Stand: 29.09.2019 11:39 Uhr  - Doku & Reportage

Sulaiman Tadmory: "Die Angst war immer da"

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NDR Volontär und Regisseur Sulaiman Tadmory filmte zwei Jahre lang sein Leben im belagerten Homs in Syrien.

Der Regisseur und NDR Volontär Sulaiman Tadmory ist 23 Jahre alt, als Assads Armee über Nacht die Altstadt von Homs in Syrien umstellt. Als er am nächsten Morgen aufwacht, lebt der Student in einer belagerten Stadt. Was das bedeutet, lernt er schnell: kein Essen, keine Medikamente, seine Familie nur wenige Hundert Meter entfernt - und doch unerreichbar. Mit seiner Kamera hält er all das fest, um der Welt zu zeigen, was in seiner Heimatstadt passiert. Der Dokumentarfilm "HOMS UND ICH" ist ein schmerzhaft persönlicher Film darüber, wie im Krieg aus der Angst zu sterben, eine Angst zu leben wird. Beim Filmfest Hamburg feierte der Film seine Premiere. Mayss Shehawi hat vorher mit Sulaiman Tadmory gesprochen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Situation in Homs zu dokumentieren?

Sulaiman Tadmory: Ich hatte bereits zwei Jahre lang Regie und Film in Beirut im Libanon studiert, als die Revolution in Syrien anfing. Ich habe dann entschieden, nach Syrien zurückzufahren, um die Situation mit meiner Kamera zu dokumentieren. Zwei Jahre lang war ich dann in Homs eingeschlossen und konnte nicht mehr in den Libanon zurück. Mit meinem Film wollte ich einfach der Welt zeigen, was in Syrien passiert ist.

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Tadmory filmte die Kinder auf ihrer Suche nach Gas zum Heizen und Kochen. Homs war für zwei Jahre beinahe vollständig von humanitärer Hilfe abgeschnitten.

Wie war es, unter Belagerung zu leben. Was war Ihre größte Angst?

Tadmory: Manches war kompliziert. Wir hatten keinen Strom, sondern einen Stromgenerator, der mit Diesel arbeitete. Ich hatte etwa eine halbe Stunde pro Tag, um meine Kamera, Laptop und Handy zu laden. Auch solche Probleme sind Teil des Films. 

Die Angst war immer da, egal wo ich war. Draußen oder Zuhause, egal ob ich gedreht oder nach Lebensmitteln gesucht habe: In jeder Minute dachte ich, "jetzt kommt eine Rakete und ich werde sterben". Wenn ich mit den Rebellen unterwegs war, oder die Flugzeuge filmte, die uns bombardiert haben, dachte ich immer: "Egal, ich habe nichts zu verlieren." Damit habe ich meine Angst beruhigt. Meine größte Angst war allerdings, verhaftet zu werden. Im Krieg gibt es drei Möglichkeiten: fliehen, sterben oder verhaftet werden. Letzteres heißt, Folter bis man stirbt, und das ist das Allerschlimmste.

Sie kamen im November 2015 nach Hamburg. Wie war Ihr Start in Deutschland?

Tadmory: Das erste Jahr war sehr schwierig und kompliziert. Ich war wie ein Kind, das alles von Null lernen muss. Dabei ging es auch um viele kleine Bedürfnisse, Regeln, die ich mir alleine erschließen musste. Richtige Bahntickets kaufen, eine Wohnung finden, neue Kontakte knüpfen. Ohne die Sprache war so vieles fast unmöglich. Aber ab dem zweiten Jahr hat alles irgendwie geklappt. Zack, zack, habe ich mich selbstständig gemacht: Führerschein, Auto und ich habe schon viel geschafft. Jetzt kann ich endlich sagen, hier in Deutschland fühle ich mich zu Hause.

Filmtipp: "Homs und ich" im NDR Fernsehen

Der Dokumentarfilm "Homs und ich" wird in der Nacht vom 26. November auf den 27. November um 00.00 Uhr im NDR Fernsehen gezeigt. Regisseur ist Sulaiman Tadmory, Sprecher Tom Schilling. Premiere feierte er auf dem Filmfest Hamburg.

Wie fühlen Sie sich damit, dass Ihr Film Premiere auf dem Filmfest Hamburg feiert?

Tadmory: Ich freue mich total, dass wir auf dem Filmfest Hamburg laufen. Ich bin einfach sehr aufgeregt.

Wie viel Arbeit bedeutete der Film? Hatten Sie viel Stress bei der Produktion?

Tadmory: Ja, wir hatten sehr viel Stress, und wir haben wirklich viel gearbeitet. Ich habe zwei Jahre lang gedreht, von 2012 bis 2014. Ich hatte also sehr viel Material. Es war sehr schwierig, nicht nur für mich, sondern auch für mein Team, das Material komplett durchzugucken.

Es war für mich persönlich auch gar nicht einfach, alles nochmal zu schauen. Ich hatte vier Jahre lang, bis 2018 die Szenen nicht angeguckt. Ich wollte das in dieser Zeit nicht tun. Ich musste dann während des Schnitts meinem Team, Katharina Schiele und Stephan Löhr, genau erklären und erzählen, was ich erlebt habe. Es gab zum Beispiel Filmszenen, in denen jemand gestorben ist, und jedes Mal, wenn ich diese Szenen erklären sollte, habe ich mich gefühlt, als wäre ich wieder in der Situation.

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Ein Mann aus Homs geht in Deckung, aus Angst vor einem Scharfschützenangriff. Tadmory begab sich bei seiner Arbeit immer wieder in Gefahr.

Haben Sie eine Botschaft, die Sie den Menschen mitgeben möchten, die Ihren Film sehen?

Tadmory: Wenn ich Nachrichten und Kommentare online lese, sagen die Leute manchmal: Es gab keinen Krieg in Syrien, alles ist "Fake". Oder sie sagen, es gebe auch jetzt keinen Krieg mehr. Das kann ich nicht verstehen und ich hoffe, wenn sie meinen Film sehen, dann negieren sie die Situation nicht mehr.

Es gibt auch Menschen, die wissen zwar über den Krieg Bescheid, haben aber bisher kein solches Tagebuch gesehen. Ich kann und möchte auch nicht immer wieder und jedem persönlich erzählen, was ich in Syrien erlebt oder gesehen habe. Durch den Film kann man hoffentlich verstehen, warum ich als Flüchtling in Deutschland bin.

Denken Sie darüber nach, neue Dokumentarfilme über den Krieg in Syrien zu produzieren?

Tadmory: Nochmal ein Film über Syrien? Nein, ich kann nicht mehr, ich habe keine Energie mehr dafür. Ich brauche jetzt Ablenkung und will lieber was ganz anderes machen.

Vermissen Sie Ihre Heimat und die Stadt Homs?

Tadmory: Ich vermisse Homs immer, und denke jeden Tag an Homs. Ich versuche aber, realistisch zu sein und glaube, ich werde Homs in den nächsten 20 Jahren wohl nicht wiedersehen.

Das Interview führte Mayss Shehawi.

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Doku & Reportage | 27.09.2019 | 00:00 Uhr

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