Stand: 11.06.2020 17:52 Uhr

Filmbranche: Licht am Ende des Tunnels

Am 1. April musste das Studio Hamburg - nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Dienstleistungsunternehmen rund um Film, Fernsehen und neue Medien - wegen der Corona-Krise 500 Mitarbeitende in Kurzarbeit schicken. Anfang April hat Johannes Züll, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Studio Hamburg Gruppe, bei NDR Kultur berichtet, was das bedeutet. Jetzt scheint der Kino- und Filmbetrieb langsam wieder loszulegen.

Herr Züll, sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?

Porträt von Johannes Züll, dem Chef von Studio Hamburg. © Studio Hamburg
"Wir arbeiten unter massiv erschwerten Bedingungen mit einem Maximum an Unsicherheit", sagt Johannes Züll.

Johannes Züll: Ja, wir sehen Licht am Ende des Tunnels, aber wir können noch nicht abschätzen, wie lang der Tunnel ist.

Wie ist im Moment der Stand der Dinge? Können Sie überhaupt Ihrer Arbeit nachgehen und zum Beispiel drehen?

Züll: Ja, wir haben wieder begonnen zu drehen und zwar unter den strengen Hygiene- und Abstandsregeln. Wir haben zum Beispiel in Lüneburg mit den "Roten Rosen" begonnen, in Hamburg mit "Notruf Hafenkante" und morgen starten wir mit den "Pfefferkörnern". Wir drehen also wieder in ganz Deutschland und halten alle Vorschriften ein, die wir uns teilweise selber gesetzt haben oder die wir mit dem Bundesministerium für Arbeit und der Berufsgenossenschaft gemeinsam als Branche erarbeitet haben.

Das heißt, die Schwierigkeiten mit den Drehgenehmigungen, von denen Sie seinerzeit berichtet haben, sind nicht mehr vorhanden?

Züll: Die Drehgenehmigungen gibt es wieder, auch im öffentlichen Raum. Wir haben am Anfang begonnen, die Arbeit in Studiosituationen wieder aufzunehmen. Das hat mehrere Vorteile: Man kennt die Studiosituation, man ist für sich und man kann baulich noch stärker eingreifen als im öffentlichen Raum.

Wie sind die Produktionsbedingungen im Moment? Können Sie sagen, dass Sie uneingeschränkt wieder so weiterarbeiten können wie vor der Corona-Krise?

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Züll: Nein, in keinster Weise. Wir arbeiten unter massiv erschwerten Bedingungen mit einem Maximum an Unsicherheit, weil man nicht weiß, wie es weitergeht. Zurzeit haben wir ja sehr gute R-Werte und eine niedrige Fallzahl an Infizierten in Deutschland. Von daher betrifft uns das im Großen und Ganzen als Gruppe weniger. Aber es gibt jetzt an jedem Set einen Hygienebeauftragten oder -beauftragte, der Betriebsarzt ist vor Ort, wir haben die Abstandsregelungen, wir haben überall Masken. Wenn man zum Beispiel einen Take macht, dann wird die erste Probe mit Maske gemacht - der Regisseur möchte aber sehen, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen. Das macht es alles sehr viel schwieriger, als wenn man normal arbeiten würde.

Können Sie schon abschätzen, wie groß der Schaden insgesamt war, den Sie in den vergangenen zweieinhalb Monaten erleiden mussten?

Züll: Nein, das ist schwer abzuschätzen. Wenn es gut läuft und es zu keiner zweiten Welle kommt, rechnen wir damit, dass es bei 20 bis 25 Prozent weniger Umsatz bleibt, im Verhältnis zu dem, was wir im vergangenen Jahr hatten. Damit wären wir gut bedient. Das hat natürlich auch massive Auswirkungen auf das Ergebnis, aber wir werden das von unserem Stammkapital alles vernünftig decken können. Wir versuchen uns gerade von unten in Richtung der Null wieder heranzuarbeiten.

Und die Fernsehserien drohen auch nicht zu reißen?

Züll: Nein, der Bedarf und die Nachfrage der Sender ist groß. Es macht jetzt Sinn, ein Ding nach dem anderen wieder zu beginnen. Das größere Problem wird der komplexe große Kinofilm werden. Da gibt es noch nicht so viele, die die Produktion im Kinobereich wieder aufgenommen haben. Ein weiteres großes Problem für uns alle ist, dass es keine Möglichkeit gibt, coronabedingte Unterbrechungen oder Abbrüche versicherungstechnisch abzufedern.

Sie beschäftigen viele freie Mitarbeiter, im künstlerischen, im technischen Bereich, auch was Zulieferer angeht. Können Sie abschätzen, wie groß der Schaden da war? Und lässt sich das jetzt alles reanimieren?

Züll: Wir wissen es noch nicht. Wir haben so viel wie möglich wieder auf Freie zurückgegriffen. In dem Kurzarbeitsbereich ist das natürlich nicht möglich, und da hatten wir auch nicht genügend Arbeit. Jetzt gehen wir wieder aus der Kurzarbeit raus. Es sind noch wahrscheinlich weniger als 100 Mitarbeiter in Kurzarbeit - es geht also massiv zurück. Ich hoffe, dass spätestens im Spätsommer alle wieder aus der Kurzarbeit raus sind. Dann werden wir versuchen, die Geschäfte sukzessive hochzufahren und so viele unserer Partner wie möglich zu beschäftigen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Porträt von Johannes Züll, dem Chef von Studio Hamburg. © Studio Hamburg

AUDIO: Filmbranche: Licht am Ende des Tunnels (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.06.2020 | 19:00 Uhr