Stand: 09.08.2019 15:51 Uhr

Generation Woodstock - Ein Festival und seine Folgen

von Bettina Gaus

"Woodstock Music & Art Fair presents an Aquarius Exhibition - 3 Days of Peace & Music": So lautete im August 1969 der offizielle Titel jenes berühmten Festivals, das heute unter dem Kürzel "Woodstock" für den Beginn einer neuen Ära in der amerikanischen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte steht. Janis Joplin, Jimi Hendrix, The Who und viele mehr lieferten den Sound dazu. Und ja, Drogen waren auch im Spiel. 50 Jahre ist das nun her. Was ist von der Generation Woodstock geblieben? Und ist dieses Festival nur Chiffre, Mythos, Legende - oder doch mehr und vor allem: nachhaltig in seiner Wirkung?

Geschätzte 400.000 Besucher kamen vom 15. bis 17. August 1969 zum Woodstock-Festival zusammen - und sprengten damit sämtliche Erwartungen.

Eigentlich hätte in einigen Tagen ein großes Festival zur Erinnerung an "50 Jahre Woodstock" stattfinden sollen, aber der Plan ist gescheitert. Die Veranstalter standen vor einer Fülle von Problemen und mussten den Termin schließlich absagen - was gut ist. Denn weder die Gefühle von damals noch gar die gesellschaftspolitische Bedeutung von Woodstock lassen sich dadurch wieder zum Leben erwecken, dass man einfach zu einem bestimmten Datum ein verkaufsträchtiges Etikett auf ein Konzert klebt. Der Mythos von Woodstock beruht ja nicht darauf, dass sehr viele Leute gemeinsam unter chaotischen Umständen Musik hörten und dabei Spaß hatten. Vielmehr war das legendäre Festival der Höhepunkt der Hippie-Bewegung in den Vereinigten Staaten, die Schwesterbewegungen in zahlreichen westlichen Demokratien hatte.

Einendes Ereignis einer ganzen Generation

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Bettina Gaus lebt in Berlin als Buchautorin und politische Korrespondentin der "taz".

Vielerorts richteten sich seinerzeit Jugendproteste gegen etablierte gesellschaftliche Normen, die das Zusammenleben bestimmten. In den verschiedenen Ländern gab es jedoch Unterschiede. So war in der Bundesrepublik Deutschland, wo die Bewegung als 68er bekannt wurde, die Frage nach dem Verhalten der Elterngeneration während des Nationalsozialismus ein zentrales Thema - in den USA spielte das naturgemäß keine Rolle. Umgekehrt mochten die 68er zwar die Bürgerrechtsbewegung in den USA mit Sympathie begleiten, innenpolitisch war diese Frage in der Bundesrepublik jedoch bedeutungslos.

Ungeachtet dieser Unterschiede waren die empfundenen und realen Gemeinsamkeiten zwischen den Jugendbewegungen in vielen Orten der Welt so groß - und das in einer Zeit vor dem Internet! -, dass "Woodstock", das Musikfestival im US-Bundesstaat New York, bis heute als einendes Ereignis einer ganzen Generation gesehen wird. Gegen Krieg, gegen Diskriminierung, gegen Unterdrückung sexueller Wünsche, gegen allzu fest gefügte Lebensentwürfe.

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In mehrfacher Hinsicht den Zeitgeist getroffen

Nun kann man über den schnell dahin geschriebenen Begriff "einer ganzen Generation" zu Recht streiten. Protestbewegungen sind immer Ausdruck von Minderheiten. So war auch die Hippie-Bewegung mitnichten der Ausdruckswunsch einer Mehrheit, nicht einmal der Mehrheit einer bestimmten Generation. Das allerdings gilt für jede Jugendbewegung, die nicht von Herrschenden initiiert worden ist. Also vom demokratisch motivierten Vormärz 1848 bis hin zur Klimabewegung "Fridays for Future". Erst im Rückblick zeigt sich jeweils, wie erfolgreich eine Bewegung gewesen ist - und dieser Erfolg ist im Regelfall von der Zahl der Mitglieder erstaunlich unabhängig. Es scheint sehr viel mehr um die Frage zu gehen, ob und wie eine Bewegung den Zeitgeist trifft als um die Zahl ihrer Aktivistinnen und Aktivisten.

Das Musikfestival "Woodstock" hat seinerzeit den Zeitgeist getroffen, in mehrfacher Hinsicht. Als Befreiung von Restriktionen der Elterngeneration, die als allzu autoritär empfunden wurde. Als Ort, wo - als revolutionär verstandene - Musik inmitten Gleichgesinnter gehört werden durfte. Und, ja, durchaus: als Platz für den Kampf gegen Rassismus, gegen Krieg, gegen Imperialismus.

Interview
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Der Erfolg von "Woodstock"

Natürlich haben - wie fast immer, wenn etwas zum Symbol einer historischen Entwicklung wird - auch Zufälle mitgespielt bei der Tatsache, dass das Musikfestival bis heute als Kulminationspunkt der Hippiebewegung gilt. Der Erfolg von "Woodstock" beruht unter anderem darauf, dass das Festival in Farbe gefilmt und gesendet werden konnte - sensationell seinerzeit. Die Bilder von einer unübersehbar großen Menschenmenge erweckten den Eindruck von Macht. Einer friedlichen Macht zwar, aber doch einer, deren Forderungen nicht mehr einfach ignoriert werden konnten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 11.08.2019 | 19:05 Uhr

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