Stand: 01.04.2016 15:29 Uhr

"Mir wird sein zugewandtes Lachen fehlen"

Seine vielleicht berühmtesten Worte sprach Hans-Dietrich Genscher im September 1989 - vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag - zu den DDR-Bürgern, die dort auf die Erlaubnis warteten, in den Westen ausreisen zu dürfen: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Es war wohl einer der Höhepunkte der langen, ereignisreichen Karriere des seinerzeitigen Außenministers. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben. Einer, der ihn über viele Jahre sehr gut kannte und mit ihm befreundet war, ist der Pfarrer Friedrich Schorlemmer.

NDR Kultur: Herr Schorlemmer, viele verbinden diese Worte mit Hans-Dietrich Genscher. Was verbinden Sie in erster Linie mit ihm?

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Pfarrer Friedrich Schorlemmer war seit Jahrzehnten mit Hans-Dietrich Genscher befreundet.

Friedrich Schorlemmer: Einen wunderbar zugewandten, humorvollen, zum Erzählen begabten Menschen, der nie vergessen hat, dass er aus Halle stammt, das heißt, auch nie vergessen hat, was deutsche Teilung bedeutet, weshalb er sein Leben lang auch dafür gewirkt hat.

Sie haben ihn oft getroffen, haben sich auch regelrecht mit ihm angefreundet: Was verbindet einen DDR-Bürgerrechtler mit einem westdeutschen Real- und Machtpolitiker?

Schorlemmer: Er besuchte uns im Dezember 1989 und begegnete uns auf Augenhöhe. Uns, die wir im politischen Geschäft gar keine Ahnung hatten, sondern für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen sind. Er kam beratend, aber nicht belehrend, als ein Mitbürger, der sich freute, dass diese eingefrorenen Verhältnisse endlich auftauten. Ein partnerschaftlicher Mensch, der auch zu einer großen persönlichen Zuwendung zu vielen Menschen fähig und bereit war.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Hans-Dietrich Genscher vor allem "für seinen großen Beitrag zur Vereinigung Deutschlands in Freiheit und Frieden" gewürdigt. Worin bestand dieser Beitrag?

Schorlemmer: Der Beitrag bestand darin, dass er, seit er Außenminister war, unablässig durch die Welt gereist ist - ich weiß nicht, welchen Ort er nicht besucht hat - und dafür geworben hat, dass wir zur Entspannung, zur Abrüstung, zur Entfeindung kommen. Dass das gespaltene Europa aufhört, dass die Feindbildpflege aufhört, dass die Waffen abgebaut werden. Er ist der große Reisediplomat Deutschlands gewesen, der in vielen Ländern ein positives Verhältnis zu Deutschland befördert, wenn nicht gar geschaffen hat.

Ich finde es sehr richtig, wenn der Bundespräsident Genschers Beitrag besonders hervorhebt. Er ist mindestens auf der gleichen Stufe wie der Beitrag Bundeskanzlers Kohl, wie auch Willy Brandts und Egon Bahrs der Vorbereitung der Entspannung. Ohne Entspannung wäre es auch nicht zur Einheit gekommen. Genscher war für mich auch jemand, der glaubwürdig ein deutscher Patriot war, und das als Europäer.

Genscher war ein Mann einer gewissen Prinzipientreue - auch wenn er den Schwenk der FDP seinerzeit von den Sozialdemokraten zur CDU mit vollzogen hatte, im Grunde auch den Schwenk seiner Partei, der FDP, von einer sozialmarkt-orientierten zu einer neoliberalen Partei. Welchen Prinzipien war er denn eigentlich die ganze Zeit so treu?

Schorlemmer: Er wollte gern, dass die FDP nicht eine Ein-Punkt-Partei wird, also nicht nur das Wirtschaftsliberale, sondern auch den liberalen Gedanken hoch hält. Dafür ist er eingestanden, auch nach dem Wechsel, der sogenannten Wende von 1982. Aber er stand für einen Satz, den er oft wiederholt und den er auch gelebt hat: "Man muss nicht alles sagen, aber was man sagt, das muss stimmen." Und das konnte er: Bei jedem Interview eine Antwort geben auf eine nicht gestellte Frage - und der Zuhörer hat den Eindruck, er hätte auf die Frage geantwortet.

Als Außenpolitiker war Genscher ein durch und durch großer Staatsmann, als FDP-Vorsitzender auch ein Machtpolitiker, der immer an der Spitze gestanden hat. Grundsätzlich gilt aber auch, dass er sich - neben "Großmäulern" wie Herbert Wehner, Helmut Schmidt aber auch Franz-Joseph Strauß - als ein etwas ruhigerer Zeitgenosse dargestellt hat. Was bei seiner persönlichen Geschichte eher verwundert: Wie kam er zu dieser Haltung?

Schorlemmer: Letztlich ist es auch eine Grunddemut gewesen, bei aller Schlitzohrigkeit hatte er doch eine große Bescheidenheit - was nicht heißt, dass er sich nicht inszenieren konnte. Was ihn auszeichnete, war, dass er - bei allen Strippenziehern - für alle, über die parteipolitischen Grenzen hinweg, ein verbindlicher, verbindender und gewinnender Mensch war. Ich habe aus meinen Begegnungen mit ihm gar keinen Anlass, irgendetwas Kritisches auf den Weg zu werfen.

Was wird Ihnen am meisten fehlen - und was wird Deutschland am meisten fehlen?

Schorlemmer: Diese unverwechselbare historische Persönlichkeit wird uns fehlen. Aber mir wird sein zugewandtes Lachen und die Erdung seiner politischen Auffassung fehlen - und dass er immer wusste, was Politik machen kann und was nicht. Das heißt, er wusste auch um die Grenzen politischen Handelns und hatte dennoch auch liberale Prinzipien.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 01.04.2016 | 19:00 Uhr

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