Fritz Reuter, Gemälde von Theodor Schloepke © Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen

Fritz Reuters "Abendteuer des Entspekter Bräsig" als Lesung

Stand: 19.02.2021 17:54 Uhr

Vor 150 Jahren haben jüdische Kaufleute den Landhandel in Mecklenburg mitgeprägt. Fritz Reuter berichtet davon in seiner urkomischen Erzählung "Abendteuer des Entspekter Bräsig". NDR 1 Radio MV hat sie als Lesung mit dem Schauspieler Kurt Nolze aufgenommen.   

von Rainer Schobeß

Was geschieht, wenn ein Landei in die Großstadt fährt? Ihm wird so richtig das Fell über die Ohren gezogen! Doch Entspekter Bräsig aus Mecklenburg lässt sich in Berlin weder durch Taschendiebe noch durch andere Betrüger aus der Ruhe bringen.

Entspekter Bräsig reist in die Großstadt

Den pensionierten Gutsinspektor Zacharias Bräsig hat Fritz Reuter gemeinsam mit dem jüdischen Kaufmann und Wollhändler Moses Löwenthal auf große Reise in die preußische Hauptstadt geschickt. Dort soll Bräsig den Freund bei Geschäften unterstützen und die vielen Sehenswürdigkeiten genießen. Moses schwärmt: "Berlin ist 'ne metropolitanische Stadt, Weltkörper und Kunstwerk in 'ner Sandwüste, ist 'ne Idee von Großartigkeit mit Gasbeleuchtung." Weil Bräsig seinen Pass vergessen hat, gibt er sich unterwegs als der jüdische Händler Levi Josephi aus. Dieser Name war Reuter geläufig aus dem heimatlichen Stavenhagen: Ein Levi Josephi betrieb dort ein "Manufaktur- und Produktengeschäft".

Der Kaufmann Levi Josephi aus Stavenhagen, Zeichnung von Fritz Reuter um 1845 © Fritz-Reuter-Literaturmuseum Stavenhagen
Der Kaufmann Levi Joseqhi betrieb in Stavenhagen ein Geschäft - sein Name taucht in "Abendteuer des Entspekter Bräsig" auf.

Zu Reuters Zeit hatte Stavenhagen rund 150 jüdische Bürgerinnen und Bürger und seit 1842 auch eine neu errichtete Synagoge. Fritz Reuter hat in seinen Werken einige Juden aus seiner Bekanntschaft verewigt. Sein Schulfreund, der Arzt Michael Liebmann, war Vorbild für "Dr. med. Soundso" in der "Stromtid", und der Kaufmann Salomon Isaac und dessen Frau Hannchen wurden im selben Roman zu "Oll Moses" und "Blümchen".

Fritz Reuter: Werke in niederdeutscher Sprache und auf Missingsch

Die meisten seiner Werke hat Fritz Reuter in niederdeutscher Sprache geschrieben. Die "Abendteuer des Entspekter Bräsig" aber sind auf Missingsch, jener hochdeutsch-plattdütschen Mischung mit ihren skurrilen Sätzen, amüsanten Wortbildungen und Verballhornungen. So wird bei Bräsig etwa die Soiree zur Sauerei, der Louisdor zum Luggerdohr.

Cover des Hörbuchs "Fritz Reuter - Abendteuer des Entspekter Bräsig" © Hinstorff Verlag/NDR 1 Radio MV

AUDIO: Kurt Nolze liest aus "Entspekter Bräsig": Besuch im Zoo (3 Min)

Ein Mann vom Lande, der Hochdeutsch reden möchte

Entspekter Bräsig war einmal ein wohlbestallter Gutsverwalter. Kann, ja darf so eine Respektsperson überhaupt Platt schnacken? Natürlich nicht! Die Tagelöhner, Gutsarbeiter und Kutscher, die Jungs und Dierns auf dem Hof erwarten von einem "Ökonomiker" ein gepflegtes Hochdeutsch, ganz zu schweigen von der Gutsherrschaft. Bräsig ist ein Mann vom Lande. Er möchte Hochdeutsch reden, garniert mit vielen Fremdwörtern. Aber er denkt Plattdeutsch, und das hat bemerkenswerte grammatikalische Konsequenzen.

Wenn Entspekter Bräsig also seine "Abendteuer" schildert "in einem gebildeten hochdeutschen Stiele", dann müssen wir unweigerlich schmunzeln. Seine Wortwahl ist einfach zu komisch, und sein Reisebericht erst recht.

Hörbuch-Tipp

"Fritz Reuter - Abendteuer des Entspekter Bräsig. Bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt"
Gelesen von Kurt Nolze, mit einem Booklet von Rainer Schobeß
Gesamtlänge: 1:15:47
veröffentlicht im Hinstorff Verlag, mit Unterstützung von NDR 1 Radio MV.
ISBN 978-3-256-011-52-4

Weitere Informationen
Porträt des Dichters Fritz Reuter um 1870 © dpa - Bildarchiv Foto: Diener

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 20.02.2021 | 19:05 Uhr