Stand: 26.09.2019 19:15 Uhr

Bischofskonferenz: Es brodelt gewaltig

In Fulda ist die Deutsche Bischofskonferenz zu Ende gegangen. Zum Auftakt demonstrierten jede Menge Katholikinnen und forderten mehr Rechte in der katholischen Kirche. Auf der Tagesordnung stand unter anderem der Synodale Weg, also der Umgang der katholischen Kirche mit dem sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen und der Streit darüber mit dem Vatikan. Florian Breitmeier, Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft von NDR Kultur, hat die Vollversammlung verfolgt.

Herr Breitmeier, fangen wir mit den Katholikinnen und der Gleichberechtigung in der katholischen Kirche an: Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, hat gleich zu Beginn klargestellt, dass man da nichts übers Knie breche könne. Da dürfe niemand in fünf bis zehn Jahren mit Veränderungen rechnen. Der Mann scheint in Ewigkeitskategorien zu denken - oder wie erklären Sie sich so eine Aussage?

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Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Florian Breitmeier: Kardinal Marx hat sich dabei auf die Frage konzentriert, ob eine Weihe von Frauen zu Priesterinnen möglich ist. Dort hat er auf eine Entscheidung von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1994 verwiesen, der diese Diskussion um die Weihe von Frauen für beendet erklärt hat. Nun ist dieser Synodale Weg so angelegt, dass man über die Fragen Gleichberechtigung, Rolle der Frau in der Kirche, Sexualmoral, Machtfragen und Partizipation diskutieren will. Ich kann mir die Schärfe in der Aussage von Kardinal Marx nur so erklären, dass er, bevor dieser Reformprozess beginnt, erst mal klare Kante ziehen will, damit die Diskussionen überhaupt beginnen können. Damit es nicht ein permanentes Sperrfeuer von Teilen der Kurien in Rom und von konservativen Oberhirten gibt, die sagen: Die deutschen Katholiken wollen tatsächlich bei der Frage, welche Rolle die Frauen spielen sollen, Entscheidungen treffen, die eigentlich nur dem Papst zustehen oder die weltkirchlich geklärt werden müssen.

Die weltliche Gesellschaft scheint mittlerweile viel weiter zu sein. Hängt da der Katholizismus jetzt ein bisschen hinterher?

Breitmeier: Es brodelt schon gewaltig. Es gab ja Katholikinnen, die auch in Fulda demonstriert haben: Maria 2.0, eine Organisation von katholischen Frauen, die auch innerhalb der Kirche organisiert sind. Das sind also nicht irgendwelche Frauen, die wild irgendetwas fordern, sondern sie wollen Verantwortung in der Kirche übernehmen. Sie sagen, sie prägen das pastorale Gesicht der Kirche und wollen nun auch etwas innerhalb der Kirche bewegen. Die Frage, ob sie beispielsweise zu Diakoninnen geweiht werden können, ist eine sehr zentrale innerhalb der Kirche, und ich denke, dass auch ein großes Interesse der Oberhirten darin besteht, sich diesem Thema zu stellen. Wenngleich man in dieser Frage keine Beschlüsse nach ein, zwei Jahren erwarten kann.

Ein anderes großes Thema war der richtige Umgang mit dem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche. Der Vorsitzende Reinhard Marx hat vor einiger Zeit schon den Synodalen Weg ausgerufen. Was ist das, und wo befindet sich die katholische Kirche da jetzt?

Breitmeier: Es ist durch die Missbrauchsstudie festgestellt worden, dass die Verbrechen, die Kleriker begangen haben, nicht nur die Taten von Einzelnen gewesen sind, sondern dass es systemische Ursachen gegeben hat, die dazu geführt haben, dass die Taten begangen werden konnten. Aber in der Folge auch, dass sie vertuscht werden konnten, dass verdrängt wurde. Deshalb will man sich diesen systemischen Ursachen innerhalb der Kirche stellen, nämlich der hierarchischen Struktur. Wie ist das eigentlich mit Macht? Wie es der Einfluss der Männer? Ist das männerbündisch organisiert? Wie stellt sich die Möglichkeit dar, Kontrolle und Kritik zu äußern? Wie ist die Rolle der Frau? Wie ist die Sexualmoral?

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Ich fand es in Bezug auf die Aufarbeitung, die Aufklärung der Verbrechen der Vergangenheit sehr interessant, dass nun zumindest zwei Entschädigungsmodelle im Raum stehen, wie das erlittene Leid nun neu berücksichtigt werden kann. Das eine ist ein pauschales Modell: eine Einmalzahlung von bis zu 300.000 Euro je Fall. Oder aber ein differenziertes Stufenmodell, das stärker auf den Einzelfall schaut: von 40.000 bis 400.000 Euro. Es wäre ein ganz großes Zeichen, wenn man nun tatsächlich vom bisherigen Modell der Anerkennungsleistung in Höhe von 5.000 Euro wegkäme und die katholische Kirche anerkennen würde, dass diese Verbrechen sexualisierter Gewalt ein Leben lang die Menschen prägen. Da sind ganze Erwerbsbiographien kaputtgegangen. Wenn das so käme, wäre das ein ganz großer Schritt nach vorn.

Aber da bewegen wir uns auf einem pekuniären Weg. Bewegt sich denn irgendetwas bei den Problemfeldern, wie etwa Machtstrukturen oder Sexualmoral? Das ist ja nicht in Heller und Pfennig aufzurechnen.

Breitmeier: Nein, überhaupt nicht. Das ist ja der Prozess des Synodalen Weges, der nun beginnt - mit Gläubigen, mit Laien aus der Wissenschaft, aus der Politik, aus der Kultur. Die Bischöfe wollen das gar nicht mehr untereinander klären. Die spannende Frage auf dem Synodalen Weg ist nun: Was kann die deutsche Ortskirche entscheiden? Was muss der Papst klären? Wo ist die weltkirchliche Ebene? Das ist immer ein altes Ringen zwischen den Entscheidungen vor Ort und der Zentrale in Rom. Viele deutschen Bischöfe waren sehr verärgert, dass ihnen unterstellt wurde, zumindest von Teilen der Kurie, sie würden da einen deutschen Sonderweg planen, sich möglicherweise abspalten und Entscheidungen treffen, die Rom nicht mitgehen kann. Das sehe ich in dieser Form innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz nicht.

Könnte das Kirchenvolk, das ja ohnehin immer kleiner wird, irgendwann auf die Barrikaden gehen und sagen: Unsere deutschen Bischöfe haben den Synodalen Weg eingeschlagen - aber wenn aus Rom und aus dem Vatikan immer wieder nur ein Nackenschlag kommt, dann kehren wir der Kirche den Rücken?

Breitmeier: Das kann passieren, und das passiert ja auch schon tausendfach. Allein im vergangenen Jahr sind fast 200.000 Menschen ausgetreten. Das sind auch viele Menschen, die zum Teil frustriert sind, dass sich innerhalb der katholischen Kirche nichts tut. Da ist also ordentlich Druck im Kessel - deshalb kommt es auch zu diesem Synodalen Weg. Ganz entscheidend wird sein, dass es am Ende dieses Weges tatsächlich Reformen und Veränderungen gibt. Denn wenn nur darüber gesprochen wird und am Ende nichts herauskommt und man auf einem Stand ist, den es auch schon vor 50 Jahren in Deutschland gegeben hat - Stichwort Würzburger Synode -, werden viele Gläubige in dieser Form nicht mehr mitmachen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | Journal | 26.09.2019 | 19:00 Uhr

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