Stand: 28.05.2020 16:27 Uhr  - NDR Kultur

Frankfurter Buchmesse findet "deutlich reduzierter" statt

Viereinhalb Monate vor der geplanten Eröffnung hat der Aufsichtsrat der Frankfurter Buchmesse beschlossen, die diesjährige Ausgabe im Oktober stattfinden zu lassen - Corona hin oder her. Ein Gespräch mit dem Messedirektor Juergen Boos.

Herr Boos, derzeit ist die Versammlungsfreiheit Corona-bedingt noch sehr weit eingeschränkt und man weiß nicht, wie die Lage im Herbst sein wird. Sie haben aber trotzdem beschlossen, die Frankfurter Buchmesse stattfinden zu lassen. Ist das verantwortbar?

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"Wir haben ein Gesundheitskonzept entwickelt, unter dem man die Frankfurter Buchmesse abhalten kann", sagt Juergen Boos.

Juergen Boos: Ja, das ist verantwortbar. Wir haben in den letzten Monaten mit unseren Ausstellern, den Verlagen und vielen Autoren gesprochen, die sich alle diese Buchmesse wünschen. Ich konnte mir das auch erst mal nicht vorstellen, und wir haben an virtuellen Formaten gearbeitet. Aber in den letzten vier Wochen haben wir mit dem Gesundheitsamt in Frankfurt, den Behörden in Wiesbaden, unterstützt von Stadt und Land, ein Gesundheitskonzept entwickelt, unter dem man die Frankfurter Buchmesse abhalten kann.

Ein Gesundheitskonzept für die Aussteller und die Besucher?

Boos: Für die Aussteller, die Fachbesucher und für das Publikum. Dieses Gesundheitskonzept sieht vor, dass wir mit dem Messegelände atmen. Wir rechnen mit einer deutlich kleineren Messe, weil wir nicht sehen, dass die Kollegen aus Nordamerika oder aus Asien reisen können - es wird also eine sehr europäische Messe sein. Wir können die Gänge breiter machen, wir können Veranstaltungen in anderen Räumen abhalten - da gibt es viele Möglichkeiten, die uns vom Gesundheitsamt bestätigt wurden.

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Boos: Auch da sehe ich diese Reisebeschränkungen. Kanada ist - insbesondere im französischsprachigen Teil - sehr stark von der Pandemie betroffen. Wir können im Moment auf virtuelle Formate setzen, an denen wir gemeinsam mit dem Gastland arbeiten. Ich hoffe auch, dass sich einige kanadische Autoren in Europa aufhalten.

Können Sie schon absehen, wie viele Teilnehmer aus Europa doch nicht kommen?

Boos: Erst mal kann ich absehen, wer mir zugesagt hat. Wir wissen natürlich nicht, wie sich das verändern wird. Ich gehe davon aus, dass sich die Messe von der Fläche, von der Präsenz her um zwei Drittel reduzieren wird. Wir werden also eine deutlich reduzierte, aber eine fokussierte Messe haben. Dadurch, dass wir die Messe in die Stadt tragen, erwarten wir aber, dass wir ein größeres Publikum in der Stadt in Form von einem Literaturfestival erreichen werden. Wir haben außerdem in den letzten zwei Jahren virtuell sehr stark aufgerüstet und werden mit diesen Formaten auch einen großen Kreis erreichen können. Auch durch die Unterstützung der deutschen Medien: durch Radio und vor allen Dingen durch Fernsehen.

Sie haben auf der Pressekonferenz angekündigt, dass große Verlagshäuser aus Deutschland nicht kommen werden. Wie wird sich das aufs Publikum auswirken?

Boos: Die Buchmesse lebt von ihrer Vielfalt, und die Vielfalt stellen gerade die kleineren und mittleren Verlage her. Mit den großen Verlagen sind wir über eine Präsenz für das Publikum im Gespräch: Wir werden mit Autorenformaten arbeiten, und wir werden die Präsenzen der großen Publikumsverlage über deren Autoren herstellen, in Frankfurt, aber auch in den Medien.

Ist das Ganze womöglich auch eine Haftungsfrage? Wenn Sie die Messe absagen würden, müssten Sie auch die entstehenden Kosten tragen. Würde es aber die Stadt Frankfurt oder das Land Hessen tun, dann müssten die das tragen. Es scheint fast ein bisschen bockig, auf Biegen und Brechen an dem Konzept festzuhalten.

Boos: Nein, das ist nicht bockig, sondern das ist das, was uns das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt, die Landesregierung und der Oberbürgermeister ermöglichen.

Böse Zungen behaupten, dass gerade der Oberbürgermeister ein gesteigertes Interesse daran hat, die Buchmesse in diesem Jahr auf jeden Fall stattfinden zu lassen, um möglicherweise Ersatz zu schaffen für die Internationale Automobil-Ausstellung, die nicht mehr in Frankfurt stattfindet.

Boos: Nein. Die Buchmesse hat einen ganz anderen Charakter. Es geht in erster Linie darum, für die Branche da zu sein. Uns haben keine finanziellen Erwägungen getrieben, sondern dass die großen B2B-Buchmessen, die es neben Frankfurt gibt, in diesem Jahr ausgefallen sind. Die Branche braucht ein Treffen, um ihr Geschäft voranzutreiben, aber auch, um kreativ zu sein.

Die Buchmesse in Leipzig wurde kurz vor Eröffnung abgesagt. Kann das in diesem Fall auch noch drohen?

Boos: Das kann auf jeden Fall drohen. Sobald sich die Vorzeichen verändern, werden wir die Messe - zumindest als Präsenzformat - absagen und werden dann ganz aufs Virtuelle setzen. Das ist nicht auszuschließen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse,  während der Eröffnungs-Pressekonferenz der Buchmesse. © dpa Foto: Arne Dedert

Frankfurter Buchmesse findet "deutlich reduzierter" statt

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Trotz der Corona-Pandemie soll die Frankfurter Buchmesse im Oktober - in reduzierter Form - stattfinden. Messedirektor Juergen Boos erklärt im Interview, wie das aussehen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.05.2020 | 19:00 Uhr

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