Bühnenszene: Ein Kubus ohne Wände, der in einem schmucklosen schwarzen Raum steht, der Boden ist mit einem Muster aus Kreis bedeckt. Links an der Wand lehnt Julia Keiling als Inès, hinten sitzt Christina Berger als Estelle, vorn rechts kniet Frank Wiegard als Garcin und spricht mit Inès. © Meck. Staatstheater Schwerin Silke Winkler

"Geschlossene Gesellschaft": Kammerstück aus neuer Perspektive

Stand: 30.09.2020 11:25 Uhr

Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin zeigt Sartres Kammerstück "Geschlossene Gesellschaft". Das Publikum ist Teil der Kulisse.

von Karin Erichsen

Drei Protagonisten - alle kürzlich verstorben - wähnen sich im Vorzimmer der Hölle und erwarten heiße Eisen, glühende Kohlen und andere martialische Foltermethoden. Doch das Einzige, was der Höllenknecht an diesem Theaterabend in aller Ruhe am Bühnenrand brät, sind blutrote Steaks auf einem handelsüblichen Gartengrill. Nach etwa anderthalb Stunden Vorstellung dürfte das Fleisch gegart, im Grunde verbrannt sein - genau wie die Seelen der drei Hauptfiguren.

Perspektivwechsel: Das Publikum sitzt auf der Bühne

Zuschauer sitzen im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin vor der Vorstellung mit ihren Stühlen auf der Bühne und schauen in den beleuchteten Zuschauerraum. © NDR Foto: Karin Erichsen
Verkehrte Welt: Die Zuschauer sitzen auf der Bühne

Es sind sprechende Bilder, eine eindrucksvolle Kulisse, die der Schweriner Schauspieldirektor Martin Nimz und sein Ausstatter Joachim Hamster Damm für diese Inszenierung gefunden haben. Der Abend beginnt mit einem Perspektivwechsel. Ursprünglich sollte Sartres "Geschlossene Gesellschaft" im E-Werk, der kleinen Experimentierbühne des Mecklenburgischen Staatstheaters, gezeigt werden. Aus Infektionsschutzgründen muss sie derzeit jedoch geschlossen bleiben, und so wurde das Kammerstück ins Große Haus verlegt. Dort sitzt das Publikum allerdings nicht wie gewohnt im Parkett und auf den Rängen, sondern in den Tiefen der Bühne mit Blick in den leeren Besucherraum.

Über ungewohnte, verschlungene  Wege sind die etwa achtzig Zuschauer dorthin geleitet worden. Zu Beginn der Vorstellung fährt die Brandwand herab, und das Publikum sitzt nun selbst im abgeschlossenen, schwarzen Raum, umgeben von einer Technikhölle aus Hunderten dunklen Scheinwerfern. Ein Warnsignal ertönt, eine rote Lampe blinkt auf und unweigerlich schweift der Blick zu den Nebenleuten. Wer ist hier eigentlich alles eingesperrt?

Kein Entkommen für Inès, Estelle und Garcin

Aus dem Bühnenboden fährt nun ein durchsichtiges Zimmer empor mit schiefem Fußboden und leuchtenden Pfeilern anstelle von Wänden und Decke. Das Gefängnis der drei Hauptfiguren Inès, Estelle und Garcin existiert in Schwerin lediglich in der Vorstellung als ein Raum. Tatsächlich bietet es keinerlei Schutz oder Begrenzung - aber auch kein Entkommen. Das wird den Protagonisten schnell klar - und die scharfsinnige Inès erkennt als Erste, dass sie ohne weitere Einwirkung von außen allein durch das Zusammengespanntsein in der Dreierkonstellation jeder dem anderen zum Folterknecht werden.

