Stand: 14.02.2020 16:52 Uhr

Gewalt gegen Frauen: Schockierende Geschichten

In Deutschland ist jede dritte Frau mindestens einmal im Leben von Gewalt betroffen. Das belegen die neusten Zahlen des Bundeskriminalamts. An jedem dritten Tag stirbt gar eine Frau an den Folgen von Gewalt in der Partnerschaft. Auf der ganzen Welt wird deshalb heute mit Tanzdemos gegen Gewalt an Frauen und Mädchen protestiert. Die Kampagne heißt "One Billion Rising" - Eine Milliarde erhebt sich. Christina Clemm, Fachanwältin für Strafrecht und Familienrecht, hat das Buch "AktenEinsicht" geschrieben, mit Geschichten von Frauen, die Gewalt ausgesetzt waren.

Frau Clemm, Sie schreiben in Ihrem Buch von einzelnen Frauenschicksalen. Was sind das für Geschichten?

Christina Clemm © Christina Clemm
Christina Clemm hat das Buch "AktenEinsicht" geschrieben. Es erscheint am 3. März im Kunstmann Verlag.

Christina Clemm: Es sind sehr unterschiedliche Geschichten. Mir ging es vor allem darum, aufzufächern, dass Frauen in eigentlich allen Situationen Gewalt ausgesetzt sind. Es gibt Geschichten von Partnerschaftsgewalt, von Gewalt in der Kindheit und Jugend. Es gibt eine Geschichte von einem rechten Angriff auf eine protestierende Frau; eine andere wurde von Polizeibeamten misshandelt etc..

Das sind Schicksale, die einem nahe gehen. Sie beschäftigen sich schon seit Jahren mit dem Thema. Gibt es Schicksale, die Sie noch schockieren?

Clemm: "Schockieren" ist vielleicht der falsche Ausdruck. Aber natürlich gehen mir diese Geschichten nahe und beschäftigen mich auch. Ich hoffe, dass dieses Buch einen Teil dazu beitragen kann, dass es viel mehr Menschen beschäftigt. Denn es geht immer so sehr um die Täter - und ganz wenig um die Betroffenen, um die, die diese Gewalt ertragen müssen. Mir geht es auch darum, zu zeigen, wie die Betroffenen weiterleben können. Es sind Verletzungen, die häufig ein Leben lang bleiben, aber das bedeutet nicht, dass die Frauen immer in so einem Opferstatus bleiben müssen, sondern dass sie durchaus sehr aktiv und sehr gut weiterleben können.

Wie können sie in ein angstfreies Leben zurückfinden?

Clemm: Das kommt häufig darauf an, wie gut die Personen von ihrem Umfeld und von der Gesellschaft unterstützt werden, wie mit dem Täter umgegangen wird, ob sie wirklich sicher sein können vor weiterer Gewalt. Häufig gibt es zum Beispiel ein Problem bei Partnerschaftsgewalt, wenn es gemeinsame Kinder gibt, wie das geregelt wird. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Betroffene bei der Gewährung von Umgang oder nach dem Umgang wieder misshandelt werden. Es kommt also darauf an, wie sicher sie sind und ob sie in einer stabilen Situation weiterleben können. Da ist noch viel zu tun, weil viele Betroffene aufgrund der Gewalt in schreckliche ökonomische Zustände geraten und keine stabilen Verhältnisse haben.

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Sie schreiben auch davon, dass Anzeigen bei der Polizei oft keinen Schutz bieten. Worin besteht das Problem? Warum scheint die Polizei hier machtlos?

Clemm: Die Polizei kann letztlich immer nur repressiv tätig werden. Da ist das Problem, dass die Kapazitäten nicht ausreichen, dass die Verfahren nicht schnell genug durchgeführt werden können, dass häufig immer noch die Ernsthaftigkeit fehlt, die erforderlich ist. Es ist offenbar noch nicht angekommen, wie gefährlich diese Gewalt ist, wie viele Menschen tatsächlich sterben, wie stark die Betroffenen misshandelt werden. Schutz können dann nur weitere Einrichtungen bieten: Frauenhäuser, Schutzwohnungen - aber davon gibt es viel zu wenige, der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt. Und wie geht es dann weiter? Bei der derzeitigen Wohnungsnot haben viele Betroffene gar keine Chance auf eine neue Wohnung, auf einen neuen Kitaplatz, Schulplatz etc.. In diesem Hilfesystem ist noch sehr viel zu tun.

Es geht in Ihrem Buch auch darum, "die tatsächlichen und juristischen Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung aufzuzeigen". Welche Schwierigkeiten beeinflussen Ihre Arbeit?

Clemm: Wir haben immer noch das Problem, dass es den Mythos der lügenden Frau gibt, dass man behauptet, die allermeisten Anzeigen seien Falschanzeigen. Dass die Betroffenen sich daraus Vorteile versprechen, wenn sie ihre Expartner zum Beispiel einer Vergewaltigung bezichtigen. All das sind Vorurteile, die nicht belegt sind, die aber immer noch in den Köpfen sind. Wir haben das große Problem der Länge der Verfahrensdauer und dass wir keine Fortbildungsverpflichtungen in der Justiz, vor allem bei den Richterinnen und Richtern haben. Die Frage der Traumatisierung haben sie sich möglicherweise im Laufe der Jahre selbst angeeignet, aber möglicherweise auch nicht - und können dann nicht angemessen Betroffenen gegenübertreten. Es gibt zahlreiche tatsächliche und juristische Schwierigkeiten.

In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt der Kampagne "One Billion Rising" auf Inklusion. Denn Frauen mit Beeinträchtigungen seien doppelt so häufig von Gewalt betroffen als Frauen ohne Behinderung. Decken sich diese Zahlen mit den Erfahrungen aus Ihrer Arbeit?

Clemm: Meine Erfahrungen sind, dass in den Verhältnissen, in denen es ein besonders Machtverhältnis gibt, Gewalt und vor allem auch sexualisierte Gewalt besonders leicht ausgeübt werden kann. Und das ist bei Menschen mit Beeinträchtigungen besonders der Fall, weil sie auf die Hilfe anderer Personen angewiesen sind und dadurch ihnen auch ausgeliefert sind. Da ist es leichter und häufiger, dass Gewalt ausgeübt wird. Genauso ist es auch in Partnerschaften, in denen es krasse ökonomische Unterschiede gibt und eine starke Abhängigkeit besteht. Das alles erleichtert gewalttätige Verhältnisse.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.02.2020 | 19:00 Uhr