Stand: 08.05.2020 17:26 Uhr

Generation Corona?

von Claus Leggewie

Wie war das, damals, im Frühjahr 2020 - als die Corona-Pandemie ausgebrochen ist? Wie wird die Generation derjenigen, die heute jung sind, einmal auf diese Zeit zurückblicken? Wird diese Pandemie zur prägenden Erfahrung für sie - oder am Ende nur eine Episode in ihrem Aufwachsen, in der Ausbildung ihrer politischen Überzeugungen? Noch ist dies nicht ausgemacht. Es könnte sein, dass sich nach Covid19 neue Formen des Jugendprotests bilden, dass sogar Fridays for Future einen neuen Schub bekommt, weil nach Corona nachhaltiges Wirtschaften eine neue Aufmerksamkeit erfahren könnte.

Claus Leggewie © picture alliance/dpa Foto: Marcel Kusch
Claus Leggewie ist Herausgeber der "Blätter für deutsche und internationale Politik".

Es ist möglich, dass die um das Jahr 2000 zur Welt gekommene Altersgruppe die Corona-Krise als bedeutendes, vielleicht prägendes "once-in-a-lifetime"-Erlebnis erinnern wird. Das Etikett "Generation C" hat sie bereits angehängt bekommen, aber das meinte nicht "Corona", dieses Ende 2019 aufgetauchte Virus, sondern eine der Altersgruppe pauschal unterstellte Kombination aus vier "C": Connection, Community, Creation und Curation - modische Lebensstil-Accessoires, die einer heterogenen Gruppe Gleichaltriger aufgepfropft wurden, aber schon bald vergessen und durch neue, nicht minder ephemere Label abgelöst werden können.

Findet die Klimabewegung zu alter Kraft zurück?

Bis Ende des vergangenen Jahres hätte das C noch für "Climate" stehen können. Lange nicht mehr waren Schüler und Studierende so massenhaft und selbstbewusst auf die Straße gegangen, seit die damals 15-jährige Greta Thunberg im August 2018 - es war der erste Schultag nach einem Hitzesommer - im Alleingang den Schulstreik fürs Klima ausrief. Dem schloss sich eine weltweite Fridays for Future-Bewegung an, die erheblichen Druck auf die nationale und globale Klimapolitik ausübte.

Manche spekulieren, Fridays for Future, dessen Präsenz in der zweiten Hälfte 2019 schon abgeflaut war, werde nun ganz auslaufen und nicht zu alter Kraft zurückfinden. Und damit verbunden werde die Bewältigung der Pandemiefolgen die Bekämpfung des Klimawandels und Artensterbens ablösen und das Thema der materiellen Existenzsicherung sozial-ökologische Nachhaltigkeitsziele verdrängen. Möglich wäre es aber auch umgekehrt: Da der durch die Schließung vieler Wirtschaftsbetriebe und des öffentlichen Lebens erzwungene Stillstand, ganz unbeabsichtigt, Emissionsminderungen mit sich brachte und der Klimawandel sich womöglich durch eine "Naturkatastrophe" abschwächt, sei nun der Pfad in eine entschiedenere Klimaschutzpolitik vorgezeichnet. Es stimmt ja: Viele Einschränkungen, die bis dato für ganz "unmöglich" erklärt worden waren, sind plötzlich vermittelbar und durchsetzbar geworden, weil sie zur Virusbekämpfung eben nicht unmöglich, sondern lebensrettend waren. Und der Klimawandel bedroht nach übereinstimmenden Prognosen das Leben von weit mehr Menschen als eine Pandemie.

Die Eigenart und Wirkung von Generationen

Bevor nun Zukunftsforscher einen neuen Megatrend von Covid19 nach Klima21 ausrufen, muss man ein wenig über die Eigenart und Wirkung von Generationen nachdenken. Weder kann man der Altersgruppe zwischen 14 und 30 Jahren per se eine größere Aufmüpfigkeit und Protestbereitschaft unterstellen, noch sind Jugendproteste automatisch richtungsweisend für überfällige Innovationen, die ältere Zeitgenossen verschlafen haben. Es gibt auch keinen ewigen Konflikt zwischen den Generationen mit durchgängig anderen Sichtweisen auf Problemlagen und Problemlösungen zwischen Älteren und Jüngeren. Die Versuche, historische Zeiten nach Generationen zu periodisieren, sind oft wenig überzeugend ausgefallen. Generation ist soziologisch gesprochen die einzige Kategorie, die Gesellschaften nach zeitlichen Zusammenhängen ordnet: Wann ist jemand geboren, unter welchen Umständen ist sie oder er geprägt worden, mit welchen Gleichaltrigen ist man aufgewachsen. Dabei und daneben spielen stets andere Faktoren eine Rolle: das Geschlecht, soziale Unterschiede und kulturelle Wahrnehmungsdifferenzen.

Über den Autor

Claus Leggewie ist Politikwissenschaftler und Verfasser der Bücher "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie" (2009, mit H. Welzer), "Mut statt Wut. Aufbruch in eine neue Demokratie" (2011) und "Europa zuerst! Eine Unabhängigkeitserklärung" (2017).

Die Beweggründe der sogenannten 68er waren in West-Berlin ganz andere als in Mexiko und Prag. Bei aller Differenzierung sind sie aber durch ikonische Bilder, gemeinsame Referenzen und Elemente populärer Kultur zu einer Bewegung zusammengeschweißt worden, die als Motor politischer, sozialer und kultureller Innovationen auftrat und dabei Veränderungen zum Durchbruch verhalf, die in mittel- und langfristigen Strukturentwicklungen bereits angelegt waren. Stets haben dabei besonders lautstarke und sichtbare Akteure das Bild einer Altersgruppe geprägt, die mit den Vorhaben der Avantgarden keineswegs übereinstimmte, sich aber in die bewirkten Änderungen sehr wohl einfand und daraus Nutzen zog.

Einige Gemeinsamkeiten und sehr viele Unterschiede

So darf man auch die Wucht und Wirkung der Fridays for Future-Versammlungen weder über- noch unterschätzen, die mit der Schüler- und Studentenbewegung um 1968 einige Gemeinsamkeiten und sehr viele Unterschiede aufweist. Der Modus von ’68 war die Kritik der bürgerlichen Sozialwissenschaft, der heutige Modus ist "follow the science", die Wiedereinsetzung naturwissenschaftlicher Autorität, ohne dabei ganz auf Gesellschaftskritik zu verzichten. Die Rolle junger Frauen in sozialen Bewegungen ist heute bedeutsamer, dank einer umfassenderen Bildung und einer feministischen Alltagspraxis. Und das industrielle Wachstumsmodell ist am Ende, auf dem die Umverteilungsvorstellungen und Gerechtigkeitsideale der älteren Protestbewegung noch wesentlich beruhten. Während die Zukunft um 1968 auf dem Höhepunkt des Konsumkapitalismus offen schien und Utopien der Befreiung von allen Fesseln moralischer Konventionen aufblühen konnten, scheint der Zukunftshorizont heute eher mit einem riesigen Stoppschild versehen. Den Protest treibt eher die Dystopie einer an gefährlichen Kipppunkten aus den Angeln gehobenen Welt an.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 10.05.2020 | 19:00 Uhr

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