für Material, das Ihnen zur Verfügung gestellt wurde und bis dahin ja unbeachtet auf den Festplatten schlummerte?

di Lorenzo: Unbeachtet ist vielleicht nicht ganz richtig, weil es ja auf jeden Fall die Mitarbeiter sehen. Eine Spitzenpolitikerin hat mir erzählt: Einmal eine solche Mail bekommen und es überschattet die ganze Woche - also nur einmal zur Wirkung gesagt. Und es ist ein schlimmer Triumph, den man den Verfassern dieser Mails und dieser Briefe gibt, aber sie sind eine Realität und das Ganze hat stark zugenommen mit den Jahren. Das Beispiel des Bürgermeisters ist besonders erschütternd, weil er in einem Dönerladen niedergestochen worden ist wegen seiner Äußerungen zur Flüchtlingspolitik. Und nachdem dieses Attentat verübt worden ist, ging es weiter mit den Hassmails.

Programmtipp
NDR Kultur

Live-Übertragung aus dem Theater Kampnagel: Chor des Hasses

07.10.2018 20:00 Uhr
NDR Kultur

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Wir dachten, jetzt ist es an der Zeit, das einmal zur dokumentieren. Denn ich bin mir ziemlich sicher: Die meisten Leute wissen gar nicht, dass so etwas existiert. Schon gar nicht gegen Politiker. Wir wollten nun erörtern: Was macht das und wofür steht das und gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem geschriebenen Wort und der Tat, wie im Falle dieses armen Bürgermeistes?

Geben Sie uns einen kleinen Einblick: Was ist denn Inhalt dieser Hassmails?

di Lorenzo: Beschimpfungen aller Art. Wenn es sich um eine Frau handelt, dann sind es vor allem stark sexual betonte Schmähungen. Wenn es wie bei Cem Özdemir jemand ist mit Migrationshintergrund, dann zielt man immer auf diese Migrationsmerkmale. Außenminister Heiko Maas hatte schon als Justizminister sehr viel negative Post auf sich gezogen. Und viele Hassmails sind einfach projektbezogen, je nachdem, was der Politiker oder die Politikerin gerade politisch auf den Weg bringen möchte.

Der Moderator und Journalist Giovanni di Lorenzo im Studio von NDR Kultur © NDR

Giovanni di Lorenzo über den "Chor des Hasses"

NDR Kultur - Journal -

In Hamburg werden Hassmails an Ursula von der Leyen, Heiko Maas, Cem Özdemir und Andreas Hollstein vorgetragen. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zu den Hintergründen.

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Der Chor im antiken Drama war seinerzeit auch eingesetzt, um die Stimme des Volkes wiederzugeben. Was sagt uns jetzt "Volkes Stimme" über die Stimmung im Volk?

di Lorenzo: Wir werden zunächst, vorgetragen von wunderbaren Schauspielern, diesen Chor des Hasses, also diese Post hören. Und anschließend werden die Politiker auf die Bühne kommen. Das war mit das Schwerste, die alle zu einem Termin nach Hamburg zu kriegen. Sie werden dann mit mir diskutieren, wofür dieses Phänomen steht. Das ist die große Frage: Ist es das Volk, das so denkt, oder ist es nur ein kleiner Ausschnitt? Auf jeden Fall glaube ich, dass das Verlesen dieser Mails auch ein Stück Distanz schafft. Im besten Falle exorzieren diese Vorlesungen auch das, was an diesen Mails so furchtbar ist.

Da wäre sie dann also, die Katharsis aus dem antiken Drama, aus dem auch der Chor stammt?

di Lorenzo: Ja, das ist jedenfalls die Hoffnung.

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Oder ist es womöglich umgekehrt und Sie schaffen dem eine Bühne? Denn bis dato haben diese Nachrichten in den Mailaccounts von besagten Politikern geschlummert, jetzt werden sie öffentlich.

di Lorenzo: Ich glaube, diese Mails sind zu viele und zu massiv, um sie ganz zu ignorieren. Es gibt ja schon seit einiger Zeit "Hate Poetry". Wir veranstalten das auch im Rahmen unserer "Nach der Zeit". Das sind dann Lesungen unserer Redakteurinnen und Redakteure, die einfach ihre Hassmails vortragen. Das hat auch etwas Befreiendes. Ich kann nicht vorhersagen, was genau passieren wird am Sonntag. Aber im besten Falle ist es nicht nur eine Dokumentation einer schlimmen Realität in Deutschland, sondern auch etwas, was man dann ein Stück weit zur Seite schieben kann. Denn eines ist sicher: Auch wenn sie auf irgendwelchen Festplatten schlummern, machen diese Nachrichten etwas mit den Betroffenen, auch wenn sie noch so geübt sind im Umgang mit der Öffentlichkeit, wie es Politikerinnen und Politiker meistens sind.

Das Ganze wird gelesen von hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern: Iris Berben, Claudia Michelsen, Dietmar Bär und Jörg Hartmann. Besteht da nicht die Gefahr einer Ästhetisierung?

di Lorenzo: Auf diesen Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen, ehrlich gesagt. Ich glaube, man kann jetzt die Politikerinnen und Politiker, die diese Schamschwelle überwunden haben, uns diese Mails zu geben, nicht auch noch nötigen, diese selber vorzulesen. Ich glaube, dass das Verlesen durch Schauspieler, wie übrigens auch im Chor der Antike, eher dazu führt, dass die Distanz dazu größer wird. Und das, was vorgetragen wird, geht glaube ich jedem, der das bislang mitbekommen hat, durch Mark und Bein. Es ist etwas, wogegen wir uns wehren müssen, diese Verrohung des Tons. Wir hören und sehen da die Extreme. Aber wir müssen wahnsinnig aufpassen, dass das nicht ein gängiger Ton wird in unserer öffentlichen Auseinandersetzung.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

 

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.10.2018 | 19:00 Uhr

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