Stand: 02.05.2018 11:12 Uhr

Sätze wie Waffen: "Fountainhead" am Thalia

von Peter Helling

Es gibt Bücher, die machen Karriere - "Fountainhead" ist so eins. Das Besondere daran? Es wurde 1943 von Ayn Rand geschrieben, einer russischen Emigrantin in den USA, und ist so was wie die Bibel der Neo-Konservativen in den Vereinigten Staaten. Ein Plädoyer gegen den Sozialstaat, gegen Mitmenschlichkeit. Was zählt: das Ego. Kapitalismus pur. Im Umkreis Donald Trumps wird das Buch verehrt. Jetzt ist es auch auf der Bühne des Thalia Theaters gelandet.

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Jörg Pohl spielt Peter Keating, einen mittelmäßigen Karrieristen.

Diese Sätze klingen wie Waffen: "Was wir wirklich brauchen, wir alle: Wir brauchen Meister und Sklaven!" Der Meister, das ist hier Howard Roark, gespielt von Jens Harzer - ein genialer Architekt, aber ohne Aufträge. "Ein Schöpfer erschafft, ein Parasit borgt sich nur aus." Der sogenannte Parasit: Peter Keating, ein mittelmäßiger Karrierist. Er lässt sich immer wieder von seinem genialen Freund bei seinen Entwürfen helfen und wird dabei reich. Jörg Pohl spielt ihn als getriebenen Ehrgeizling mit blondierten Haaren. Er macht es toll.

Kapitalismus ohne Mitleid

Hinten auf der Bühne, die entfernt an ein riesiges Architekturloft erinnert mit einem gläsernen Zeichentisch, hängt ein großes Gitterfenster. Die Scheiben sind aus Eis. Es tropft, es schmilzt und wird am Ende eines sehr langen vierstündigen Abends verschwunden sein. Man weiß es schon in der ersten Minute.

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Die Bühne erinnert an ein Architekturloft.

"Fountainhead" von 1943 - für einige sehr wichtige Menschen in den USA ist es das Buch der Bücher. Es predigt Kapitalismus ohne Mitleid, ohne Fürsorge. Es gibt Parallelen zur Welt heute. Welche Haltung hat Regisseur Johan Simons zu diesem Stoff? Der Abend gerät zur wortlastigen Huldigung des Geniekults von Männern, die über Leichen gehen. Hier zeigt keiner Gefühl, bis auf die etwas trutschige Verlobte des unbegabten Architekten Peter Keating. Überhaupt das Frauenbild: In diesem Stück herrschen die Männer. Nur eine, die eignet sich die Männerwaffen an. Ein von der Welt gelangweilter Vamp. Marina Galic spielt ihn hervorragend.

Unerträglich eitel

Jens Harzer ist ein großartiger Schauspieler. Wenn er sich durchs ölige Haar fährt, wenn er zu einem Jazz-Stück eine Lufttrompete spielt oder sich verdächtig oft zwischen die Beine greift: Das wirkt so unerträglich eitel, dass man kaum hinsehen will. Zur Rolle des Genies passt es bestens.

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Jens Harzer gibt den Howard Roark sehr überzeugend.

Immer wieder kommen minutenlang Parolen wie: "Was würde denn aus der Welt werden ohne diejenigen, die handeln, produzieren, träumen, denken, arbeiten? Ich finde, das sind die wahren egozentrischen Menschen." Oder: "Ich glaube überhaupt nicht an die edlen Zielsetzungen des sozialen Wohnungsbaus." Dass es zwischendurch sogar Szenenapplaus für Texte gibt, die einem Donald Trump oder seinem Ex-Berater Stephen Bannon aus dem Twitter-Finger hätten fließen können, sollte der Regie zu denken geben.

Brisant und gefährlich

Theater muss keine moralische Schule sein - aber es sollte schon zum Zweifeln anregen, Denkmuster überwinden. Dieser hochbrisante und gefährliche Stoff hätte verdichtet werden und in die Gegenwart übersetzt werden müssen, anstatt ihn ehrfürchtig einfach nur abzubilden. Eine verpasste Chance. Dennoch: Riesenapplaus aus dem Publikum.

Sätze wie Waffen: "Fountainhead" am Thalia

Das Buch "Fountainhead" ist so etwas wie die Bibel der Neo-Konservativen in den USA. Die Umsetzung am Thalia Theater bildet den Inhalt nur ehrfürchtig ab - eine verpasste Chance.

Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor
20095  Hamburg
Preis:
Von 10 bis 52 Euro
Öffnungszeiten:
Tageskasse
Montag bis Sonnabend von 10 bis 19 Uhr
Sonn- und Feiertage von 16 bis 18 Uhr
Kartentelefon (040) 32 81 44 44

Abendkasse
Die Abendkasse ist eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet, Reservierungen werden 30 Minuten vor Beginn frei gegeben.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 30.04.2018 | 06:00 Uhr

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