Jeder wird dem anderen zum Folterknecht

Liegt hier tatsächlich ein Automatismus vor, so greift er schnell. Nach anfänglichen Versuchen, sich aus dem Wege zu gehen, finden die drei Gefangenen bald zielsicher die Schwachstellen, Ängste, Eitelkeiten und Selbstillusionen der jeweils anderen heraus, um sie gnadenlos auszubreiten und aufzufächern, sodass die Atmosphäre sich immer weiter vergiftet. Dabei bereut im Grunde keiner der drei seine zu Lebzeiten begangenen (üblen) Taten, die peu à peu ans Licht geraten. Unerträglich wird für alle jedoch die erzwungene Selbsterkenntnis im Spiegel der anderen und deren abschätziges Urteil über die eigene Person.

Entblößung - psychisch wie physisch

Bühnenszene: Hinten sitzt Christina Berger als Estelle im roten Kleid als Estelle, im Vordergrund sieht man von hinten Julia Keiling (Inès). © Meck. Staatstheater Schwerin Silke Winkler
Christina Berger als Estelle im roten Kleid beeindruckt Inès (Julia Keiling)

Die Schauspieler gehen aufs Ganze: Mit wahnwitziger Freude an der Provokation treibt Julia Keiling als lesbische Inès den Eskalationsprozess voran und biedert sich gleichzeitig in aufreizend devoter Weise der schönen Estelle an. Diese zu Lebzeiten von den Männern als Kristall und Quellwasser verehrte Egomanin wendet sich angewidert ab, um bei dem Journalisten Garcin erneut männlichen Zuspruch und Schutz zu finden. Christina Berger entblößt ihre Figur im Verlauf des Abends dabei von allen schmeichelnden Fassaden, bis sie am Ende nicht nur körperlich nackt dasteht. Auf erschütternde Weise präsentiert Frank Wiegard die verheerende Selbsterkenntnis des Journalisten Garcin, als ihm die sadistisch veranlagte Inès vor Augen führt, wie katastrophal seine Lebensbilanz ausfällt und wie extrem sich die Ideale und die realen Taten des einstigen Moralapostels widersprechen.

Packender Theaterabend ohne Happy End

Nachdem jedes persönliche Geheimnis gelüftet und jeder Selbstbetrug geplatzt ist, bietet sich plötzlich ein Ausweg - aber keiner der Protagonisten bringt ausreichend Mut und Kraft auf, den neuen Weg zu beschreiten. Stattdessen verharrt das Trio in seiner inzwischen eingeübten Routine, seiner lebensfeindlichen Konstellation - auf ewig. Das frustrierende Ende eines packenden Theaterabends.

Viele Zuschauer blieben zur Reflexion erst mal sitzen - mit Masken und Sicherheitsabstand zueinander. Ein so intensives und konzentriertes Theatererlebnis, ein so gelungenes Experiment in ungewöhnlicher Kulisse (mit neuer Perspektive!), das sei vielleicht nur im Corona-Ausnahmezustand möglich, vermuteten einige Premierengäste. Wenige vermissten Sekt und Smalltalk. Aber allen fielen leere Stühle ins Auge bei den ohnehin so wenigen Plätzen.

Welchen Weg beschreitet das Theater in Zukunft? Diese Frage stand am Ende auch im Raum.

"Geschlossene Gesellschaft": Kammerstück aus neuer Perspektive

In der Dreierkonstellation des Kammerstücks von Sartre wird jeder dem anderen zum Folterknecht. Die Inszenierung verblüfft durch einen Perspektivwechsel.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater/Großes Haus
Alter Garten 2
19055  Schwerin
Kartenverkauf:
Kartentelefon: (0385) 53 00-123
Öffnungszeiten Theaterkasse: Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag: 16 bis 18.30 Uhr
Besonderheit:
Premierendatum: 29.09.2020
Anmeldung:
Coronabedingt dürfen maximal nur 80 Zuschauer in eine Vorstellung.
Hinweis:
Geschlossene Gesellschaft
von Jean Paul Sartre
Inszenierung: Martin Nimz
mit Julia Keiling, Christina Berger, Frank Wiegard, Martin Neuhaus
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