Stand: 12.10.2017 14:14 Uhr

"Femme fatale" und "Fräuleinwunder"

von Joachim Dicks

Wenn das Gastland auf der Buchmesse schon Frankreich heißt, überrascht es nicht, dass bei der Gelegenheit auch die Frauenbilder in Frankreich und Deutschland miteinander verglichen werden. Das schöne französische Wort "femme fatale" hat auch in Deutschland das Bild der französischen Frau mit geprägt. Aber inwiefern taugt es noch, um unsere gegenwärtigen Frauenbilder zutreffend zu charakterisieren. Auf einem Podium im Lesezelt auf der Agora des Messegeländes traf die Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau Bascha Mika auf die Schauspielerin Maria Furtwängler, die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, die französische Journalistin Cecile Calla und auf den Filmkritiker Rüdiger Suchsland, um genau dieser Frage nachzugehen.

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Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau.

Die "Femme fatale", darauf weist Bascha Mika schon bei der Begrüßung hin, ist nichts weiter als ein Klischee. Und zwar ein ärgerliches. Und davon kursieren zwischen Deutschland und Frankreich einige. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, die zuletzt ein Buch über "Das Geheimnis der Mode" veröffentlicht hat: "Was mich momentan als Klischee am meisten ärgert, ist dass viele in Deutschland sagen, die Fanzösinnen müssen Karriere machen, müssen Kinder haben, müssen Geliebte sein, müssen Ehefrau sein anstatt zu sagen, guck mal wie wunderbar, sie können das alles und sie dürfen das alles."

Filmkritiker Rüdiger Suchsland ignoriert die Haarfarbe seiner Gesprächsparternerinnen und empört sich darüber, dass immer noch ziemlich viele zu glauben scheinen, "dass die Deutschen alle blond sind. Das ist so ein sehr dummes Klischee. Das denken viele im Ausland, in Frankreich auch."

Deutschland hat Promis, Frankreich hat Stars

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Die französische Schauspielerin Jeanne Moreau.

Für Maria Furtwängler steht fest: am unterschiedlichen Umgang mit Schauspielern, insbesondere Schauspielerinnnen, lassen sich am deutlichsten die unterschiedlichen Frauenbilder in Frankreich und Deutschland ausmachen: "Da gibt’s eine schöne Geschichte. Der Gorkow hat das in der Süddeutschen Zeitung erzählt. Hier in Deutschland haben wir Promis und in Frankreich gibt es Stars. Und er saß mittags bei einem Kaffee in Paris in einem Restaurant und irgendwann kam Jeanne Moreau rein, die Leute legten ihr Besteck zur Seite und fingen an zu klatschen, bis sie sich setzte und dann wurde weiter gegessen. Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, aber so etwas kann man sich in Deutschland definitiv nicht vorstellen."

Überhaupt lassen sich in Deutschland keine vergleichbaren Schauspielerinnen finden, die ähnlich würdevoll vor der Kamera altern dürften wie Catherine Deneuve, Isabelle Huppert oder Juliette Binoche. Hannelore Elsner vielleicht noch, meint Barbara Vinken: "Es gibt ja diesen Spruch, er wird immer Yves Saint-Laurent zugesprochen: En  femmes, il n’y a pas d’ảge. Also eine Frau hat kein Alter. Und das, finde ich, ist für die französische Kultur prägend, dass es eine Kultur ist, die Weiblichkeit liebt, die Weiblichkeit bewundert. Die nicht denkt, dass, wenn man als Frau Autorität will, man seiner Weiblichkeit abschwören muss. Das ist ja das deutsche Dilemma.“"

Alte Rollenbilder und der Feminismus

Maria Furtwängler bei der Aufzeichnung der ARD-Quizshow 'Wer weiß denn sowas? XXL' im Studio Hamburg. Hamburg, 13.06.2016 © picture alliance/Geisler-Fotopress Fotograf: gbrci

"Femme fatale" auf der Frankfurter Buchmesse

NDR Kultur - Journal extra -

Unter der Überschrift "Femme fatale" diskutiert ein prominent besetztes Podium auf der Frankfurter Buchmesse über die aktuellen Frauenbilder zwischen Deutschland und Frankreich.

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Immerhin: in den letzten zwanzig Jahren habe es schon einen Wandel gegeben. Allmählich fände ein Umdenken statt. Obwohl auch die Frauen sich manchmal schwer damit tun, die alten Rollenbilder abzulegen. Maria Furtwängler: "Mein Aha-Moment war  schon vor vielen Jahren. Ich sitze in einem Flugzeug, man muss sagen, ich bin eine ängstliche Passagierin, und höre zum ersten Mal eine weibliche Stimme, die sagt: ‚Guten Tag, ich bin Frau Meier, ich bin ihre Kapitänin auf dem Flug nach Berlin.‘ Und mein Reflex war: Scheiße, wie komm ich hier raus. Und ich war empört von mir und sagte mir: Maria, selbstverständlich, warum soll eine Frau nicht Pilotin sein können, ist doch lächerlich. Aber in mir, in meinem tiefsten Innern, in meinem Unterbewusstsein war eben kein Bild von einer Pilotin."

Und wie steht es um den Begriff des Feminismus? Cécile Calla, geboren in Paris, seit 2003 Deutschland-Korrespondentin für französische Zeitungen: „Der ist auch in Frankreich negativ behaftet. Wir haben auch dieses Bild von frustrierten, wütenden Frauen, die Männer hassen. Aber hier in Deutschland ist er noch negativer: Wenn man sagt, ich bin Feministin, dann denkt man, huch, habe ich jetzt gerade einen Mantel mit Stachel angezogen."

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