Ein Dudeneintrag definiert die Worte Handelspartner und Handelspartnerin © imago images/MiS

Gendern: Online-Duden ändert Personenbezeichnungen

Stand: 21.01.2021 14:53 Uhr

Der Duden ändert 2021 online alle 12.000 Personenbeschreibungen im Zuge der geschlechtergerechten Sprache. Kritikerinnen und Kritiker sehen die Sprachfreiheit bedroht. Der Duden weist das zurück.

von Lisa Eißfeldt

Vielleicht ist sie einigen auch bei NDR Info im Programm aufgefallen: geschlechtergerechte Sprache. Manchmal ist da nicht mehr die Rede von Studenten, sondern von Studierenden, von Ärzten und Ärztinnen und ab und zu sogar von Patient*innen. Der Gedanke dahinter: Alle Geschlechter sichtbar oder eben hörbar machen und sich zu einer vielfältigen Gesellschaft bekennen.

Bis vor Kurzem: Nur maskuline Personenbezeichnungen

Bis vor Kurzem waren im Online-Duden nur maskuline Personenbezeichnungen wie Arzt oder Patient mit Bedeutungserklärungen versehen. Nach und nach bekommen auch die femininen Einträge welche und sollen den Status als Anhängsel verlieren.

Der Linguist und Professor Peter Eisenberg an seinem Schreibtisch © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen Foto:  Britta Pedersen
"Was der Duden jetzt macht, ist ein klarer Verstoß gegen feststehende Regeln im Standard-Deutschen", sagt Linguist Peter Eisenberg.

Gleichzeitig wird konkretisiert: Ein Arzt etwa ist per Definition nicht mehr ein geschlechtsloser "jemand", sondern eine explizit männliche Person, eine Ärztin eine weibliche. Für manche ein längst überfälliger Schritt, für den Linguisten und emeritierten Professor Peter Eisenberg schlicht "falsch".

Mit den neuen Definitionen schaffe der Verlag eine Besonderheit des Deutschen faktisch ab: nämlich das generische Maskulinum, also den geschlechtsunabhängigen Gebrauch der männlichen Form. "Was der Duden jetzt macht, ist ein klarer Verstoß gegen feststehende Regeln im Standard-Deutschen. Die werden negiert und durch eigene Duden-Regeln ersetzt. Das heißt, der Duden vertritt nicht die Sprache, wie sie ist, sondern er will die Sprache umbauen. In dieser Offenheit, in dieser Dreistigkeit hat es das bisher nicht gegeben."

Duden weist Vorwürfe zurück

Der Duden weist die Vorwürfe zurück. Mit den neuen Einträgen wolle der Verlag die Kernbedeutungen der Wörter präzisieren, so Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion. Das generische Maskulinum könne weiterhin verwendet werden. Empfohlen werde es aber nicht. "Dadurch, dass inzwischen so häufig differenzierter gesprochen oder geschrieben wird, entsteht eine deutlich größere Unsicherheit beim generischen Maskulinum, weil viele jetzt häufig nicht mehr wissen, ob nun die Form wirklich generisch gemeint ist oder nicht generisch gemeint ist, also tatsächlich nur auf Männer bezogen ist."

Der Duden rät dazu, flexibel zu bleiben und unterschiedliche Formen geschlechtergerechter Sprache abzuwechseln. So empfiehlt es auch der Rat für deutsche Rechtschreibung, zuständig für das amtliche Regelwerk. Geschäftsführerin Sabine Krome hält den Vorstoß des Online-Duden aber für verfrüht - trotz Emanzipation und nicht-binärer Geschlechteridentitäten. "Das sind unheimliche Veränderungen, die sich sprachlich niederschlagen und die natürlich dokumentiert von einem aktuellen Wörterbuchverlag werden sollten." Das ginge aber nicht von einem Tag auf den anderen, meint Krome. "Solche Prozesse brauchen eine unendlich lange Zeit. Man kann die nicht erzwingen. Das möchte die Sprachgemeinschaft nicht, das haben wir bei der Rechtschreibreform gesehen."

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Auf einem Duden liegt ein Stück ausgerissendes Papier, auf dem "Gendersternchen*" steht. © picture alliance/dpa-Zentralbild Foto: Sascha Steinach

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Auch in der Redaktion von NDR Info wird gendergerechte Sprache - insbesondere der Genderstern - kontrovers diskutiert. Die Lösung: ein recht offenes Modell, sagt Christiane Uebing, Leiterin der Programmgruppe Politik und Aktuelles. "Danach lassen wir den gesprochenen Genderstern zu, wenn etwa Korrespondentinnen oder Reporter ihn in ihren Berichten verwenden. Aber wir halten es auch für sinnvoll, in unseren Audios zunächst auch auf andere Möglichkeiten einer diskriminierungsfreien Sprache zu setzen, zum Beispiel anstelle von Reporter*innen von Rechercheteam zu sprechen."

Linguist Eisenberg warnt davor, den Gebrauch des generischen Maskulinums zurückzudrängen. "Das Deutsche braucht das generische Maskulinum. Es ist doch für die Verwaltungssprache ein Tort, wenn sie nicht mehr von Steuerzahlern und Tätern und Angeklagten sprechen darf, sondern wenn alles sexualisiert wird - dass es keine Schüler mehr gibt, sondern nur noch Schülerinnen und Schüler, so, als hätten die nichts gemeinsam."

Duden-Leiterin Kunkel-Razum vermisst in der Debatte den Blick über den eigenen Tellerrand - und etwas Geduld. "Mich erstaunt tatsächlich nach wie vor die Vehemenz, mit der hier gestritten wird. Ich persönlich rate da, ganz ehrlich, ein bisschen zur Gelassenheit. Es ist ein Feld, wo tatsächlich nicht alles festgezurrt ist, wo auch nicht innerhalb von ein, zwei, drei Jahren alles festgezurrt werden muss."

Die Änderungen im Online-Duden sollen bis zum Herbst abgeschlossen werden. Doch langfristig gilt: Wir entscheiden alle mit darüber, welche Formen sich durchsetzen werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 21.01.2021 | 15:55 Uhr