Jüdisches Museum Frankfurt © dpa Foto: Boris Roessler

Frankfurt: Jüdisches Museum feiert Neueröffnung

Stand: 21.10.2020 15:41 Uhr

Nach einer fünfjährigen Umbauphase ist das Jüdische Museum in Frankfurt wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Gespräch mit der Direktorin des Hauses, Mirijam Wenzel.

Frau Wenzel, aus norddeutscher Sicht könnten man sagen: Was interessiert uns ein jüdisches Museum in Frankfurt? Trotzdem sorgt es nicht nur national, sondern auch international immer wieder für viel Aufsehen. Warum?

Mirijam Wenzel: Das hat zum einen damit zu tun, dass wir das erste kommunale jüdische Museum waren, das 1988 eröffnet hat. Mit uns ist also ein ganzes Feld entstanden, das von uns maßgeblich mitgeprägt wurde: das Feld der jüdischen Museen, die damit verbundene Museologie und Auseinandersetzung, die in den 80er- und 90er-Jahren nicht die gleiche war wie heute.

Die Aufmerksamkeit hat auch damit zu tun, dass wir ein europäisch-jüdisches Museum in Frankfurt sind. Die Geschichten, die wir hier erzählen, sind von europäischer Bedeutung. Frankfurt war ein Zentrum jüdischen Lebens, von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, was europaweit wahrgenommen wurde. Als ein ebensolches Zentrum wollen wir es mit der Wiedereröffnung wieder sichtbar machen.

Das Museum wurde am 9. November 1988 eröffnet. Wir schreiben das Jahr 2020 - in welchem Klima findet diese Wiedereröffnung statt und was signalisiert sie?

Mirijam Wenzel © dpa Foto: Andreas Arnold
"Die Geschichten, die wir hier erzählen, sind von europäischer Bedeutung", sagt die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirijam Wenzel.

Wenzel: Wir haben uns in der Größe verdoppelt, und das ist ein ganz starkes politisches Signal, das die Stadt Frankfurt und auch das Land Hessen setzt, indem es uns unterstützt. Es ist ein politisches Signal, einzustehen für eine Kultur der Offenheit, der Diversität, für eine Auseinandersetzung mit Unterscheidungen voneinander und für eine offene Gesellschaft. Und das in Zeiten zunehmender Polarisierung, Hass und der Hetze. Diese Aussagen sind von bundesweiter, europaweiter Bedeutung. Denn das Klima des Hasses und der Hetze gegen das, was als anders wahrgenommen wird, ist etwas, was wir auch in anderen europäischen Ländern finden.

Architektonisch trifft im Jüdischen Museum alt auf neu. Was steht für was?

Wenzel: Wir haben mit dem wunderbar gelungenen Neubau eine dezidiert zeitgenössische Setzung - das ist auch das Entree des Museums. Wenn man den Neubau betritt, dann öffnet er sich in wundersamer Weise zum Himmel hin, und es gibt überraschende Durchblicke. Da machen wir unsere Wechselausstellungen, da gibt es den öffentlichen Teil des Museums, den man kostenfrei besuchen kann: etwa die Literaturhandlung von Rachel Salamander oder unsere öffentlich zugängliche Bibliothek mit einem großen Bestand an Kinder- und Jugendliteratur zu unseren Themen.

Wenn man die Dauerausstellung sehen will, betritt man den historischen Teil - das Rothschild-Palais, eines der Wohnhäuser der Familie Rothschild, ein klassizistisches Palais aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was als Wohnhaus wieder restauriert wurde. Das ist das größte Exponat unserer Dauerausstellung. Dieses Spannungsverhältnis zwischen zeitgenössischen Setzungen, die das Vorzeichen sind, und historischen Objekten kennzeichnet unsere Dauerausstellung.

Was ist in dem modernen Teil im Moment zu sehen?

Wenzel: Die Wechselausstellung, die wir morgen eröffnen, heißt "Die weibliche Seite Gottes". Sie schlägt einen kulturhistorischen Bogen von archäologischen Funden aus der Zeit des antiken Israel bis in die Gegenwart. Die Frage, die diese Ausstellung stellt, lautet: Wohin sind die Aspekte verschwunden, die früher mit den Göttinnen assoziiert wurden? Wohin sind sie verschwunden in der Vorstellung des einen Gottes? In der jüdischen Tradition gibt es die Vorstellung Gottes Einwohnung auf Erden, die Schechina. Die soll in der Diaspora auch präsent sein, wenn gebetet wird. Das ist ein weiblicher Begriff. Wir zeichnen also nach, wie in diesem weiblichen Begriff, insbesondere auch in der Kabbala, etwas nachklingt, was früher mit den Göttinnen assoziiert wurde. In dem Christentum kann man das an der Figur der Maria nachvollziehen, die im übrigen ein enges Bezugsverhältnis zu den Vorstellungen der Schechina hat. Das ist die kulturhistorische Spur, und dazu gibt es Kommentare oder Interpretationen durch zeitgenössische Kunstwerke.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Jüdisches Museum Frankfurt © dpa Foto: Boris Roessler

AUDIO: Frankfurt: Jüdisches Museum feiert Neueröffnung (6 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.10.2020 | 18:00 Uhr