Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Fünf Jahre Brexit

Stand: 18.06.2021 18:51 Uhr

Vor fünf Jahren votierten die Briten für den Abschied von der EU. Aus diesem Anlass macht sich die ehemalige ARD-Korrespondentin in London, Stephanie Piper, ihre "Gedanken zur Zeit".

von Stephanie Pieper

Am 23. Juni 2016 votierten die Briten für den Abschied von der EU: 52 Prozent stimmten für "Leave", 48 Prozent für "Remain". Ein jahrzehntelang dauernder Streit über das Selbstverständnis des Vereinigten Königreichs war entschieden, das Land blieb gespalten zurück, der Pulverdampf verzog sich nur langsam, der Ausstiegsprozess zog sich hin. Erst am 31. Januar 2019 war der EU-Ausstieg formal vollzogen.

Und ein in letzter Minute geschlossener Brexit-Deal konnte zum vergangenen Jahreswechsel wenigstens das totale Chaos abwenden. Der Brexit ist und bleibt eine Tragödie in der britisch-kontinentaleuropäischen Geschichte, meint Stephanie Pieper, die das ganze Drama als ARD-Korrespondentin in London von 2014 bis 2018 aus nächster Nähe miterlebt hat.

London kokettiert mit Insel-Image

Sieben Wellenlinien untereinander, in unterschiedlichen Blautönen gemalt: So sieht das Logo der britischen G7-Präsidentschaft aus. Es soll die Verbundenheit der sieben führenden Industrienationen verdeutlichen, die vermeintlich auf einer Wellenlänge sind - die gemeinsam den globalen Herausforderungen begegnen, von Corona bis Klimaschutz. Dieses Wellen-Logo unterstreicht aber auch: Hier hat eine Insel-Nation den G7-Vorsitz. Ein Land, verteilt auf zwei Inseln - die britische und den nördlichen Teil der irischen; ein Land, ganz und gar umgeben von Wasser; ein Land, das getrennt ist vom europäischen Kontinent - schon durch seine Geographie, aber eben auch im Geiste.

Die konservative Regierung in London kokettiert mit diesem Insel-Image und ist seit dem Brexit-Votum zugleich bemüht, sich als nicht isoliert darzustellen - sie postuliert vielmehr ein "Global Britain". Großbritannien mag sein Empire verloren haben. Großbritannien mag aus der EU ausgetreten sein. Großbritannien mag sich auf der Weltbühne freiwillig kleiner gemacht haben. Egal. Wir waren wer. Wir sind wer. Wir bleiben wer. Brexit hin oder her. "Global Britain" eben.

Die malerische Küste Cornwalls dient Premier Boris Johnson als Kulisse dafür, diesen Anspruch bei den G7-Partnern zu untermauern. Doch die vor den Kameras zur Schau gestellte Einigkeit der Regierenden kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Brexit einen Keil zwischen Großbritannien und seine Verbündeten getrieben hat. Cornwall - ein Landstrich übrigens, in dem vor fünf Jahren eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für den EU-Ausstieg stimmt. Darunter viele Bauern und Fischer, gegen ihre eigenen finanziellen Interessen. Eine der vielen Brexit-Paradoxien.

Der Tag nach der Brexit-Entscheidung

Rückblende. Am 24. Juni 2016, am Tag nach dem EU-Referendum, dämmert der Morgen. Es ist exakt 20 Minuten vor 5 Uhr, als der BBC-Moderator verkündet: "The British people have spoken - and the answer is: we're out." Ein Schock-Moment. Ein Gänsehaut-Moment. Das Vereinigte Königreich setzt damals das Segel für einen neuen Kurs, nach mehr als vier Jahrzehnten der Mitgliedschaft raus aus der Europäischen Union.

Was in London folgt, ist politisches Chaos. Nicht über Tage, Wochen, Monate. Sondern über Jahre. Der politische Betrieb und der Staatsapparat sind erst gelähmt und dann Brexit-absorbiert. David Cameron lässt andere die Suppe auslöffeln, die er als Premierminister dem Land eingebrockt hat. Seine Nachfolgerin, die untalentierte Mrs. May, verfasst das historische Austrittsschreiben an Brüssel, probiert sich in der Folge an der Quadratur des Brexit-Kreises - und scheitert unweigerlich. Damit ist die Bühne frei für ihn: Boris Johnson.

Johnson wird für sein Risikospiel belohnt

Ohne den Scheinwerfer auf diese Figur zu richten, ist nicht zu verstehen, warum die Briten vor fünf Jahren mit knapper Mehrheit für "Leave" votiert haben - und was seitdem passiert ist. Nicht zuletzt aus Karrierekalkül schlägt sich Johnson Anfang 2016 auf die Seite der Brexiteers und wird sofort zu deren wirkmächtigstem Fürsprecher. Als Politiker mit einem untrüglichen Gespür für Stimmungen registriert er früher als andere, dass die politische Tektonik dieses Landes brüchig geworden ist - und dass sich als Sündenbock die EU perfekt eignet, der alle Fehlentwicklungen zur Last gelegt werden können.

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Am Ende wird Johnson, nach einigen Umwegen, für sein Risikospiel belohnt mit dem Einzug in 10 Downing Street. Aufgrund seines Gebarens genieße der Premier jedoch weder das Vertrauen noch den Respekt seiner westlichen Partner, so vor wenigen Tagen Matthew Parris, konservativer Kolumnist der "Times". Johnson sage immer genau das, was ihm in diesem Moment und vor diesem Publikum Lacher und Applaus beschere.

Wie viel diplomatisches Porzellan er dabei zerschlägt, ist ihm offenbar gleichgültig - ob er nun als Brüssel-Korrespondent, als Londoner Bürgermeister, als führender Kopf der Brexiteers, als Außenminister oder jetzt als Premierminister auftritt. Doch die Partner, in der EU und darüber hinaus, haben nicht vergessen, ihm nicht vergeben. Nicht nur ähnliche Interessen, sondern auch gegenseitiges Vertrauen, gegenseitiger Respekt bilden in einer Wertegemeinschaft die Grundlage multilateraler Kooperation - erst recht in der eigenen Nachbarschaft, wo die bilateralen Beziehungen mühsamer geworden sind. Johnson, der noch dazu lange Donald Trump hofierte, steckt hier noch in den Miesen.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 19.06.2021 | 13:05 Uhr

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