Stand: 27.01.2020 16:00 Uhr

"Orest in Mossul": Die Gräuel des Krieges im Theater

von Peter Helling

Die 11. Lessingtage im Hamburger Thalia Theater verstehen sich als Fenster zu den Konflikten der Welt. Ob Klimawandel, koloniales Erbe oder Kriege der Gegenwart: Kaum ein Thema wird ausgespart. Am Wochenende war ein vieldiskutiertes Stück zu Gast, das mitten hineingeht in ein kriegszerstörtes Land: ins irakische Mossul. "Orest in Mossul" - inszeniert von einem der angesagtesten Theaterkünstler unserer Zeit, von Milo Rau.

Vier Personen sitzen auf der Bühne des Thalia Theaters beim Gastspiel von NTGent aus Belgien, "Orest in Mossul" bei den Lessingtagen © Fred Debrock
Bei dem Stück "Orest in Mossul" werden Bühnenstück und Dokumentarfilm miteinander verwebt.

Ein paar Baracken, kleinere Läden mit arabischen Schriftzeichen, Stühle, eine Straßenlaterne. Sofort wird klar: Hier wurde ein winziges Stück Mossul nachgebaut. Ganz behutsam kommen die Schauspieler und Schauspielerinnen des Niederländischen Theaters im belgischen Gent auf die Bühne des Thalia Theaters und fangen an, im Plauderton zu sprechen. Johan Leysen zum Beispiel wollte früher mal Archäologe werden, jetzt spielt er den griechischen Kriegsherren Agamemnon. Über der Bühne schwebt eine Filmleinwand. Ein Synthesizer klimpert die enervierende Melodie des Songs "Mad World" von Gary Jules. Ja, eine verrückte Welt ist das. Eine Welt, die völlig am Ende ist. Filme zeigen Mossul als eine physisch ausgelöschte Stadt, auch wenn dort nach wie vor drei Millionen Menschen leben. Dorthin reisten im März 2019 Milo Rau und sein belgisches Ensemble.

Film- und Bühnenhandlung werden miteinander verwoben

Im Film sieht man das Team, wie es sich durch Ruinen bewegt und eine einheimische Musikgruppe trifft, natürlich spielt auch sie "Mad World". Bizarr, wie die Musiker schildern, dass Rauchen alles für sie sei, fast wie das Leben selbst. Nach dem Verbots-Terror des sogenannten Islamischen Staates (IS), der 2014 in Mossul sein Kalifat ausrief: Damals konnte eine Zigarette einige Peitschenhiebe kosten, das Spielen der arabische Laute, der Oud, war noch gefährlicher. Und dann, langsam, beginnt sie, die Orestie. Die leibhaftigen Schauspieler auf der Bühne des Thalia Theaters interagieren mit den Darstellern im Film, als stünden sie direkt voreinander. Reden mit einem Fotografen, der die Terrorzeit des IS überlebt hat und trotzdem unter Lebensgefahr immer weiterfotografiert hat. Beobachten junge Schauspielstudenten, die die Hinrichtung irakischer Soldaten durch Genickschuss darstellen. Film- und Bühnenerlebnis im ständigen Wechsel werden langsam miteinander verwoben.

Die Orestie: Der Kreislauf der Rache wird gebrochen

Eine Frau sitzt auf einem Teppich auf der Bühne des Thalia Theaters beim Gastspiel von NTGent aus Belgien, "Orest in Mossul" bei den Lessingtagen © Fred Debrock
Das von Milo Rau inszenierte Stück ist kein Schocker, aber es schockiert das Publikum.

Milo Rau spart nichts aus: Sein Stück ist kein Schocker. Aber er schockiert und wird manchmal fast übergriffig, wenn er und sein Team sich an das Leid der Menschen in Mossul herantasten. Wie viel Traumata werden da wohl berührt? In seiner Orestie, dem ältesten erhaltenen Theatertext der Menschheitsgeschichte - einem Stück über Rache, Tochter-, Gatten- und Muttermord - beschönigte Autor Aischylos nichts. Bei ihm kommt ganz zum Schluss der Mörder Orestes nach Athen, wo Göttin Athene den Konflikt befriedet. Endlich ist der Kreislauf der Rache durchbrochen, die Demokratie geboren. Und in Mossul? Wenn es so einfach wäre ...

Voyeurismus oder Kunst?

Dass die irakischen Darsteller nur in dem Film zu sehen sind, liege ganz konkret an der Asylpolitik Europas, schreibt Milo Rau in einem Essay. Man wolle niemanden einreisen lassen, um Asylanträge zu vermeiden. Rau macht daraus eine Tugend. Das uralte Stück wird hier zur Pinzette, zum ausgestreckten Finger, um das Grauen zu berühren. Manchmal will man weggucken, so nah rückt die Wirklichkeit, wenn die junge Frau, die hier Iphigenie, die Tochter Agamemnons, spielt, vor der Kamera übt, wie es ist, erwürgt zu werden. Sie erzählt hinter ihrem Schleier, dass ihre beste Schulfreundin von IS-Kämpfern aus dem Klassenzimmer verschleppt wurde, weil sie einen Tropfen Parfüm trug. Dieser Abend tut weh, und immer mehr fragt man sich: Ist die Komfort-Position eines Festivalbesuchers angemessen? Das Theaterstück wird von der Wirklichkeit fast erstickt. Verschwindet schließlich ganz. Wenn die echten Schreie nach einem Bombenattentat per Smartphone abgespielt werden. Fast will man aufstehen und gehen, denn: Ist das Voyeurismus oder Kunst?

Zwischen Vergebung und Todesstrafe

Spannend, dass ausgerechnet der Kuss zwischen der Rächer-Figur Orestes und seinem Freund zum echten Skandal wird für die irakischen Darsteller. Das Nachstellen der Genickschüsse aber nicht. So geht es auch der irakischen Athene, einer freundlichen alten Frau. Sie lehnt den Kuss deutlich ab. Dieser transparente Theaterabend zeigt hilflose europäische Schauspieler gleichzeitig so respektvoll-zurückhaltend, dass man ungläubig zusieht, sich fast schämt. Darf Theater so etwas? Wenn die Athene aus Mossul am Ende die jungen Männer von der Schauspielschule im Film fragt: Kann man den Mördern des IS vergeben? Oder sollte man sie töten? Die Kamera fährt über stumme Gesichter, kein Arm hebt sich, ein Dilemma. Fast verbietet sich die Frage, dennoch: Kann Theater tatsächlich einige Wunden heilen? Eines jedenfalls ist klar: Milo Rau und sein Ensemble machen das europäische Publikum zu Zeugen des Krieges.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.01.2020 | 19:00 Uhr