Stand: 09.09.2020 15:43 Uhr

Frankfurter Buchmesse - was bleibt davon übrig?

Die Frankfurter Buchmesse wird in diesem Jahr völlig anders aussehen als je zuvor: Es wird keine Messestände in den Hallen geben, die Verlage werden sich also nicht dem Publikum präsentieren, auch der direkte Austausch zwischen Verlagsmenschen entfällt. Trotzdem beharrt die Buchmesse darauf, unter den gegebenen Umständen gut gerüstet zu sein. Was ist davon zu halten? Fragen an Ulrich Kühn, den Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur.

Herr Kühn, was bleibt denn von einer Buchmesse übrig, die ohne Verlage auskommen muss?

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
"Von einer eigentlichen Messe kann nicht mehr die Rede sein", findet Ulrich Kühn.

Ulrich Kühn: Bis gestern konnte man noch denken, das wird eine schlanke, eine dünne, vielleicht eine klapperdürre Buchmesse, aber eben eine Buchmesse. Die meisten großen Verlage hatten im Frühjahr abgesagt, an einen schönen Gastland-Auftritt Kanadas war auch längst nicht mehr zu denken. Das heißt, dass solche Glanzlichter wie der Besuch von Margaret Atwood ausfielen. Aber die Messe sollte trotz allem stattfinden. Es sollte auch Messestände geben, Gemeinschaftsstände mehrere Verlage etwa. Immerhin 750 Verlage wollten kommen, auch etliche aus dem europäischen Ausland - eine "Special Edition" hat man das getauft, unter strengen Hygieneauflagen. Das ist jetzt passé.

Wenn es gut geht, dann bleibt von dem schönen alten Wort "Buchmesse" noch der erste Teil präsent, also das Buch, die Literatur. Aber von einer eigentlichen Messe, einer physischen Leistungsschau der Wirtschaftsunternehmen, die Verlage ja nun einmal auch sind, kann gar nicht mehr die Rede sein. Diese "traditionelle Tauschbörse des Geistes", wie das auch gerne genannt wurde, wandert ab ins Virtuelle, ist um ihr wesentliches Element beraubt, den Austausch der lebendigen Menschen. Da betritt also statt einer dünnen Messe so eine Art Corona-Gespenstergerippe die Bühne - das ist schon merkwürdig. Aber wenn es gut geht, dann soll das paradoxerweise ein sehr lebendiges Gerippe werden.

Also eine Messe, die keine Messe ist, aber trotzdem eine lebendige Veranstaltung - wie soll das denn gehen?

Kühn: Die Buchmessen-Macher können einem schon ein bisschen leidtun. Plan B ist jetzt fehlgeschlagen, aber sie haben Plan C, und darauf sind sie auch einigermaßen stolz. Der sei gut, der sei ausgeklügelt. Dieser Plan besteht aus einem umfassenden Online-Angebot mit digitaler Handelsplattform, wo, fast wie Messebetrieb, Angebot und Nachfrage zusammenfinden. Vor allem aber soll es Live-Veranstaltung geben - durch diese Möglichkeit, Autorinnen, Autoren und Prominente live zu erleben, hat die Frankfurter Buchmesse immer Hunderttausende angelockt. So bekommen die Bücher Öffentlichkeit, und das soll auch in diesem Jahr so sein, nur nicht im Gewusel und Gewirr der Messehallen, sondern in viel kleinerem Umfang: mehr als 80 Veranstaltungen in der Stadt, dazu Gespräche und Lesungen in der Festhalle, in die 450 Menschen hinein dürfen - ein gar nicht so kleines Publikum. Man muss sehen, ob dieses Angebot angenommen wird. So hofft die Buchmesse auch darauf, den Dialog über Meinungsfreiheit, über Publikationsfreiheit weiterführen zu können, der ihr in den vergangenen Jahren immer wichtig war. Das alles wird über digital in alle Welt weiter verbreitet.

Es kommen also durchaus Autorinnen und Autoren nach Frankfurt. Das bedeutet vermutlich, dass auch unsere Literaturredaktion nicht zu Hause sitzen wird, oder?

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Kühn: Das ist ein messerscharfer Schluss und auch noch zutreffend. Für Journalistinnen und Journalisten sind ungewöhnliche Zeiten sowieso interessant. Man schaut, man berichtet, man ordnet ein, man kommentiert. Wir selbst sind aber auch Ermöglichungsmenschen aus Leidenschaft: Wir planen zwei Gesprächsrunden auf der ARD-Bühne in der erwähnten Festhalle. Da werden am Messe-Mittwoch der Kritiker Ijoma Mangold und die junge Autorin Verena Keßler zu Gast sein, beide mit frischen Büchern. Am Freitag gibt es dann mit den Roman-Debütantinnen Laura Lichtblau und Katharina Köller sowie mit Hilmar Klute und dessen zweitem, sehr schön geschriebenen Roman "Oberkampf" eine weitere lebhafte Runde. Beides findet natürlich auch ins Programm, übrigens auch die sogenannte ARD-Buchmessennacht am Messe-Freitag.

Dass da Verlagsempfänge und Partys ausfallen, darüber werden einige in der Branche ein Schmerzenstränchen verdrücken - aber warum soll es uns da besser gehen als anderen? Vor allem muss man nämlich bedenken, dass die beiden großen Preise vergeben werden, die diese Messe rahmen: der Deutsche Buchpreis und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wenn es gut geht, bleiben es doch recht glanzvolle Tage für die Literatur.

Die Leipziger Buchmesse wurde bereits abgesagt, und die Messe in Frankfurt wird gar keine richtige Messe. Was bedeutet das für den Literaturbetrieb, vielleicht sogar über Corona hinaus?

Kühn: Darüber wird in der Verlagsbranche, unter den Menschen, die mit Büchern zu tun haben, viel geredet. Die Vermutung geht dahin, dass das über die Corona-Zeit hinaus eine ganze Menge bedeutet. Das beschleunigt Entwicklungen, die sich schon angebahnt haben. Man muss bedenken, dass es die Frankfurter Buchmesse seit 1949 gibt, die Leipziger Messe schon seit dem 17. Jahrhundert. Das sind traditionsbehaftete Veranstaltungen, die sich jetzt in so einem Wandelsdruck befinden. Der allgemeine Trend ins Digitale wird eindeutig beschleunigt. Einen Stand bei so einer Buchmesse zu haben, ist teuer; das ist für kleine Verlage eine richtige Investition. Und da es in der Branche einen Spardruck gibt - die Umsätze sind noch halbwegs stabil, aber immer weniger Menschen kaufen Bücher -, wird diese Möglichkeit auch genutzt werden.

Man könnte sich vorstellen - das ist eine Überlegung, die immer wieder laut wird -, dass sich diese Messen stärker zu Lesefesten entwickeln, so wie das in Leipzig eh schon der Fall ist. Die Leipziger Buchmesse ist auf Ende Mai 2021 verschoben - das ist bereits eine Reaktion auf diese Entwicklung: Dann wird es wärmer sein und man kann, wenn es nötig ist, auch im Freien Lesungen veranstalten. Und in Frankfurt könnte der Zug auch in diese Richtung fahren. Gute Bücher wird es weiterhin geben, gute Geschichten werden die Menschen interessieren. Aber insgesamt ist da schon eine kräftige Wandlung im Gange.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Frankfurter Buchmesse - was bleibt davon übrig? (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.09.2020 | 18:00 Uhr