Stand: 13.09.2019 17:23 Uhr

Gendergerechte Sprache? Pro!

von Anne Wizorek

Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Sprache? "Unbedingt!", fordert Anne Wizorek. Aber wenn schon gendergerecht, wie dann eigentlich - mit dem Binnen-I, dem Unterstrich oder dem Gendersternchen (das sich zunehmend durchsetzt)? Und wie verhält sich das geschriebene zum gesprochenen Wort? Wizorek hat den Hashtag #aufschrei ersonnen - und argumentiert auch in der Sprache für ein "Gerechtigkeitsupdate".

Bild vergrößern
Anne Wizorek ist Initiatorin der Kampagne #aufschrei.

Gendern. Allein das Wort schon! Ich gebe zu: Es nervt mich. Es nervt, weil der Begriff Gender - von dem sich eben auch das Verb gendern ableitet - wie kaum ein anderer zum Kofferwort geworden ist. Und in diesen Koffer wird seit Jahren alles gepackt, was lächerlich, nervig oder sogar bedrohlich ist. So wurde der Gender-Begriff immer weiter von seiner wahren Bedeutung entfernt.

Dabei steht Gender einfach nur für das soziale, das gelebte und gefühlte Geschlecht. Kurz gesagt: Gender ist das Geschlecht, was sich in unserem Kopf abspielt - und nicht das, was wir in unserer Unterhose haben.

Sprache wird nie hundertprozentig gerecht sein - aber sie kann sich annähern

Beim Gendern wird dann lediglich darauf geschaut, wie Geschlecht in unserer Sprache repräsentiert ist, wer eindeutig benannt wird - und wer nicht. Denn in der Sprache finden sich dieselben Machtverhältnisse wieder, die es nun mal immer noch in unserer Gesellschaft gibt. Diese sehen wir zum Beispiel am Werk, wenn "schwul" und "behindert" als Schimpfwörter benutzt werden. Oder wenn es weitaus mehr Beleidigungen gibt, die ganz konkret auf Frauen bezogen sind (Stichwort "Schlampe"), und wenn Männer darüber gedemütigt werden sollen, als "Mädchen" bezeichnet zu werden.

Ich persönlich spreche übrigens lieber von geschlechtergerechter Sprache statt vom Gendern. Genauer gesagt benutze ich mittlerweile den Begriff geschlechtergerechte-re Sprache. Nicht nur, weil mich der Gender-Koffer nervt, sondern auch, weil Sprache ohnehin nie hundertprozentig gerecht sein kann. Sie kann sich aber annähern und unserer Wirklichkeit dabei gerechter werden, als sie es bisher mit dem generischen Maskulinum war.

Das generische Maskulinum ist auch eine Form des Genderns

Weitere Informationen

Gendergerechte Sprache? Contra!

Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Sprache? Redakteurin Hannah Lühmann warnt in ihrem Essay davor, die Sprache zu überfrachten mit unseren gesellschaftspolitischen Erwartungen. mehr

Das sogenannte generische Maskulinum - also so zu schreiben und zu sprechen, dass immer nur die männlichen Bezeichnungen wie Schüler, Lehrer, Autor etc. verwendet werden -, das ist, entgegen der allgemeinen Annahme, auch eine Form des Genderns. In der Regel ist das generische Maskulinum bloß die Variante des Genderns, die wir als erstes gelernt haben und uns damit am längsten geläufig ist.

Es ist wie so oft: Wenn etwas schon länger vorhanden ist, dann können wir uns nur schwer vorstellen, es vielleicht zu ändern. Beim generischen Maskulinum führt es dazu, nicht groß zu hinterfragen, dass Männer jahrtausendelang über gesellschaftliche Strukturen und Konventionen bestimmten und sich das eben auch auf unsere Sprache auswirkte. Stattdessen verkaufen uns manche das generische Maskulinum sogar als "neutral", obwohl es unsere Sprache eben eindeutig männlich prägt.

Die Bilder in unseren Köpfen

Das generische Maskulinum ist insofern ein bisschen wie Photoshop. Mit Hilfe dieses Bildbearbeitungsprogramms wird die Realität bearbeitet und zu einem Ideal hin verzerrt, etwa zu einem extrem einengenden Schönheitsideal. Wer nicht so aussieht, hat es dann ziemlich schwer, sich überhaupt in Magazinen und dergleichen wiederzufinden.

Die Initiatorin der Kampagne "#Aufschrei", Anne Wizorek, sitzt auf einem Podium vor einem Laptop. © dpa picture alliance Foto: Stephanie Pilick

Ein Gendergerechte Sprache? Pro!

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Brauchen wir mehr Gerechtigkeit in der Sprache? Unbedingt, fordert Anne Wizorek, die den Hashtag #aufschrei ersonnen hat. Sie argumentiert auch in der Sprache für ein "Gerechtigkeitsupdate".

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Ähnlich ist es mit dem generischen Maskulinum: Hier geht es nicht um die Bilder in Magazinen, aber um die Bilder, die Sprache in unseren Köpfen erzeugt. Das verzerrte Ideal entspringt einer Gesellschaft, die in erster Linie von Männern für Männer gemacht ist und deshalb auch erst gar keine Zeit verliert, andere Geschlechter überhaupt anzusprechen. Männer sind hingegen die sprachliche Norm, auf die sich alle anderen beziehen müssen und in der wir uns alle wiederfinden sollen. Wir sind angeblich "mitgemeint", ohne uns sehen zu dürfen.

Dabei hat nicht zuletzt die Sprachwissenschaft erwiesen, dass dieses "Mitmeinen" anderer Geschlechter kläglich scheitert. Psycholinguistische Experimente zeigen immer wieder, dass wir bei Personenbezeichnungen wie "die Politiker, die Lehrer, die Autofahrer oder die Wähler" eben an reine Männergruppen denken. Wie wir sprechen und schreiben, drückt immer auch unsere eigene Vorstellungswelt aus und hat wiederum einen Einfluss darauf, was wir uns eigentlich vorstellen. Hier besteht eine Wechselwirkung, denn: Sprache erschafft Wirklichkeit - und Wirklichkeit erschafft Sprache.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 15.09.2019 | 19:05 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Gendergerechte-Sprache-Pro,gedankenzurzeit1440.html