Stand: 20.06.2019 19:26 Uhr

Politische Botschaften auf dem Kirchentag

Der 37. Evangelische Kirchentag in Dortmund ist eröffnet. Bis Sonntag wird gebetet, gefeiert, debattiert. Florian Breitmeier, Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft, berichtet aus Dortmund.

Herr Breitmeier, die ersten Podien haben schon stattgefunden. Wo waren Sie dabei, was haben Sie sich angehört?

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Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Florian Breitmeier: Ich habe ganz klassisch mit einer Bibelarbeit angefangen - sie hat ja Tradition auf den Protestantentreffen. Viele Tausende Menschen waren in der Halle, und der Journalist Giovanni di Lorenzo hat dort über Vertrauen und den Zusammenhalt in der Gesellschaft gesprochen. Es gab auch eine sehr spannende Veranstaltung, wo es um das Zukunftsvertrauen in die Moderne ging. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach dort über Demokratie und Digitalisierung. Außerdem habe ich eine Veranstaltung mit dem Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, gesehen, wo es um die Flüchtlingspolitik ging und wie Europa mit dieser Herausforderung umgehen kann. Sehr spannende, sehr politische Diskussionen in Dortmund.

Der Kirchentag ist ja mit dem Motto überschrieben: "Was für ein Vertrauen". Ein Leitsatz, der sicher auch in der einen oder anderen Diskussion eine Rolle gespielt haben wird - bei so vielen Veränderungen, die wir gerade erleben. Wie reagiert der Kirchentag darauf?

Breitmeier: Das war bei dem großen Podium in der Westfalenhalle, wo Bundespräsident Steinmeier gesprochen hat, eine sehr virulente Frage: Was geschieht eigentlich, wenn Vertrauen in einer Gesellschaft erodiert, wenn Grenzen verschwimmen zwischen dem Sagbaren und dem Unsäglichen, wenn im Internet Häme geäußert wird, wenn Nichtigkeiten zum Shitstorm werden? Wie läuft dieser Diskurs eigentlich im Netz? Ich fand es sehr spannend, dass der Bundespräsident nicht so alarmistisch oder kulturpessimistisch reagiert hat und den technischen Fortschritt nicht als ein unbezähmbares Monster dargestellt hat, sondern vielmehr den Willen zur Veränderung, den Mut, Dinge anzugehen, in den Mittelpunkt gestellt hat. Er sprach davon, dass es nicht um die Digitalisierung der Demokratie gehe, sondern dass wir die Demokratisierung der Digitalisierung betreiben. Er sprach auch von einer gewissen Ethik innerhalb der Digitalität, einer Ethik der Freiheit - und da war man schnell bei der großen Philosophin Hannah Arendt, die davon gesprochen hat, dass der Sinn der Politik die Freiheit sei. Man muss sich vor dem Fortschritt nicht ängstigen, er gibt unheimliche Chancen zum Gestalten. Aber es bedarf immer wieder des Eingriffs der Zivilgesellschaft. Das war bei diesem Podium besonders deutlich.

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Flüchtlingspolitik steht in Dortmund auch auf der Agenda: Der Bürgermeister von Palermo Leoluca Orlando wurde kurzfristig nach Dortmund eingeladen. Gerade in Sizilien ist das Thema "Flüchtlingspolitik" sehr virulent, und Orlando ist ein sehr entschlossener Bürgermeister in dieser Sache. Welche Botschaft hat er aus Sizilien mitgebracht?

Breitmeier: Das war vor allen Dingen eine Botschaft an Europa. Es geht in einem ganz konkreten Fall darum, dass derzeit noch 43 Geflüchtete auf dem Schiff "Sea-Watch 3" vor Lampedusa liegen und nicht an Land gehen können, weil innerhalb der Europäischen Union noch nicht geklärt ist, wo diese geflüchteten Menschen hin können. Es gibt Kommunen in Deutschland, wie Kiel, Rottenburg in Baden-Württemberg oder Düsseldorf, die diese Menschen gerne aufnehmen würden, aber das Bundesinnenministerium hat bislang noch Vorbehalte. Und hier war der Kirchentag sehr politisch, weil der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm Orlando nach Dortmund geholt hat, um in dieser Frage Druck auf die Politik auszuüben. Orlando hat deutlich gemacht, dass für ihn das, was im Mittelmeer passiert, eine Schande für Europa sei. Die italienische Regierung, die derzeit von dem rechtspopulistischen Innenminister Matteo Salvini besonders geprägt wird, unternehme nichts gegen Migranten, so Orlando, sondern agiere gegen die Menschlichkeit. Also auch hier eine sehr politische Botschaft, die der Kirchentag hatte.

Am Donnerstagvormittag gab es eine Veranstaltung zum Antisemitismus in Deutschland. Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung war zu Gast, der erst vor kurzem mit seiner Äußerung, dass er nicht empfehlen könne, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen, viel Kritik ausgelöst hatte. Hat er sich auf diese Äußerung noch einmal bezogen?

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Breitmeier: Felix Klein hat schon deutlich gemacht, dass er mit seiner Äußerung kein Alarmismus betreiben wollte, sondern dass die Wichtigkeit dieses Themas Antisemitismus und sich ihm entgegenzustellen, weiterhin ein wichtiges Anliegen ist. Denn es sind ja nicht nur die Ränder in der Gesellschaft, die antisemitische Vorbehalte haben, sondern dass der Judenhass auch ein Problem aus der Mitte der Gesellschaft heraus ist, wenn man beispielsweise bei Verschwörungstheorien oder bei Witzen über Juden nicht entschieden genug auftritt.

Es ist interessant, dass es sehr viele Veranstaltungen zu diesem Thema in Dortmund gibt. Auch wurde hier angemerkt, dass es wichtig sei, sich mit dem muslimischen Antisemitismus auseinanderzusetzen. Eine Podiumsveranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurde abgesagt, auf der zwei Sympathisanten der israelkritischen BDS-Bewegung auftreten sollten. Da sagte der Kirchentag, man habe da eine klare Haltung, und die Stiftung hat sich dafür entschieden, die Veranstaltung abzusagen. Es sind also politische Zeiten, und der Kirchentag stellt die Vertrauensfrage in vielerlei Hinsicht. Bislang ist es ein Forum für spannende Diskussionen hier in Dortmund.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.06.2019 | 19:00 Uhr

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